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«Die Spitex muss neu gedacht werden»

«Es braucht eine juristische Klärung, was „Betreuung“ ist», sagt Prof. Dr. Carlo Knöpfel, Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. «Als Diskussionsbeitrag haben wir erstmals eine wissenschaftliche Definition entwickelt.» Ist das relevant für die Spitex? Beherrsche eine Spitex-Organisation das Themenfeld «Betreuung», werde sie eine Vorreiterrolle übernehmen, ist Carlo Knöpfel überzeugt. «Die Spitex muss neu gedacht werden.»

Prof. Dr. Carlo Knöpfel, Fachhochschule Nordwestschweiz

Sie haben in Ihrer Publikation erstmals den Begriff «Betreuung» wissenschaftlich definiert. Wie haben Sie die Definition entwickelt?
Carlo Knöpfel: Die Definition basiert einerseits auf der Vorstudie «Betreuung im Alter in der Schweiz», die wir früher gemacht haben. Anderseits haben wir vier Dialogtreffen mit Fachleuten, Betroffenen, Personen aus der Praxis sowie betreuenden Angehörigen durchgeführt. Die nun vorliegende Definition ist ein Kondensat all dieser Gespräche. Es war der Wunsch, Klarheit zu haben, was «Betreuung» meint. Aber es ist klar: Jetzt braucht es eine Diskussion über unsere Definition.

Warum ist die Definition wichtig?
Bisher ist «Betreuung» juristisch nicht gefasst und es gibt auch keine Rechtsgrundlage dafür. Doch mit der Motion «Ergänzungsleistungen für betreutes Wohnen», die im Dezember 2019 überwiesen wurde, wird es eine entsprechende Klärung brauchen. Ziel der Motion ist, dass betreutes Wohnen über Ergänzungsleistungen finanziert werden kann. Darum braucht es ein breites Verständnis, was Betreuung ist. Da reichen der Verweis auf einen Notrufknopf und ein paar Serviceleistungen nicht.

«Alle sollen sich Betreuung leisten können»

Wessen Aufgabe ist es, Betreuung zu erbringen?
Wir gehen von einem Betreuungsmix aus. Die Basis wird für die allermeisten die Angehörigen sein, also der Lebenspartner oder die Lebenspartnerin oder die Kinder. Je nach Situation braucht eine Person auch professionelle Betreuung. Der Zeitpunkt hängt von verschiedenen Faktoren ab: Beispielsweise vom Gesundheitszustand der Angehörigen, von der Verfügbarkeit – und natürlich von den Finanzen. Wer über ausreichend Mittel verfügt, kann sich professionelle Betreuung schon heute leisten. Doch bei rund zwanzig Prozent der AHV-Bezügerinnen und Bezüger liegt das Einkommen unter 4000 Franken im Monat – es ist das Einkommen von Paarhaushalten im Rentenalter. Das Renteneinkommen im untersten Quintil von Einpersonenhaushalten ist deutlich tiefer. Davon kann man knapp leben. Mit unserer Arbeit wollen darauf hinwirken, dass alle sich Betreuung leisten können.

Sie haben den Betreuungsmix grafisch dargestellt…
Ja, wir haben eine Betreuungsspirale entwickelt. Sie zeigt, dass sich das Betreuungsbedürfnis je nach Fragilisierung des Menschen verändert. Am Anfang braucht es im Alltag noch wenig Unterstützung. Je fragiler ein Mensch wird, desto mehr braucht er professionelle Unterstützung.

Phasenmodell Betreuung (Quelle: Wegweiser für
gute Betreuung im Alter)

Was mir bei Ihrer Spirale auffällt: Es gibt keine Angabe, in welchem Alter sich ein Zustand verändert.
Das biologische Alter hilft uns nicht weiter: Es gibt Menschen, die brauchen Betreuung mit 70, andere noch nicht mit 90. Das kann man nicht festmachen. Es gibt aber schon gewissen Hinweise, dass beispielsweise Menschen, die etwa 80 Jahre alt sind, häufig auf Betreuung angewiesen sind.

Menschen ohne Angehörige mitdenken

In der ersten Phase Ihrer Spirale unterstützen Angehörige oder Nachbarn bei der Betreuung…
… wenn solche überhaupt da sind! Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt alte Menschen, die haben keine Angehörigen und kaum sozialen Kontakt. Das sind häufig Frauen, die keine Kinder hatten, und mittlerweile verwitwet sind. Hier kann es gut sein, dass solche Menschen schneller als andere professionelle Hilfe brauchen. Es kann aber auch sein, dass kinderlose Frauen ihr Leben ganz anders organisieren, vielleicht mehr und intensiveren sozialen Austausch haben.

Wie machen Sie die Übergänge bei Ihrem Phasenmodell fest?
Das ist sehr individuell und kann nicht allgemein formuliert werden. Ein Kernthema ist die Mobilität. Nimmt sie ab, weil beispielsweise die Stufen beim Hauseingang nur noch mühsam oder gar nicht mehr überwunden werden können, nehmen häufig auch die sozialen Kontakte ab. So ein Mensch zieht sich in seine Wohnung zurück – und braucht wohl bald professionelle Unterstützung. Jemand muss das Essen bringen und den sozialen Austausch pflegen.

Bedarf nach Betreuung steigt enorm

Mit dem aktuellen Finanzierungsmodell kann diese Aufgabe keine Spitex-Organisation leisten.
Nein, das ist klar. Doch interessant scheint mir hier die Geschichte der Spitex: Früher, als es die Gemeindekrankenschwester gab, übernahm sie solche Aufgaben. Heute erbringt die Spitex-Leistungen viel medizinischer und technischer als früher. Doch der demografische Wandel zeigt, dass der Bedarf an Betreuungsleistungen enorm steigen wird.

Das ist Betreuung
Betreuung im Alter ist eine Unterstützungsform. Sie unterstützt Betagte dabei, trotz ihrer Einschränkungen den Alltag selbstständig zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
– Gute Betreuung zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich konsequent an den Bedürfnissen der betagten Person ausrichtet und nebst dem körperlichen auch das psychosoziale Wohlbefinden im Blick behält.
– Betreuung lässt sich nicht in einer Liste von Aufgaben oder Tätigkeiten zusammenfassen. Denn sie richtet sich nach den unterschiedlichen Unterstützungsbedürfnissen der betagten Person.
– Für eine gute Betreuung ist zweitrangig, welche Leistungen erbracht werden. Viel wichtiger ist die Frage, wie die Unterstützung erbracht wird.
– Gute Betreuung definiert sich als sorgende Beziehung und als unterstützendes Handeln. Dieses orientiert sich an der Lebensgeschichte, der Lebenssituation, den Bedürfnissen und dem Wohlbefinden der betagten Person.
– Gute Betreuung will Betagten ein sinnerfülltes und emotional stimmiges Leben ermöglichen.
– Gute Betreuung umfasst sowohl fördernde wie auch fürsorgliche Handlungen. Sie behält sowohl die Ressourcen als auch die Einschränkungen stets im Blick.
– Gute Betreuung wird über ein Netzwerk von Angehörigen, Bekannten, Nachbarn, ehrenamtlich Tätigen und professionellen Anbietenden geleistet – und bezieht die betreute Person mit ein.
– Betreuung versteht sich als Aufgabe, die nur in der Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen und Institutionen erfolgreich umgesetzt werden kann.

Begriffsklärung ist zwingend

Was muss sich in welche Richtung bewegen, damit «Betreuung» finanzierbar wird?
Es muss rechtlich geregelt werden, was «Betreuung» ist. Hierzu haben wir mit unserem Vorschlag der Definition einen ersten Schritt gemacht. Im politischen Diskurs muss geklärt werden, was zur Betreuung gehört und was nicht. Auch, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit jemand Mittel für Betreuung beantragen kann. Hier sind wir der Meinung, dass nicht bloss körperliche Kriterien berücksichtigt werden sollen, sondern dass die psychosoziale Situation mitberücksichtigt wird. Ich kann mir vorstellen, dass die Höhe des Jahreseinkommens auch eine Rolle spielen kann. Persönlich würde ich ein System begrüssen, bei dem jene Personen Geld bekommen, die wegen ihrer Hilflosigkeit alle Kriterien erfüllen. Sie könnten dann individuell und selbstbestimmt ihre Betreuungsleistungen selber einkaufen.

Das von Ihnen skizzierte Modell verlangt, dass die Gelder beantragt und die Betreuungsleistungen in einem unübersichtlichen Markt eingekauft werden müssen. Wer soll das machen, wenn die Person, die es betrifft, dazu nicht mehr in der Lage ist?
Wenn die betroffene Person das nicht selber kann, machen das die Angehörigen oder Bekannten. In anderen Bereichen ist das schon heute so. Bei Personen, die keine Vertrauenspersonen haben, stellt sich schon die Frage, wie sie vom Angebot erfahren. In solchen Fällen braucht es eine aufsuchende Sozialarbeit. Betreuung sehe ich mehr als Aufgabe des Sozialwesens als des Gesundheitswesens. Ich kann mir vorstellen, dass dies wieder eine Aufgabe der Spitex wird. Doch sie muss sich dafür neu organisieren. Der aktuell enge Fokus «Wir machen Pflegeleistungen» verhindert das Neudenken der Spitex als Akteur in einer Caring Community.

Spitex könnte Vorreiterin werden

Was meinen Sie mit «die Spitex neu denken»?
Die Aufgabe Betreuung wird zunehmen. Die Spitex sollte sich unbedingt Gedanken machen, was ihre Rolle mit dieser Ausgangslage sein könnte. Es ist völlig klar: Im Moment sind solche Leistungen noch nicht bezahlt. Doch diese Diskussion müsste angeschoben werden. Eine Spitex-Organisation, die dieses Themenfelder bewirtschaftet, wird eine Vorreiterrolle übernehmen. Spitex-Organisationen, die sich in diese Richtung entwickeln, brauchen teilweise anderes Personal mit anderen Fähigkeiten.

Ihr Plädoyer bedeutet, dass Spitex-Organisationen ein Stück weit wegkommen sollten vom starken Fokus auf die Pflege. Sie regen eine umfassendere Begleitung von Menschen an.
Absolut. Ich will das aber nicht gegeneinander ausspielen: medizinische Leistungen brauchen die Spitex-Kundinnen und -Kunden in jedem Fall. Doch es darf dort nicht aufhören. Spitex-Organisationen bräuchten zusätzliche Kompetenzen in ihren Reihen. Beispielsweise Fachpersonen für Sozialpädagogik und für Sozialarbeit. Eine aufsuchende Sozialarbeit könnte zudem einen Beitrag leisten für Prävention.

Echte Prävention fehlt vielerorts

Aber das machen Spitex-Organisation mit Hauswirtschaftsleistungen bereits…
Sind wir ehrlich: Das ist keine echte Prävention. Eine Spitex-Organisation kommt erst, wenn man sie ruft. Das ist oft zu spät. Die öffentliche Spitex muss übrigens aufpassen, dass sie in diesem Bereich nicht von den privaten Spitex-Organisationen überholt werden. Denn die machen das.

Was ist Ihre Botschaft an die Spitex?
Der Bund muss in nächster Zeit seinen Bericht zur Motion erarbeiten. Da hat das Thema «Betreuung» eine grosse Bedeutung, weil es erstmals juristisch gefasst wird. In diese Diskussion muss sich die Spitex zwingend einbringen.


Carlo Knöpfel ist seit 2012 Professor für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Von 2002 bis 2012 war er Mitglied der Geschäftsleitung von Caritas Schweiz, von 1993 bis 2002 leitete er die Stabsstelle Grundlagen und Evaluation bei Caritas Schweiz.

Prof. Dr. rer. pol. Carlo Knöpfel bearbeitet die Themenschwerpunkte Gesellschaftlicher Wandel und soziale Sicherheit, soziale Ungleichheit sowie Armut, Arbeitslosigkeit und Alter. Carlo Knöpfel ist zudem Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung für Sozialpolitik (SVSP).


Herausgegeben wurde der «Wegweiser für gute Betreuung im Alter» von folgenden sechs Stiftungen: Age-Stiftung, Beisheim Stiftung, MBF Foundations, Migros-Kulturprozent, Paul Schiller Stiftung und Walder Stiftung.