Warum Spitex-Mitarbeitende dreimal häufiger fehlen

Simon Michel

Spitex-Mitarbeitende fehlen im Schnitt deutlich häufiger als andere Erwerbstätige. Simon Michel ging mit seiner wissenschaftlichen Arbeit aus der Praxis der Frage nach, warum das so ist – und vor allem, wo Organisationen konkret ansetzen können. Die Resultate zeigen: Gesundheitsverhalten, Unternehmenskultur und Führungsverhalten sind entscheidende Hebel.

Eine Beobachtung aus dem Alltag wird zur Forschungsfrage

Als Simon Michel vor vier Jahren als Bereichsleiter Bildung bei einer Spitex-Organisation startete, fiel ihm ein Muster auf: Mitarbeitende waren auffallend oft krank. Ein Blick in die Daten bestätigte den Eindruck. Gemäss Schweizer Gesundheitsobservatorium (Obsan) fehlten Spitex-Mitarbeitende 2019 durchschnittlich 15,4 Tage pro Jahr. Bei den übrigen Erwerbstätigen waren es 5,74 Tage – also rund ein Drittel. Aus dieser Diskrepanz entstand die zentrale Frage der Arbeit: Was beeinflusst diese hohen Fehlzeiten – und was lässt sich dagegen tun?

Psychische Erkrankungen und Rückenbeschwerden dominieren

Eine systematische Literaturrecherche zeigte ein klares Bild: Besonders häufig sind psychische Erkrankungen, allen voran Depressionen. Stark vertreten sind zudem Muskel- und Skeletterkrankungen, insbesondere Rückenbeschwerden. Weitere Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Arbeitspensum oder Bildungsabschluss gelten gemäss Literatur ebenfalls als relevant.
Für die eigene Untersuchung wurden 40 Pflegefachpersonen aus zwei Spitex-Organisationen mittels strukturiertem Online-Fragebogen befragt. Die Auswertung erfolgte über eine multiple lineare Regression, um den Einfluss mehrerer Faktoren auf die Anzahl Krankheitstage statistisch sauber zu messen.

Drei Faktoren mit messbarem Einfluss

Die Resultate brachten keine revolutionär neuen Erkenntnisse – aber sie belegten wissenschaftlich, was viele aus dem Alltag kennen.
Gesundheitsverhalten
Je gesünder sich Mitarbeitende verhalten (Ernährung, Bewegung, Rauchverhalten, Regeneration), desto weniger fehlen sie. Der Zusammenhang war hochsignifikant.
Unternehmenskultur
Je positiver die Kultur wahrgenommen wird, desto geringer die Fehlzeiten. Auch dieser Zusammenhang war statistisch klar nachweisbar.
Führungsverhalten – das überraschende Resultat
Hier zeigte sich eine unerwartete Korrelation: Je schlechter das Führungsverhalten bewertet wurde, desto weniger Krankheitstage wurden ausgewiesen.

Dieses Resultat widerspricht der Literatur – und lässt zwei Deutungen zu:

  • In vertrauensvollen Teams trauen sich Mitarbeitende eher, bei Krankheit tatsächlich zu Hause zu bleiben.
  • In weniger unterstützenden Umfeldern tritt Präsentismus auf: Mitarbeitende kommen krank zur Arbeit, aus Pflichtgefühl, Berufsstolz oder wegen Personalmangel.

Gerade in der Pflege ist Präsentismus gemäss Studien stark verbreitet.

Wo Organisationen konkret ansetzen können

Aus den Ergebnissen leitete der Referent praxisnahe Handlungsempfehlungen ab.

Gesundheitsverhalten fördern
Die grössten Hebel liegen bei scheinbar einfachen Faktoren: Pausen, Erholung, Ernährung, Bewegung und Rauchverhalten. Hier müssen Organisationen nicht bei null beginnen. Es existieren zahlreiche Angebote von Präventionsorganisationen, die genutzt und verlinkt werden können. Zentral ist die Sensibilisierung: Mitarbeitende müssen verstehen, wie stark ihr Lebensstil ihre Gesundheit beeinflusst.
Unternehmenskultur glaubwürdig leben
Kultur zeigt sich nicht in Leitbildern, sondern im Alltag. Anhand eines Pausenraums lässt sich das illustrieren:

Ein schöner Pausenraum (Artefakt) nützt wenig, wenn Pausen im Arbeitsalltag nicht eingeplant (Normen) oder regelmässig unterbrochen werden (Verhalten), die Erholung der Pflegefachkräfte nicht als wichtig erachtet wird (Werte) oder grundsätzlich die Annahme vorherrscht, dass gute Leistung ohnehin nur durch permanente Verfügbarkeit entsteht (Grundannahmen).

Wenn formulierte Werte nicht gelebt werden, entstehen Spannungen – und diese können sich in Fehlzeiten niederschlagen.

Gesundheitsorientierte Führung (Health-Oriented Leadership)

Besonders viel Potenzial sieht die Arbeit im Konzept der gesundheitsorientierten Führung. Dieses unterscheidet zwei Ebenen:
Staff Care: Sorge für die Mitarbeitenden
Self Care: Sorge für die eigene Gesundheit der Führungsperson
Führungskräfte haben eine Vorbildwirkung. Studien zeigen: Sind Führungspersonen häufig krank oder leben ungesund, spiegelt sich das im Team.

Drei Dimensionen sind dabei zentral:
Value – Welchen Stellenwert hat Gesundheit?
Awareness – Werden Warnsignale wie gehäufte Kurzabsenzen erkannt?
Behavior – Welche konkreten Massnahmen folgen daraus?
Gefässe wie betriebliches Gesundheitsmanagement, Schulungen oder strukturierte Gespräche können helfen, diese Haltung in den Alltag zu übertragen.

Fazit: Kleine Hebel, grosse Wirkung

Die Studie zeigt deutlich: Fehlzeiten in der Spitex sind kein Zufall. Sie stehen in engem Zusammenhang mit beeinflussbaren Faktoren. Wer Gesundheitsverhalten fördert, Kultur glaubwürdig lebt und Führung gesundheitsorientiert denkt, kann die Situation spürbar verbessern.


Erkenntnisse

  1. Gesundheitsverhalten wirkt direkt auf Fehlzeiten
    Ernährung, Bewegung, Regeneration und Rauchverhalten haben einen klar messbaren Einfluss darauf, wie häufig Mitarbeitende fehlen.
  2. Gelebte Unternehmenskultur zählt mehr als Leitbilder
    Ob Pausen möglich sind, Erholung akzeptiert ist und Werte im Alltag sichtbar werden, beeinflusst die Gesundheit stärker als formale Vorgaben.
  3. Führung prägt Gesundheit – auch über Vorbildwirkung
    Gesundheitsorientierte Führung (Staff Care & Self Care) und das eigene Verhalten von Führungspersonen wirken sich direkt auf das Team und dessen Fehlzeiten aus.

Zitat Simon Michel

«Je gesünder sich Mitarbeitende verhalten und je positiver sie die Kultur erleben, desto seltener fehlen sie.»
«Führungspersonen beeinflussen die Gesundheit ihres Teams – nicht nur durch Worte, sondern durch ihr eigenes Verhalten.»


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