Vier Schwyzer Kantonalverbände, die für die ambulante und stationäre Grundversorgungen verantwortlich sind, verpflichten sich mit der Schwyzer Loyalitäts Charta zu einer engeren Zusammenarbeit. «Kooperation ist eine herausfordernde Aufgabe», hält Stefan Knobel, Präsident Spitex Kantonalverband Schwyz, fest. Doch die Charta allein hilft nicht, die anstehenden Probleme zu lösen. Er ist überzeugt: «Wir brauchen fittere Klientinnen und Klienten!»

Stefan Knobel, Präsident Spitex Kantonalverband Schwyz

Was ist die Schwyzer Loyalitäts Charta?
Stefan Knobel: Die Charta ist eine Vereinbarung zwischen den Kantonalverbänden von Pro Senectute, dem Schweizerischen Roten Kreuz, Curaviva und der Spitex. Die nun vorliegende Schwyzer Loyalitäts Charta ist eine Weiterentwicklung einer Charta, die wir bereits vor rund drei Jahren im ambulanten Bereich unterzeichneten. Im Kern beschreibt die Charta, dass wir im Sinn unserer Kundinnen und Kunden sowie im Sinn der öffentlichen Hand zusammenarbeiten wollen.

Warum brauchen Sie für die Zusammenarbeit eine Charta?
Wir leben in einer Welt, in der man davon ausgeht, dass Konkurrenz der Treiber ist fürs Wirtschaften und fürs Zusammenleben. Konkurrenz hat in gewissen Bereichen durchaus seinen Platz. Doch im Leben spielen die Komponenten von Kooperation und sinnvoller Zusammenarbeit eine wichtigere Rolle. Das ist in der Biologie wie auch im Sozialen so. Ein konkretes Beispiel: Die Klientinnen und Klienten der Spitex-Organisationen brauchen Pflege, aber auch Betreuung. Das Rote Kreuz bietet Betreuung an. Die Charta verhindert, dass wir von der Spitex einen riesigen Betreuungs- und Entlastungsdienst aufbauen als Konkurrenz zum Roten Kreuz. Inzwischen ist die Personaldecke im Gesundheitswesen so dünn, dass wir uns ein solches Doppelangebot gar nicht leisten können.

Schwyzer Vorfahren als Inspirationsquelle für die Charta

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Charta zu formulieren?
Inspirationsquelle dafür ist eine Tradition im landwirtschaftlich geprägten Kanton Schwyz. Verschiedene Aufgaben sind hier in Korporationen und Genossamen organisiert. Seit fast tausend Jahren ist für die Leute in unserem Kanton klar: Die meisten Dinge erledigt man privat, wenige Sachen sind Aufgabe der Obrigkeit. Dazwischen gibt es einen dritten Bereich, der am sinnvollsten miteinander geregelt wird. Das galt damals so für Weiden, Wald, Weg und Wasser. Einen reissenden Bach konnte man nicht alleine bezwingen, dafür muss man sich zusammenschliessen. Für mich ist klar: Die Altersversorgung braucht diesen dritten Bereich der Kooperation. Denn: Altersversorgung kann man nur bis zu einem bestimmten Grad in den Familien regeln, wir können die Aufgabe auch nicht dem freien Markt überlassen und eine isolierte Lösung durch die Obrigkeit funktioniert auch nicht. Also sind wir Akteure gefordert, um dafür zu sorgen, dass wir für jeden Franken, den wir in diesem Bereich investieren, das Maximum für die Menschen herausholen.

Die Charta regelt ja nicht die Kernkompetenz der einzelnen Akteure, sondern die überlappenden Randbereiche. Was für Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Die Charta ist relativ schnell formuliert und unterzeichnet. Doch die Umsetzung ist ein steiniger Weg. Im Kanton Schwyz arbeiten zehn Spitex-Basisorganisationen mit insgesamt rund 420 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es dauert eine Weile, bis der Gedanke der Charta im Alltag angekommen ist. Hinzu kommt: Kooperation ist eine schwierige Aufgabe. Alle Organisationen haben einen volkswirtschaftlichen Auftrag und werden betriebswirtschaftlich gemessen. Sinn und Nutzen einer Kooperation erkennt nur, wer die Situation aus einer Metaebene betrachtet. Ein konkretes Beispiel: Wenn irgendwo eine Alterssiedlung entsteht, könnten die Heime auch eine Spitex-Konkordatsnummer lösen. Die Folge wäre für uns als Non-profit-Spitex, dass wir diese «rentablen», da ohne viel Wegzeit erreichbaren Klientinnen und Klienten nicht haben, was unseren Stundensatz ungünstig beeinflussen würde. Andererseits verzichten wir von der Spitex beispielsweise darauf, ein Bildungsprogramm für ältere Menschen und deren Angehörige zu entwickeln. In diesem Gebiet engagiert sich Pro Senectute schon seit Jahrzehnten.

Spitex-Mitarbeitende sind Kooperation gewohnt

Wie haben die Basis-Organisationen auf die Charta reagiert?
Sehr positiv. Spitex-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sind gewohnt zu kooperieren. Die Koordination zwischen Hausärztin, Mahlzeitendienst und anderen Serviceleistern gehört zum Alltag. Das Bewusst- und Sichtbarmachen von Schnittstellen zu anderen Organisationen ist und bleibt aber eine grosse Aufgabe.

Können Sie das konkret benennen?
Bei den Entlastungsangeboten für Angehörige ist es klar. Hier ist bei uns das Rote Kreuz stark. Es gibt auch Bereiche, da ist es anspruchsvoller. In unserem Gebiet gibt es derzeit vier Fahrdienste. Diese Struktur ist historisch gewachsen. Es wäre – aus Sicht der Klientinnen und Klienten – viel einfacher, wenn es nur eine einzige Anlaufstelle gäbe. Weitere Bereiche betreffen die Zukunft. Der Druck steigt, dass wir von der Spitex einen 24-Stunden-Service anbieten. Spitäler haben ein grosses Interesse daran, dass Leute nach Hause geschickt werden, die vielleicht noch eine Infusion haben. Die muss auch nachts überwacht oder gewechselt werden. Ähnliches gilt für Palliative Care. Hier müssen wir mit anderen zusammenarbeiten, denn den Betreuungsteil können wir nicht abrechnen.

Charta hat Leuchtturmfunktion

Ihre Charta hat gerade für die Zukunft eine Art Leuchtturmfunktion: Sie weist allen Beteiligten den Weg, wohin die Reise gehen soll.
Genau. Nehmen wir die Strategie «ambulant vor stationär». Das hat sich überholt. Heute muss es heissen: «ambulant und stationär». Spitex-Organisationen sind darauf angewiesen, dass wir in einer kritischen Situation eine Klientin oder einen Klienten für ein oder zwei Wochen in einem Heim stationär unterbringen können. Ziel eines solchen Aufenthalts ist es, dass sie ihre Kompetenzen wieder entwickeln können. Beispielsweise könnten sie trainieren, wieder selber Treppen zu steigen. Umgekehrt sind Institutionen darauf angewiesen, dass wir die Leute gut und zuverlässig zu Hause versorgen, wenn sie wieder nach Hause wollen.

Sind Sie mit dieser engeren Verzahnung ausreichend gewappnet für die Zukunft?
Nein, natürlich nicht. Es braucht viel mehr. Gegenüber heute haben wir bis 2040 rund 2,5-mal mehr Menschen, die über 80 Jahre alt sind. Das können wir ohne neue Ideen in der Zusammenarbeit gar nicht stemmen. Die Betreuung und Unterstützung müssen so gestaltet werden, dass die Betroffenen viel mehr Selbstständigkeit behalten. Denn Pflege, Betreuung und Unterstützung kann auch zu Abhängigkeit führen. Ich sehe die höhere Selbstständigkeit als Schlüssel für die Zukunft.

Helfen, es selbst zu tun

Sie wollen fittere ältere Menschen?
Fragen Sie einen Volkswirtschaftler nach dem Hebel für die Altersversorgung, bekommen Sie als Antwort: mehr Autonomie und Selbstständigkeit der älteren Menschen. Interessanterweise bekommt die gleiche Antwort, wer die älteren Menschen selbst fragt, was sie im Alter wollen: möglichst lange Unabhängigkeit sein und niemandem zur Last fallen. Das ist ja ein Glücksfall. Nun stellt sich die Frage: Wie schaffen wir es, dieses Streben nach Autonomie und Unabhängigkeit so zu unterstützen, dass dies auch tatsächlich auch ermöglicht wird. Hier sehe ich enormes Potenzial. Denn ich gehe davon aus, dass fünfzig bis siebzig Prozent einer Einschränkung gelernt ist und nur etwa dreissig bis fünfzig Prozent von einer Krankheit kommt.

Wie kommen Sie zu dieser Aussage?
Lassen Sie mich ein Beispiel machen: Jemand kann nicht mehr vom Stuhl aufstehen. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich ziehe die Person vom Stuhl hoch. Das braucht unheimlich viel Kraft und Energie. Oder ich unterstütze die Person so, dass sie selbst die Steuerung des Aufstehens beibehält. Ich helfe, es selbst zu tun. Hier liegt das Potential. Im Fall eins wird ein Mensch abhängig. Im Fall zwei bleibt er selbstständig. Ein zweites Beispiel ist die Sturzprävention. Wir räumen alles weg, damit ja niemand stolpert und fällt. Der viel produktivere Weg ist, mit älteren Menschen wieder zu lernen auf den Boden zu gehen und aufzustehen. Das hat zur Folge, dass die älteren Menschen die Beweglichkeit besser behalten und dadurch weniger stürzen oder, falls sie stürzen, sie sich weniger verletzen.

Mehr Lebensqualität durch mehr Unabhängigkeit

Ihre Antwort, wie wir der grossen Nachfrage nach Pflege und Betreuung zu Hause begegnen sollen, hat also zwei Säulen: Die insgesamt vorhandenen Ressourcen koordiniert einsetzen. Und, als zweite Säule, fittere Klientinnen und Klienten…
Mit Säule eins bin ich einverstanden, bei Säule zwei spreche ich lieber von Potenzialentfaltung. Es ist unmöglich, die Krankheit oder die Behinderung wegzuzaubern. Aber wir können den Menschen helfen, mit schlechten Karten gut zu spielen. Die Lebensqualität der Klientinnen und Klienten steigt, wenn sie unabhängiger werden oder bleiben. Das macht auch volkswirtschaftlich Sinn.

Wie sollen anderen Kantone oder Betriebe vorgehen, die auch eine solche Charta verabschieden wollen?
Wir haben es diskutiert: Die Charta ist wichtig im Sinne einer Leitplanke. Viel wichtiger aber ist, die tatsächliche Zusammenarbeit. Ich empfehle also, zuerst die Zusammenarbeit zu suchen und dann die Charta zu formulieren. Zusammenarbeit ist auf allen Stufen möglich und sinnvoll. Es gibt keinen Grund zu warten. Alle können noch heute damit anfangen.



Stefan Knobel ist seit 2015 Präsident vom Spitex Kantonalverband Schwyz und seit 2012 Präsident der Spitex Obermarch mit rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dem Spitex Kantonalverband Schwyz gehören 10 Spitex-Basisorganisationen mit insgesamt 420 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an.

Stefan Knobel ist Präsident der Stiftung Lebensqualität und Gründer der Sr. Liliane Juchli Bibliothek. Er arbeitet im Zentrum Lebensqualität in Siebnen, Kanton Schwyz, gibt die Zeitschrift «Lebensqualität» heraus und ist Ausbildner für Kinaesthetics.

Stefan Knobel hat einen vielfältigen beruflichen Werdegang. Nach den obligatorischen Schulen liess er sich zuerst zum Maschinenmechaniker ausbilden und absolvierte anschliessend die Lehre zum Krankenpfleger AKP. Danach arbeitete er 10 Jahre als Krankenpfleger und Stationsleiter am Pflegebett. Das Studium zum Pflegexperte HöFa 2 und zum Kinaesthetics-Trainer führten ihn in die Erwachsenbildung. Er führte über einige Jahre das Institut für Kinästhetik und ist Mitbegründer der European Kinaesthetics Association EKA.