Zwei Pflegeprofis machen Gesundheitspolitik

Bundesbern

Sie arbeiten weiterhin in der Schule und am Bett, lesen nachts Dossiers und debattieren tagsüber im Nationalrat: Farah Rumy und Patrick Hässig bringen Pflegepraxis direkt in die Bundespolitik. An der Fachtagung Zukunft: Spitex sprechen sie über Milizparlament, DigiSante, das elektronische Gesundheitsdossier, die Pflegeinitiative – und darüber, weshalb Mails aus der Praxis manchmal mehr bewirken als Parteipapiere.

Sie sind beide noch nicht lange im Nationalrat. Wie hat sich der Alltag verändert?

Farah Rumy: Ich bin seit zwei Jahren Nationalrätin und weiterhin Berufsschullehrerin. Mein Alltag hat sich komplett verändert – im Guten. Ich darf auf dieser Ebene das Gesundheitspersonal vertreten. Gleichzeitig bin ich Mitglied der Aussenpolitischen Kommission und arbeite mich auch dort tief ein. Es ist eine Vollzeitstelle, nur schon das Parlamentsmandat.

Patrick Hässig: Das Leben wurde auf den Kopf gestellt. Nationalrat sein kann man nicht lernen. Man kommt nach Bern, die Türen gehen auf – und alles läuft schon. Es ist eine Hohlschuld: Man muss selbst herausfinden, wie Politik funktioniert. Und was ich massiv unterschätzt habe: wie viel Zeit das Lesen braucht. Meinungen reichen nicht, man muss die Fakten kennen.

Wie gehen Sie mit der Menge und Heterogenität der Dossiers um?

Rumy: Ein Dossier hat schnell 50 Seiten, meist deutlich mehr. Und ich lese alles. Weil jederzeit jemand anrufen und eine Einschätzung verlangen kann – zu Geopolitik oder zu Gesundheitsthemen. Wichtig ist, dossierfest zu sein und zu wissen, wo man sich zusätzlich absichern kann. Die wissenschaftlichen Mitarbeitenden der Kommissionen sind enorm wertvoll.

Hässig: Ich habe einen persönlichen Mitarbeiter, der mir Zusammenfassungen macht. Sonst ist das kaum zu bewältigen. Aber entscheidend bleibt: Ich arbeite weiterhin im Kindernotfall des Stadtspital Zürich Triemli. Dieser Praxisbezug gibt in der Kommission Gewicht. Wenn jemand spricht, der noch im Beruf steht, hört man anders zu.

Letztes Jahr war DigiSante mit viel Drive Thema. Wo steht das Projekt heute?

Hässig: Die Digitalisierung ist nicht dort, wo sie sein sollte. Das elektronische Patientendossier war eine peinliche Geschichte für unser Land. Jetzt übernimmt der Bund, das elektronische Gesundheitsdossier soll obligatorisch werden – mit Opt-out. Die Leistungserbringer werden verpflichtet sein, es zu führen. In der Kommission diskutieren wir bald konkret die Ausgestaltung. Entscheidend wird sein: Akzeptanz in der Bevölkerung.

Rumy: DigiSante ist das Dach. Das Parlament hat es verabschiedet, jetzt kommt die Ausgestaltung durch den Bundesrat. Mein grosses Thema ist die Finanzierung. Gleichzeitig sehen wir: Europa baut mit dem European Health Data Space eine riesige Infrastruktur auf. Wenn wir in sechs bis acht Jahren nicht kompatibel sind, verpassen wir Chancen in Forschung, Behandlung und bei Rare Diseases.

Wo seht ihr aktuell die grössten Defizite?

Hässig: Die Interoperabilität. Jedes Spital, jede Apotheke, jede Spitex, jede Praxis hat eigene Tools. Wenn ein Patient vom Hausarzt in den Notfall kommt und wir die Blutwerte vom Morgen nicht sehen, machen wir alles nochmals. In der Summe wird das teuer.

Rumy: Daten fehlen nicht nur – sie sind oft nicht zugänglich. Und Transparenz ist ein grosses Problem. Diese Blackbox erschwert auch die Steuerung durch das BAG. Gleichzeitig steht die Finanzierung überall unter Druck. Wir haben in der letzten Session 30 Millionen beim BAG gestrichen. Und erwarten gleichzeitig grosse digitale Sprünge. Das passt nicht zusammen.

Hässig: Das BAG ist mit Projekten überladen. Und überall reden unglaublich viele Player mit: Ärzte, Versicherer, Pharma, Tarifpartner. Dazu kommt der Spardruck aus dem Parlament.

Was nehmen Sie aus der Frühjahrssession konkret für die Pflege mit?

Rumy: Die Pflegeinitiative. Jetzt geht es in die entscheidende Debatte. Fachkräftemangel ist real. Wir müssen Sorge zu unseren Fachpersonen tragen.

Hässig: Am 28. und 29. April wird im Nationalrat eine Monsterdebatte stattfinden, mit über 50 Anträgen. Es geht um Arbeitsbedingungen, Personalausstattung, Zuschläge, Pausenregelungen. Und um das Gesundheitsberufegesetz: APN, Finanzierung, verkürzte Passerellen. Heute dauert der Weg zum Master teils länger als ein Medizinstudium. Das müssen wir verschlanken.

Die Finanzierung von APN in der Spitex ist nicht gesichert. Was können wir tun?

Hässig: Das Parlament diskutiert aktuell erst die Rolle der APN als Leistungserbringende. Die Finanzierungsfrage kommt danach. Wir sind bereits im vorparlamentarischen Prozess daran, Allianzen zu schmieden – auch mit Pflegeheimen.

Rumy: Über das Ziel sind wir uns einig. APN müssen in allen Settings finanziert werden. Aber jetzt kommt zuerst Schritt eins.

Was wünschen Sie sich konkret von der Praxis?

Rumy: Schreibt Mails. Macht Sessionsbriefe. Sprecht Politikerinnen und Politiker an. In den Kommissionen merkt man, wie wenig Verständnis teilweise für Pflegearbeit vorhanden ist. Eure Stimmen sind enorm wichtig.

Hässig: Beobachtungen aus der Praxis sind Gold wert. Das hilft uns in den Debatten mehr als vieles andere.


Erkenntnisse

  1. Pflegepraxis verleiht politischem Gewicht
    Wer weiterhin im Beruf arbeitet, bringt Glaubwürdigkeit und konkrete Beispiele in Kommissionen und Debatten ein – das wird gehört.
  2. Politik ist Dossierarbeit, nicht Meinungsarbeit
    Entscheidend ist, Fakten zu kennen, Dossiers zu beherrschen und sich fachlich abzusichern.
  3. Digitalisierung scheitert an fehlender Interoperabilität
    Nicht Datenmangel, sondern Systeme, die nicht miteinander sprechen, verursachen Ineffizienz und Kosten.
  4. Pflegeinitiative und APN kommen – aber Schritt für Schritt
    Zuerst Rollen klären, dann Finanzierung regeln. Der Prozess ist politisch und zeitlich gestaffelt.
  5. Praxisstimmen haben direkten Einfluss
    Mails, Sessionsbriefe und Rückmeldungen aus dem Alltag helfen Parlamentariern mehr als Parteipapiere.

Zitate Farah Rumy

«Wir müssen ein elektronisches Gesundheitsdossier schaffen, dem die Bevölkerung vertraut – sonst scheitert es an der Urne.»
«Wenn ihr etwas verändern wollt: Schreibt uns. Eure Praxisstimmen haben politisches Gewicht.»

Zitate Patrick Hässig

«Meinungen sind keine Fakten. Darum lese ich nächtelang Dossiers.»
«Systeme, die nicht miteinander sprechen, kosten uns jeden Tag Geld – und Nerven.»


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Deklaration: Das Interview wurde aufgezeichnet und dieser Text ist mittels KI entstanden.