Digitalisierung braucht Menschen, nicht nur Systeme
Wer über digitale Transformation spricht, spricht oft zuerst über Tools, künstliche Intelligenz oder Automatisierung. Corinne Spirig, die heute in einem interdisziplinären Netzwerk für Digitalisierung und Transformation arbeitet, setzte an der Fachtagung einen anderen Fokus. Ihr Referat richtete den Blick auf die Menschen, die Digitalisierung im Alltag tragen müssen. Und auf die Spitex, die dabei eine Schlüsselrolle spielt, weil sie genau dort arbeitet, wo Versorgung, Alltag und Technologie direkt aufeinandertreffen.
Von der Pflege in die digitale Transformation
Corinne Spirig brachte für ihr Referat einen breiten Erfahrungshintergrund mit. Sie war mehr als 20 Jahre in der Gesundheitsbranche tätig, startete in der Pflege, arbeitete als Pflegeexpertin in verschiedenen Sektoren, wechselte später ins Projektmanagement und fand schliesslich in die Informatik. Seit gut einem Jahr ist sie zudem im Vereinswesen aktiv. Diese Laufbahn prägt ihren Blick auf die Digitalisierung: nicht als technisches Spezialthema, sondern als Veränderung, die das ganze Versorgungssystem betrifft.
Gerade in der Spitex sieht sie dabei viel mehr Fortschritt, als oft angenommen wird. Wer genau hinschaue, stelle fest, dass viele Organisationen bereits wichtige Schritte gemacht haben. Die Spitex sei keineswegs ein digitales Randphänomen, sondern ein zentraler Teil des Gesundheitswesens. Denn genau im Zuhause der Menschen entscheide sich, ob digitale Lösungen im Alltag funktionieren oder nicht.
Wo die Spitex systemrelevant ist
Für Corinne Spirig liegt die besondere Bedeutung der Spitex in ihrer Nähe zum Alltag. Hier treffen Systemlogik, Versorgungspfade und menschliche Lebensrealität direkt aufeinander. In diesem Umfeld stellen sich ganz konkrete Fragen: Wo bleibt die Menschlichkeit? Wer trägt welche Verantwortung? Welche Technologie hilft weiter und welche schafft bloss zusätzliche Komplexität?
Damit rückt die Spitex in eine Schlüsselposition. Während in gesundheitspolitischen Debatten oft zuerst an Spitäler, Versicherungen oder nationale Programme gedacht wird, findet der eigentliche Wandel aus ihrer Sicht häufig viel näher bei den Menschen statt. Die Spitex verbindet Hausarztpraxis, Institutionen, Angehörige und weitere Akteure. Genau deshalb beeinflusst sie nicht nur die eigene Arbeit, sondern das Funktionieren des ganzen Systems.

Zwischen hohem Druck und grossen Chancen
Die Ausgangslage ist bekannt, verliert aber nichts an Dringlichkeit. Das Schweizer Gesundheitswesen ist leistungsfähig, aber teuer. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte. Die Fälle werden komplexer, Multimorbidität nimmt zu, und der Koordinationsaufwand wächst. Für Corinne Spirig ist klar: Digitalisierung ist unter diesen Bedingungen keine Kür mehr, sondern notwendig, wenn Qualität gehalten und Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden sollen.
Dabei plädiert sie ausdrücklich nicht für Effizienz um jeden Preis. Effizienz sei dort sinnvoll, wo sie Mitarbeitende entlaste und die Versorgung verbessere. Gerade in der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit sieht sie grosses Potenzial. Denn viele Probleme entstehen weniger in einer einzelnen Organisation als in den Zwischenräumen zwischen den Akteuren.
Nicht die Technik fehlt, sondern die Verbindung
Genau hier setzt ihre Kritik an. Zwar digitalisieren viele Organisationen für sich. Arztpraxen, Spitäler, Pflegeheime oder Spitex-Regionen entwickeln ihre eigenen Lösungen. Was aber oft fehle, seien siloübergreifende Kompetenzen. Gemeint sind nicht nur technische Schnittstellen, sondern auch Menschen, die zwischen den Systemen vermitteln, übersetzen und koordinieren.
Diese Daten- und Schnittstellenkompetenz werde in Zukunft noch wichtiger. Denn kein zentrales Problem im Gesundheitswesen lasse sich heute noch allein lösen. Die Zukunft stehe längst vor der Tür, sagte Corinne Spirig sinngemäss, nun müsse man sie auch hineinlassen. Das verlangt neue Formen der Zusammenarbeit, mehr Offenheit und die Bereitschaft, Wissen zu teilen.
Ein Verein als neutrale Plattform
Aus genau diesen Herausforderungen heraus entstand der Verein, für den Corinne Spirig heute arbeitet. Acht Partner haben ihn im Rahmen der Innovationsförderung des Kantons Zürich aufgebaut. Ziel war es, einen neutralen Ort zu schaffen, an dem Akteure aus verschiedenen Sektoren auf Augenhöhe zusammenkommen können.
Inzwischen ist daraus nach ihren Angaben das grösste interdisziplinäre Netzwerk für Digitalisierung und Transformation im Schweizer Gesundheitswesen geworden. Rund 90 Mitglieder bringen sich ein, darunter auch grosse Akteure. Der Verein versteht sich als Non-Profit-Plattform. Er lebt von Mitgliederbeiträgen, organisiert zahlreiche Veranstaltungen und will Austausch, gemeinsames Lernen und praxisnahe Projekte ermöglichen.
Praxisnah statt technologisch überhöht
Anhand mehrerer Beispiele zeigte Corinne Spirig, wie diese Arbeit konkret aussieht. Ein Projekt befasste sich mit digitaler Schichtplanung. Dabei wurden Lösungen auf dem Markt verglichen und ihr Nutzen bewertet. Der Mehrwert solcher Analysen liegt für sie nicht nur in einer einzelnen Entscheidung, sondern auch darin, dass andere Organisationen nicht jedes Mal wieder bei null beginnen müssen.
Ein weiteres Beispiel betrifft Exoskelette. Diese neue Technologie wird derzeit in Institutionen der Langzeitpflege und der Spitex erprobt, um ihre Alltagstauglichkeit in pflegenahen Situationen zu prüfen. Ziel ist es, Erfahrungen zu sammeln, bevor einzelne Betriebe allenfalls selbst investieren.
Im Aufbau ist auch eine Erfahrungsaustauschgruppe für Spitex-Organisationen. Dort sollen Themen wie Automatisierung oder künstliche Intelligenz pragmatisch und praxisnah diskutiert werden. Nicht als Selbstzweck, sondern mit der Frage, was im Alltag tatsächlich gebraucht wird.
Erfolgreich wird Digitalisierung nur mit Beteiligung
Ein zentrales Argument ihres Referats lautete: Veränderungen lassen sich nicht einfach verordnen. Der Verein setzt deshalb stark auf Beteiligung, Vernetzung und gemeinsames Lernen. Dazu gehört auch, über Fehler zu sprechen. Ein Veranstaltungsformat mit dem bezeichnenden Namen «Shit Happens» zeigt genau das. Fehler passieren auch im Gesundheitswesen. Entscheidend ist, ob man daraus lernt.
Wichtig ist für Corinne Spirig zudem, Technologie nicht vorschnell mit Verkaufsgesprächen zu verwechseln. Institutionen bräuchten weniger Hochglanz und mehr ehrliche Problemlösung. Vertrauen und Transparenz seien darum zentrale Voraussetzungen. Anbieter und Leistungserbringende würden bewusst nicht einfach direkt zusammengeführt, sondern erst dann, wenn klar sei, wo der konkrete Bedarf liegt.
Der Blick auf 2030
Für die Spitex der Zukunft zeichnet Corinne Spirig kein abgehobenes Zukunftsbild. Bis 2030 sieht sie eine Organisation, die digital vernetzt ist, aber menschlich bleibt. Eine Spitex, die lernfähig ist, Daten- und Schnittstellenkompetenz aufbaut und sich als Mitgestalterin des Systems versteht.
Dazu gehört auch, die eigene Ausgangslage realistisch zu kennen. Organisationen müssen wissen, wo sie stehen, wo ihre Prioritäten liegen und welches Wissen ihnen noch fehlt. Nicht alles müsse alleine entwickelt werden. Vieles lasse sich übernehmen, adaptieren und gemeinsam weiterentwickeln. Gerade darin liegt für sie eine grosse Chance.
Am Ende blieb eine klare Botschaft: Digitalisierung entsteht nicht auf Folien und nicht in Strategiepapiere allein. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, voneinander zu lernen, Neues zu testen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Erkenntnisse
- Digitalisierung ist vor allem eine menschliche Aufgabe
Nicht Tools entscheiden über den Erfolg, sondern Menschen, die Veränderungen tragen, vermitteln und im Alltag umsetzen. - Die Spitex ist systemrelevant für digitale Versorgung
Im Zuhause der Menschen zeigt sich, ob Technologien im Zusammenspiel mit Alltag, Angehörigen und Leistungserbringenden funktionieren. - Das Hauptproblem sind Silos, nicht fehlende Technik
Es fehlt an Daten-, Schnittstellen- und Übersetzungskompetenz zwischen Organisationen – nicht an einzelnen digitalen Lösungen. - Vernetzung beschleunigt Lernen und verhindert Doppelarbeit
Interdisziplinäre Plattformen ermöglichen Erfahrungsaustausch, realistische Evaluation von Tools und gemeinsames Lernen aus Fehlern. - Digitalisierung entsteht durch Beteiligung, nicht durch Vorgaben
Akzeptanz wächst, wenn Organisationen ihren Standort kennen, Erfahrungen teilen und Lösungen gemeinsam entwickeln statt isoliert einzuführen.
Zitate Corinne Spirig
«Digitalisierung ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit.»
«Sie lebt nicht in Strategien auf dem Papier, sondern im Alltag und darin, wie wir sie gemeinsam gestalten.»
Service
Deklaration: Das Referat wurde aufgezeichnet und dieser Text ist mittels KI entstanden.
