Politische Kontroverse über eine strukturelle Notwendigkeit

Politische Kontroverse über eine strukturelle Notwendigkeit


Oder warum das Schweizer Gesundheitswesen ohne pflegende Angehörige nicht mehr auskommt.


Gast: Pascal Girardat, Unternehmensberater Bain & Company, Gründer Lifestage Solutions AG, Verwaltungsrat der Prica Pflege Zürich sowie der Prica Management AG
Host: Martin Radtke, Co-Herausgeber Spitex-Drehscheibe 


Pascal Girardat zeichnet ein klares Bild: Ohne pflegende Angehörige funktioniert das Schweizer Gesund-heitswesen nicht. Was politisch kontrovers diskutiert wird, ist für ihn eine strukturelle Notwendigkeit.

Bis ins Jahr 2030 fehlen 43’000 Pflegefachpersonen. Es müssen immer mehr pflegebedürftige Menschen versorgt werden. Für Girardat ist deshalb offensichtlich: Ein erheblicher Teil der Versorgung wird und bleibt in den Händen von Angehörigen. «Ohne pflegende Angehörige entsteht eine Versorgungslücke, die wir mit professionellen Strukturen allein nicht schliessen können», sagt Pascal Girardat.

Er wehrt sich gegen die Darstellung, das Modell der pflegenden Angehörigen sei primär ein Geschäftsmodell. Auch pflegende Angehörige unterliegen klaren Vorgaben. Sie werden angeleitet, dokumentieren Leistungen, absolvieren innerhalb eines Jahres eine anerkannte Ausbildung und stehen unter fachlicher Begleitung. Qualitätssicherung und Vier-Augen-Prinzip sind zentrale Elemente von Prica, die sich auf dieses Segment spezialisiert hat.

Die häufige Reduktion der Debatte auf Tarife greift aus seiner Sicht zu kurz. Angehörige leisten weit mehr, als vergütet wird. Viele reduzieren ihre Erwerbstätigkeit oder geben sie ganz auf. Der volkswirtschaftliche Beitrag informeller Pflege sei erheblich, werde jedoch selten in Relation zu den diskutierten Kosten gesetzt.

Gleichzeitig sieht Pascal Girardat Verbesserungsbedarf. Prozesse müssten klarer definiert und administrativer Aufwand reduziert werden. Digitalisierung könne unterstützen, etwa beider Dokumentation. Entscheidend sei jedoch, die Rolle der Angehörigen realistisch anzuerkennen, und zwar als integrierten Bestandteil der Versorgung.


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