Zukunft Spitex: Zwischen politischem Einfluss und digitalem Wandel

Fachtagung Zukunft Spitex

Rund 160 Top-Kader aus Spitex und Industrie trafen sich in Olten zur diesjährigen Fachtagung Zukunft: Spitex. Die Fachtagung – sie war erneut ausverkauft – zeigte ein Spannungsfeld, das die Branche prägt: steigender Druck, komplexere Versorgung und gleichzeitig grosse Erwartungen an Digitalisierung und Zusammenarbeit. Deutlich wurde auch: Die entscheidenden Hebel liegen nicht nur in Technologien oder Strategien, sondern im Zusammenspiel von Politik, Führung und gelebter Praxis.

Politik verstehen – und aktiv mitgestalten

Den Auftakt bildete Patrick Imhof, Leiter Politik bei Spitex Schweiz, mit seinem Referat zur Rolle der Spitex in der Gesundheitspolitik. Die zentrale These: Wer nicht aktiv mitgestaltet, wird gestaltet. Oder wie er es sagte: «Wenn wir nicht mitreden, wird über uns gesprochen.» Politische Einflussnahme beginne nicht erst im Bundeshaus, sondern lange davor – in Vernehmlassungen, Netzwerken und im direkten Austausch mit Verwaltung und Politik.

Dabei relativierte Patrick Imhof auch die Wirkung parlamentarischer Instrumente. Tausende Vorstösse pro Jahr bedeuteten nicht automatisch Einfluss. Viele würden gar nie behandelt. Entscheidend sei vielmehr, früh präsent zu sein und Themen mitzuprägen. Gerade für Spitex-Organisationen eröffnen sich zahlreiche Ansatzpunkte auf kommunaler und kantonaler Ebene. Nähe, persönliche Kontakte und kontinuierliche Präsenz seien oft wirksamer als einzelne politische Vorstösse.

Zwischen Praxis und Parlament

Wie politische Arbeit konkret aussieht, zeigte das Doppelinterview mit den Nationalrätinnen und Nationalräten Farah Rumy (SP, SO) und Patrick Hässig (GLP, ZH). Beide verbinden parlamentarische Arbeit mit Tätigkeit in der Pflege und bringen damit Praxis direkt in politische Prozesse ein.

Deutlich wurde, wie anspruchsvoll das Milizparlament funktioniert. Dossiers umfassen oft weit mehr als 50 Seiten, Themen wechseln ständig, und fundierte Entscheidungen verlangen vertiefte Vorbereitung. Gleichzeitig bleibt der Praxisbezug entscheidend für Glaubwürdigkeit. Inhaltlich standen zentrale Themen im Fokus: Digitalisierung mit DigiSante, das elektronische Gesundheitsdossier, Finanzierung und die Umsetzung der Pflegeinitiative. Ein wiederkehrender Punkt war die mangelnde Interoperabilität im System und die daraus entstehenden Kosten und Ineffizienzen. «Systeme, die nicht miteinander sprechen, kosten uns jeden Tag Geld – und Nerven,» brachte Nationalrat Patrick Hässig auch seinen Pflegealltag auf den Punkt.

Ebenso klar fiel der Appell an die Praxis aus: «Wenn ihr etwas verändern wollt: Schreibt uns. Eure Praxisstimmen haben politisches Gewicht», motivierte Nationalrätin Farah Rumy die Spitex-Top-Kader. Rückmeldungen aus dem Alltag hätten politisches Gewicht.

Führung und Gesundheit: unterschätzte Hebel

Simon Michel zeigte in seiner Studie, dass Spitex-Mitarbeitende deutlich häufiger krankheitsbedingt fehlen als andere Erwerbstätige. Die Ursachen sind vielschichtig, aber nicht zufällig.
Drei Faktoren erwiesen sich als besonders relevant: Gesundheitsverhalten, Unternehmenskultur und Führungsverhalten. Gerade letzteres zeigte ein überraschendes Bild. Weniger unterstützende Führung kann dazu führen, dass Mitarbeitende trotz Krankheit arbeiten – ein Phänomen, das als Präsentismus bekannt ist.

Die Konsequenz: Führung beeinflusst Gesundheit direkt. Nicht nur durch Massnahmen, sondern durch Haltung und Vorbildwirkung im Alltag. «Je gesünder sich Mitarbeitende verhalten und je positiver sie die Kultur erleben, desto seltener fehlen sie», sagte Simon Michel.

Neuroleadership: Was Führung im Gehirn auslöst

Noch einen Schritt weiter ging Sabrina Bürgi, Leiterin Kerndienste der RegioSpitex Limmattal in ihren Ausführungen zum Neuroleadership. Es stellte die Frage, wie Führungsverhalten im Alltag tatsächlich wirkt – nicht auf Papier, sondern im Gehirn der Mitarbeitenden.

Anhand eines Praxisbeispiels wurde deutlich, wie schnell engagierte Mitarbeitende in Überlastung geraten können. Gut gemeinte Aussagen wie «Da müssen wir durch» können Stress verstärken und Unsicherheit auslösen. «Gut gemeinte Sätze können neurobiologisch genau das Gegenteil bewirken», so Sabrina Bürgi. Entscheidend sind laut Referentin drei Faktoren: psychologische Sicherheit, klare Kommunikation und gelebte Wertschätzung. Führung entscheidet damit mit, ob Mitarbeitende bleiben oder ausfallen.

Kommunikation: Sichtbar ist nicht gleich wirksam

Auch die interne Kommunikation stand im Fokus. Eine Untersuchung von Andrea Marijanovic, Social Media Managerin bei Spitex Zürich, zeigte, dass mehr Kanäle und höhere Sichtbarkeit nicht automatisch zu besserer Information führen. Am Beispiel von Infoscreens wurde deutlich: Die Aufmerksamkeit steigt, das Verhalten verändert sich jedoch kaum. Mitarbeitende orientieren sich vor allem an Relevanz und unmittelbarem Nutzen für ihren Arbeitsalltag.

Gleichzeitig entsteht die Informationsflut weniger durch zentrale Stellen als durch dezentrale Kommunikation innerhalb der Teams. Die zentrale Frage lautet daher nicht: über welchen Kanal, sondern: mit welchem Inhalt. Oder wie Andrea Marijanovic es zusammenfasste: «Die Sichtbarkeit erhöht die Aufmerksamkeit, aber die Relevanz entscheidet über die Wirkung.»

Versicherungsmodelle im Wandel

Die Perspektive der Versicherer skizzierte Sanjay Singh, Leiter Leistungen, Produkte & Health Services, Mitglied der Konzernleitung, CSS Versicherungen. Er zeigte eine weitere Dimension. Klassische Modelle mit festen Zugängen stossen an Grenzen. Weder Kosten noch Qualität liessen sich damit entscheidend verbessern.

Die Zukunft sieht Sanjay Singh in integrierten Netzwerken. Versorgung soll sektorenübergreifend organisiert werden – von ambulant bis stationär, ergänzt durch digitale Angebote. Beispiele aus Morges und dem Jura zeigen, wie solche Modelle funktionieren können: mit klaren Koordinationsrollen, gemeinsamer Datenbasis und neuen Formen der Zusammenarbeit. Für Spitex ergeben sich daraus neue Rollen, insbesondere in der Koordination und Begleitung von Patientinnen und Patienten. Wie entwickelt man solche neuen Ansätze? «Innovation entsteht nicht am Reissbrett, sondern im Austausch zwischen den Partnern», ist Sanjay Singh überzeugt.

Regionale Versorgung neu denken

Wie solche Zusammenarbeit konkret aussehen kann, zeigte das Referat von Dr. iur. Michaela Tschuor, Regierungspräsidentin Kanton Luzern, Vorsteherin des Gesundheits- und Sozialdepartements, aus der Zentralschweiz. Ziel ist eine stärker integrierte Versorgung über Kantons- und Institutionsgrenzen hinweg. Dabei wird deutlich: Kooperation bedeutet nicht zwingend Zentralisierung, sondern neue Arbeitsteilung. Projekte wie Spitalverbünde oder regionale Strategien zeigen, wie Versorgung neu organisiert werden kann. «Das Ziel muss sein, besser zu koordinieren, anstatt mehr Leistung herzustellen», so die Regierungspräsidentin des Kantons Luzern.

Für die Spitex ist die Botschaft eindeutig. Mit zunehmender Ambulantisierung wächst ihre Bedeutung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Koordination, Vernetzung und Leistungsfähigkeit.

Digitalisierung: vom Alltag her gedacht

Zurück an die Basis führte das Referat von Lena Saira Dick, Geschäftsleitung, Spitex Grenchen.
Am Beispiel von Spitex Grenchen wurde gezeigt, wie Digitalisierung konkret wirkt – nicht als Strategiepapier, sondern als Lösung alltäglicher Probleme. Ob Telefonie, Materialbewirtschaftung oder Medikamentenmanagement: Kleine, gezielte Anpassungen können grosse Wirkung entfalten. Entscheidend ist, dass sie den Alltag tatsächlich erleichtern. Gleichzeitig bleiben die grossen Herausforderungen bestehen: fragmentierte Systeme, fehlende Schnittstellen und hohe Anfangskosten. Digitalisierung funktioniert nur, wenn sie gemeinsam gedacht wird.

Digitalisierung braucht Menschen

Den Schlusspunkt setzte Corinne Spirig, COO und Projektleitung dhc Bülach mit ihrem Referat, das bewusst nicht bei Technologie ansetzte, sondern bei den Menschen. Digitalisierung funktioniert nur, wenn sie im Alltag ankommt und von den Mitarbeitenden mitgetragen wird. Die Spitex spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie verbindet Versorgungssysteme und ist gleichzeitig nah bei den Menschen. Gerade deshalb entscheidet sich hier, ob digitale Lösungen wirken oder scheitern.

Die Referentin plädierte für mehr Vernetzung, mehr gemeinsames Lernen und weniger Insellösungen. Nicht die Technik sei das grösste Problem, sondern fehlende Verbindung zwischen Systemen und Akteuren. Corinne Spirig hielt fest: «Digitalisierung ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit.»

Fazit: Viele Baustellen – ein gemeinsamer Nenner

Die Fachtagung machte deutlich, wie vielfältig die Herausforderungen für die Spitex sind. Politik, Finanzierung, Fachkräftemangel, Digitalisierung und Zusammenarbeit greifen ineinander.
Trotz unterschiedlicher Perspektiven zeigte sich ein gemeinsamer Nenner: Lösungen entstehen nicht isoliert. Weder Technik noch Politik allein reichen aus. Entscheidend ist das Zusammenspiel – zwischen Organisationen, Sektoren und Menschen.

Oder zugespitzt formuliert: Die Zukunft der Spitex wird nicht entschieden, sie wird gemacht. Die nächste Fachtagung Zukunft: Spitex findet am 8. April 2026 statt.


Deklaration: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von KI produziert.