Wie die Zentralschweiz Versorgung neu zusammendenkt
Die Gesundheitsversorgung endet nicht an Kantonsgrenzen. Dr. iur. Michaela Tschuor, Regierungspräsidentin Kanton Luzern, Vorsteherin des Gesundheits- und Sozialdepartements zeigte auf, wie die Zentralschweiz Spitalplanung, Kindermedizin, Digitalisierung und integrierte Versorgung regionaler denken will. Im Zentrum steht eine Frage, die auch für Spitex zentral ist: Wie lassen sich historisch getrennte Systeme so verbinden, dass für Patientinnen und Patienten weniger Brüche entstehen?
Grenzen überwinden statt Zuständigkeiten verwalten
Der Ausgangspunkt des Referats war ein Begriff, der derzeit in der Gesundheitspolitik häufig fällt: Grenzenlosigkeit. Gemeint ist nicht Auflösung um jeden Preis, sondern die Bereitschaft, eingespielte Trennlinien zu hinterfragen. Zwischen Kantonen, zwischen Institutionen, aber auch zwischen ambulanter und stationärer Versorgung bestehen historisch gewachsene Grenzen. Genau dort sieht Michaela Tschuor den Hebel für die nächsten Jahre. Aus ihrer Sicht reicht es nicht mehr, wenn jede Institution für sich optimiert. Gefragt sind regionale Lösungen, die sich an Versorgungspfaden orientieren statt an Organigrammen. Das gilt zunächst für die Zentralschweiz, langfristig aber auch darüber hinaus. Das Ziel ist eine integrierte Versorgung, die nicht nur im Einzelfall funktioniert, sondern in einer ganzen Region verlässlich organisiert ist. Dass dies nicht von heute auf morgen gelingt, machte das Referat ebenfalls deutlich. Die Zentralschweiz ist auf dem Weg, aber noch nicht am Ziel.
Wo die Zentralschweiz bereits zusammenarbeitet
Um zu zeigen, dass regionale Zusammenarbeit keine abstrakte Idee ist, verwies Michaela Tschuor auf mehrere bestehende Beispiele. Besonders prägend ist der Spitalverbund zwischen Luzern und Nidwalden. Seit 2021 gehört das Kantonsspital Nidwalden zur LUKS-Gruppe. Dieser Schritt war politisch mutig, hat sich aus Sicht von Michaela Tschuor aber bewährt. Entscheidend sei, dass ein solcher Verbund nicht zu einem Machtgefälle führt, sondern zu mehr Abstimmung. Luzern und Nidwalden arbeiten deshalb an einer gemeinsamen Medizinalstrategie, um festzulegen, welche Leistungen an welchen Standorten erbracht werden. Gerade dieses Beispiel zeigt, dass regionale Kooperation nicht konfliktfrei verläuft. Es braucht laufende Abstimmung, gegenseitige Rücksichtnahme und die Bereitschaft, Entscheidungen nachzujustieren. Genau darin liegt aber offenbar auch die Stärke solcher Verbünde: Sie zwingen die Beteiligten, nicht nur formal, sondern tatsächlich gemeinsam zu planen.
Ein zweites Beispiel ist das Kinderspital Zentralschweiz. Der neue Name ist bewusst gewählt. Er markiert den Anspruch, pädiatrische Versorgung nicht mehr nur aus Luzerner Perspektive zu denken, sondern regional. Mit dem neuen Kinderspital, das im September 2026 in Betrieb gehen soll, wächst auch der Anspruch an eine gemeinsame Strategie der Zentralschweizer Kantone. Pädiatrie, Kinderchirurgie und Frauenklinik sollen näher zusammenrücken. Gleichzeitig wird die Kinderspitex als wichtiger Teil dieser Versorgungslandschaft ausdrücklich mitgedacht. Das ist bemerkenswert, weil damit klar wird: Hochspezialisierte Versorgung und häusliche Versorgung dürfen nicht nebeneinander geplant werden.
Neben diesen grossen Projekten gibt es laut Referentin weitere Institutionen und Organisationen, die bereits heute kantonsübergreifend koordiniert oder mitfinanziert werden. Nicht jedes Modell ist gleich aufgebaut, doch die Richtung ist ähnlich: Kräfte bündeln, Zuständigkeiten abstimmen, Angebote gemeinsam tragen.
Ohne Digitalisierung bleibt Vernetzung Stückwerk
Ein weiterer Schwerpunkt war die Digitalisierung. Wenn Versorgung sektorübergreifend funktionieren soll, müssen Informationen fliessen. Genau daran hapert es heute oft. Michaela Tschuor verwies auf den Verband eHealth Zentralschweiz, in dem Kantone, Spitäler, Verbände und weitere Akteure zusammenarbeiten. Ursprünglich stand dabei das elektronische Patientendossier im Zentrum. Inzwischen ist die Ernüchterung spürbar. Die Umsetzung geht zu langsam, der Nutzen bleibt vielerorts hinter den Erwartungen zurück. Für die Zentralschweiz ist klar: Warten allein reicht nicht. Darum wurde der Verband neu ausgerichtet. Ziel ist es, die Digitalisierung gemeinsam schneller voranzutreiben. Das ist mehr als ein technisches Thema. Ohne digitale Schnittstellen bleiben integrierte Modelle aufwändig, fehleranfällig und stark von persönlichem Engagement abhängig. Gerade für Spitex ist das eine bekannte Realität. Wer täglich mit Spitälern, Hausärztinnen und Hausärzten, Pflegeheimen und weiteren Stellen zusammenarbeitet, weiss, wie rasch Medienbrüche zu Verzögerungen oder Missverständnissen führen.
Die nächste Etappe: Kooperation wird regionaler
Dass die Zentralschweiz die Zusammenarbeit ausbauen will, zeigte Michaela Tschuor mit Blick auf Obwalden. Die Bevölkerung hat Ende November dem Spitalverbund mit Luzern sehr deutlich zugestimmt. Auch hier soll eine gemeinsame medizinische Strategie entstehen. Besonders wichtig sei dabei, dass die Grund- und Notfallversorgung in Sarnen erhalten bleibt. Regionale Kooperation bedeutet also nicht zwingend Zentralisierung, sondern eine neue Arbeitsteilung.
Noch weiter geht der Blick bei der überkantonalen Spitalplanung. Die sechs Zentralschweizer Kantone haben gemeinsam beschlossen, die Planung künftig zusammen anzuschauen. Eine externe Analyse soll klären, welche Chancen, Risiken und Effizienzgewinne damit verbunden sind. Diese Entscheidung versteht Michaela Tschuor auch als Antwort auf den Vorwurf, die Kantone würden zu stark in ihren eigenen Grenzen denken. Ihr Einwand ist deutlich: In vielen Regionen existiert diese überkantonale Zusammenarbeit längst. Sie ist komplex, aber sie findet statt. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine gemeinsame Spitalplanung nicht beim Spital enden kann. Wer Leistungen neu verteilt und stärker ambulant ausrichtet, verändert automatisch auch die Anforderungen an nachgelagerte Angebote. Genau hier rückt Spitex ins Zentrum.

Integrierte Versorgung im Kanton Luzern: vom Bedarf zur Strategie
Den Kern des Referats bildete die kantonale Strategie für integrierte Gesundheitsversorgung. Michaela Tschuor betonte, dass dieses Projekt nicht am Reissbrett entstanden sei. Der Impuls kam aus dem Feld: aus Spitex-Organisationen, Pflegeheimen, Sozialinstitutionen und Spitälern. Der Kanton habe diese Bewegung aufgenommen, gebündelt und in eine strategische Form überführt. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Mehr chronische Erkrankungen, mehr psychische Belastungen, komplexere Behandlungen und begrenzte personelle wie finanzielle Ressourcen erhöhen den Druck auf alle Beteiligten. Gleichzeitig entstehen trotz bestehender Zusammenarbeit nach wie vor viele Schnittstellen und Brüche. Die Antwort darauf kann aus Sicht des Kantons nicht sein, immer neue Angebote aufzubauen. Entscheidend sei vielmehr, Bestehendes besser zu koordinieren.
Im Kanton Luzern wurde deshalb 2024 nicht nur eine klassische Spitalplanung erstellt, sondern ein umfassender Planungsbericht zur Gesundheitsversorgung. Daraus wurde unter anderem die Strategie «Integrierte Gesundheitsversorgung Luzern» abgeleitet. Erarbeitet wurde sie in einem rund anderthalbjährigen Prozess mit etwa 120 Akteurinnen und Akteuren aus Medizin, Pflege, Sozialbereich und Politik. Bereits dieser Entstehungsprozess signalisiert, worauf es dem Kanton ankommt: Partizipation, gemeinsame Begriffe und geteilte Verantwortung.
Was integrierte Versorgung konkret bedeutet
Besonders wichtig war Michaela Tschuor, den Begriff zu schärfen. Integrierte Versorgung ist für sie nicht einfach gute Zusammenarbeit im Alltag. Dass eine Hausarztpraxis bei Bedarf die Spitex kontaktiert, ist wertvoll, genügt aber nicht. Gemeint ist eine verbindlich organisierte, strukturierte Zusammenarbeit über Sektoren hinweg. Dazu gehören gemeinsame Behandlungspfade, abgestimmte Zuständigkeiten und im Idealfall auch vertragliche Grundlagen.
Der Kanton denkt dabei den ganzen Versorgungsbogen mit: von Prävention und Früherkennung über Behandlung bis hin zu Langzeitpflege und palliativer Begleitung. Im Mittelpunkt steht stets die Patientin oder der Patient. Rund um diesen roten Punkt, wie ihn Michaela Tschuor auf einer Folie nannte, sollen sich alle relevanten Akteure vernetzen: Spitäler, Haus- und Facharztpraxen, Spitex, Pflegezentren, Apotheken, Rehakliniken, Geburtshäuser, Versicherungen und weitere soziale Organisationen.
Auffällig ist dabei der Anspruch an Verbindlichkeit. Integrierte Versorgung soll nicht von einzelnen engagierten Personen abhängen, sondern belastbare Strukturen schaffen. Dass die Digitalisierung noch hinterherhinkt, wurde offen angesprochen. Gerade deshalb will der Kanton auch Schnittstellen mitfinanzieren. Zugleich zollte Michaela Tschuor der Spitex Anerkennung: Sie sei digital oft weiter als andere Berufsgruppen. Die Herausforderung bestehe nun darin, diese Systeme anschlussfähig zu machen.
Der Kanton will fördern und fordern
Spannend ist die Rolle des Staates. Luzern setzt weder auf reine Freiwilligkeit noch auf einen harten Top-down-Ansatz. Gewählt wurde ein Mittelweg. Der Kanton moderiert, begleitet und setzt zugleich verbindliche Rahmenbedingungen. So wird derzeit ein eigenes Kapitel zur integrierten Versorgung im Gesundheitsgesetz erarbeitet.
Parallel dazu stellt der Kanton von 2026 bis 2030 insgesamt rund 7 Millionen Franken für Förderprojekte bereit. Unterstützt werden Vorhaben, in denen sich beispielsweise Spitex, Hausarztpraxis, Spital und allenfalls Pflegeheim zu konkreten Versorgungspfaden zusammenschliessen. Denkbar sind Projekte zu Diabetes, Herzinsuffizienz oder anderen Krankheitsbildern, bei denen koordinierte Versorgung besonders wichtig ist. Damit dies nicht auf dem Papier stehen bleibt, wurde eine Koordinationsstelle geschaffen. Sie begleitet Anträge, prüft Projekte vor und macht gute Beispiele sichtbar. Ergänzend dazu gibt es ein Forum für den regelmässigen Austausch sowie ein Advisory Board, in dem Fachpersonen aus verschiedenen Disziplinen die Regierung beraten. Auch Patientinnen und Patienten sind vertreten. Das ist ein Signal: Integrierte Versorgung soll nicht nur organisiert, sondern auch kritisch begleitet werden.
Warum Spitex eine Schlüsselrolle hat
Für Spitex enthält die Strategie eine klare Botschaft. Wenn mehr ambulant behandelt wird, braucht es stärkere Strukturen zu Hause. Frühere Spitalaustritte, Hospital at Home, Palliative Care oder virtuelle Versorgungsmodelle funktionieren nur, wenn im Hintergrund genügend leistungsfähige ambulante Angebote vorhanden sind. Genau hier sieht der Kanton noch Nachholbedarf.
Im Kanton Luzern sind die Gemeinden für Spitex und Pflegeheime zuständig. Viele von ihnen, so die Einschätzung der Referentin, unterschätzen noch, wie stark sie künftig auf gut aufgestellte Spitex-Organisationen angewiesen sein werden. Der Kanton will deshalb die Gemeinden in den Versorgungsregionen gezielt sensibilisieren. Dabei geht es nicht zwingend um Fusionen, wohl aber um Verbünde, Kooperationen und gemeinsame Ausbildungsstrukturen. Wo immer möglich, sollen sich Organisationen regional stärker zusammenschliessen und Ressourcen teilen. Gerade dieser Punkt dürfte für viele Spitex-Organisationen entscheidend sein. Die politische Richtung ist klar: Ambulantisierung braucht nicht nur gute Absichten, sondern tragfähige ambulante Infrastrukturen. Wer diese nicht stärkt, verschiebt Probleme lediglich vom Spital in die Häuslichkeit.
Ein politisches Signal mit Folgen
Das Referat zeigte eindrücklich, dass integrierte Versorgung in der Zentralschweiz nicht mehr nur ein Fachbegriff ist, sondern zunehmend zur politischen Leitidee wird. Noch ist vieles im Aufbau, manches bleibt offen, und nicht jede Kooperation wird automatisch zum Erfolgsmodell. Aber der Grundsatz ist gesetzt: Versorgung soll regionaler, verbindlicher und koordinierter werden. Für die Spitex ist das Chance und Auftrag zugleich. Die Organisationen werden nicht nur als Ergänzung mitgedacht, sondern als tragende Säule eines Systems, das mehr ambulant leisten will. Damit wächst ihre Verantwortung, aber auch ihr politisches Gewicht.
Erkenntnisse
- Versorgung muss Grenzen aktiv überwinden
Historisch gewachsene Trennlinien zwischen Kantonen, Institutionen und Versorgungsbereichen verhindern eine durchgängige Betreuung. Künftig zählt nicht mehr Zuständigkeit, sondern der gesamte Versorgungspfad aus Sicht der Patientinnen und Patienten. - Regionale Kooperation ersetzt isolierte Optimierung
Einzelne Organisationen können das System nicht mehr für sich allein verbessern. Wirksame Lösungen entstehen nur, wenn Leistungen regional abgestimmt, gemeinsam geplant und verbindlich organisiert werden. - Integrierte Versorgung braucht Verbindlichkeit
Gute Zusammenarbeit im Alltag reicht nicht aus. Entscheidend sind strukturierte Netzwerke mit klaren Zuständigkeiten, gemeinsamen Behandlungspfaden und tragfähigen Rahmenbedingungen. - Digitalisierung ist Voraussetzung, nicht Kür
Ohne funktionierende digitale Schnittstellen bleibt Vernetzung ineffizient und fehleranfällig. Solange Informationen nicht fliessen, hängt integrierte Versorgung vom Engagement Einzelner ab statt von stabilen Strukturen. - Ambulantisierung verschiebt Verantwortung zur Spitex
Wenn mehr Behandlungen ausserhalb des Spitals stattfinden, wird die Spitex zur zentralen Trägerin der Versorgung. Ohne ausreichend starke ambulante Strukturen entstehen neue Versorgungslücken statt echter Entlastung.
Zitate Michaela Tschuor
«Das Ziel muss sein, besser zu koordinieren, anstatt mehr Leistung herzustellen.»
«Integrierte Versorgung funktioniert nicht top down. Das muss bottom up entstehen.»
Service
Deklaration: Das Referat wurde aufgezeichnet und dieser Text ist mittels KI entstanden.
