Spitex Zürich Sihl will einen Beitrag zu neuen Versorgungsmodellen leisten und hat das CASE-Projekt lanciert. Während dreier Jahre wurde ein besonderes Augenmerk auf die Nahtstelle Hausarztpraxis – Spitex-Organisation gelegt. Dabei wurde die Rolle der Pflegexpertin APN innerhalb einer Spitex-Organisation geschärft und weiterentwickelt. «Das Projekt ist abgeschlossen. Jetzt überführen wir unser Pflegeexpertinnenteam in den Regelbetrieb», sagt Devrim Yetergil Kiefer, Geschäftsleiterin Spitex Zürich Sihl.

Zahlreiche Pflegeexpertinnen arbeiten bereits heute schon für eine Spitex-Organisation. Was genau haben Sie mit dem Projekt geklärt?
Devrim Yetergil Kiefer: Bei Spitex Zürich Sihl sind Pflegexpertinnen und -experten APN ein hoch qualifiziertes Bindeglied zwischen Hausarztpraxen und der übrigen Spitex-Organisation. Im Projekt haben wir den Fokus genau auf diese Bindegliedfunktion gelegt. APN steht für Advanced Practice Nurse und ist eine ausgewiesene Pflegeexpertin mit einem Master of Science in Pflegewissenschaft. Wer diesen Abschluss hat, hat sich Expertenwissen angeeignet, ist fähig, komplexe Entscheidungen zu treffen, und hat Kompetenzen für eine erweiterte klinische Praxistätigkeit. Eine Pflegeexpertin APN bringt neue Sichtweisen ein und kann intern Fallführende unterstützen – und gleichzeitig Hausärztinnen und Hausärzte entlasten.


«Die Leistungen der Pflegeexpertinnen müssen anerkannt und angemessen vergütet werden.»

Dr. Devrim Yetergil Kiefer,
Geschäftsleiterin Spitex Zürich Sihl


Zuweisung bleibt grosse Herausforderung

Wie haben Sie entschieden, welche Kundinnen und Kunden Leistungen einer Pflegeexpertin bekommen?
Spitex Zürich Sihl betreut monatlich knapp 1800 Kunden. Während der gesamten Dauer des Projekts haben uns folgende Fragen intensiv beschäftigt: Wie finden wir heraus, dass genau jene Kundinnen und Kunden die spezielle Pflegeexpertise bekommen, die sie wirklich brauchen? Und: Wie steuern wir die Menge, damit unser Pflegeexpertinnen-Team nicht überlastet wird? Wir haben darum für unser Projekt Kundinnen und Kunden drei Risikogruppen zugeordnet und zwei Zuweisungswege definiert. Die Risikogruppen hiessen «über 65 mit veränderter Kognition», «über 80 nach Spitalaufenthalt» und «über 80 und gebrechlich». Der eine Zuweisungsweg erfolgte intern über eine Fallführende, die andere extern über eine Hausärztin oder einen Hausarzt. Im Alltag hat sich gezeigt, dass diese Kriterien noch zu wenig helfen, um systemgesteuert belastbare Ergebnisse zu bekommen.

CASE-Projekt von Spitex Zürich Sihl
CASE steht für «Coordinated APN Support for the Elderly». Das dreijährige, wissenschaftlich evaluierte CASE-Projekt will einen Beitrag leisten, damit neue Aufgabenbereiche, Kooperationsprozesse und der dazu notwendige Informationsfluss sowohl innerhalb der Spitex als auch mit externen Partnerorganisationen der Grundversorgung verbessert werden können. Das Projekt will mithelfen, neue Versorgungsmodelle zu etablieren.

Wie sind Sie vorgegangen?
Zunächst haben die Pflegeexpertinnen intern mit den Fallführenden Triage-Gespräche geführt. Bei einigen Fällen haben die Pflegeexpertinnen gezielt Fragen zu den diskutierten Situationen gestellt und danach Tipps gegeben. In ausgewählten Fällen haben sie sich bei der Kundin oder dem Kunden vor Ort ein Bild gemacht. Extern haben wir uns mit verschiedenen Hausarztpraxen vernetzt. Das war ein langer, aufwändiger Weg. Denn ein Projektziel war ja auch, die Zusammenarbeit zu Hausarztpraxen neu zu definieren und weiterzuentwickeln.

Besondere Anforderungen bei hochkomplexen Situationen

Was kann eine Pflegeexpertin, was eine Fallführende nicht kann?
Es ist festzuhalten, dass eine Fallführende sehr viel «kann». Unsere Spitex-Teams leisten enorm viel und setzen jene Pflege und Betreuung zuverlässig und effizient um, die notwendig ist. Dann gibt es aber auch hochkomplexe Pflegesituationen: keine Akzeptanz von Unterstützung, Gefahr der Verwahrlosung, mehrfach Erkrankungen und gleichzeitig mehrere Suchtverhalten – das sind einige Stichworte. Wenn sich solche komplexe Situationen kumulieren, braucht es auch seitens Spitex besondere Anforderungen. Solche Aufgaben löst nur, wer über höchste fachliche Kompetenz verfügt, sich mit anderen Spezialisten auf Augenhöhe austauschen kann, über die zeitlichen Ressourcen verfügt sowie die Fähigkeit hat, bestimmte klinische Untersuchungen zu Hause durchzuführen.

Wie lange bleibt eine APN für eine bestimmte Situation engagiert?
Das kann man nicht generell sagen. Neben pflegerischen Zielen geht es oft darum, Akzeptanz für weitere Unterstützung zu schaffen. Vielleicht ist in einer bestimmten Situation die APN anfänglich ausschliessliche Kontaktperson und zieht sich später gezielt und professionell zurück. Vielleicht macht sie sich aber auch nur einmal Bild vor Ort und unterstützt fortan ihre fachführende Kollegin im Hintergrund, später gar nicht mehr. Es ist wichtig, dass eine APN selber zu den Kundinnen und Kunden geht: Sie verfügt über verschiedene Instrumente, um Situationen einzuschätzen. In der Fachsprache heisst das dann etwa multidimensionales geriatrisches Screening, Fokus-Assessment oder klinisches Assessment.

Hausbesuche ermöglichen umfassendere Sicht

In der zweiten Projektphase haben Sie sich stärker auf die Zusammenarbeit mit Hausarztpraxen konzentriert. Was für Erfahrungen haben Sie da gemacht?
Zu Beginn war es gar nicht so einfach, mit Hausarztpraxen in eine verstärkte Zusammenarbeit zu kommen. Es war ja auch ein erklärtes Ziel, die Rolle der Pflegeexpertinnen zu entwickeln und neu zu positionieren. Das braucht Auseinandersetzung, Zeit und Wille – auch seitens der Hausarztpraxen. Wir haben auch festgestellt, dass es teilweise hohe Hürden gibt, etwa bei der Finanzierung. Dennoch ist es uns gelungen. Einige Hausarztpraxen haben erkannt, wie wertvoll es ist, wenn eine hoch qualifizierte Pflegeexpertin eine Kundin oder einen Kunden auch zu Hause im gewohnten Umfeld sehen kann. Für Hausbesuche haben Hausärztinnen und Hausärzte kaum mehr Zeit. Doch dank den Hausbesuchen durch eine Pflegeexpertin ist eine umfassendere Sicht auf eine Situation möglich. Pflegeexpertinnen können Herz und Lunge abhören, Tests zur Gangfähigkeit, zum Gedächtnis oder zum Sehen machen und so ärztliche Untersuchungen ergänzen.

Lässt sich der Erfolg bei der Zusammenarbeit mit Hausarztpraxen auch belegen?
Ja. Im ersten Halbjahr gab es eine einzige Zuweisung einer Hausarztpraxis. Heute gibt es im Durchschnitt jeden Monat 1,8 Zuweisungen. Diese Zahlen bestätigen, wie wichtig es ist, die Zusammenarbeit zwischen Spitex-Organisationen und Hausarztpraxen zu überdenken und auch zu entwickeln.

Wichtige Erkenntnisse für den Zuweisungsprozess

Das Projekt ist abgeschlossen. Wie geht es nun weiter?
Wir wollen das Pflegeexpertinnenteam nun in den Regelbetrieb überführen. Für den Zuweisungsprozess haben wir wichtige Erkenntnisse gewonnen. Uns schwebt vor, dass wir stark automatisiert Hinweise bekommen, bei welchen Kundinnen- und Kunden-Situationen unsere Pflegeexpertinnen eingesetzt werden. Auch das Rollenbild wollen wir weiter schärfen, und es braucht da und dort modifizierte Strukturen. Schliesslich wollen wir uns dafür einsetzen, dass Leistungen von Pflegeexpertinnen anerkannt und finanziell angemessen vergütet werden. Dafür werden wir noch genauer den Beweis erbringen müssen, dass Pflegeexpertinnen wirksam sind und einen hohen Kundennutzen bringen.

Spitex Zürich Sihl gehört mit rund 400 Mitarbeitenden zu den grösseren Spitex-Organisationen und beschäftigt gleich ein ganzes APN-Team. Was empfehlen Sie kleineren Spitex-Organisationen?
Uns war im Projekt wichtig, dass wir ein ganzes Expertinnenteam aufbauen konnten. So können sich die Expertinnen miteinander austauschen und gegenseitig befruchten. Schon heute gibt es Dienstleistungen, die kleinere Spitex-Organisationen im Verbund erbringen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dieses Modell auch mit Pflegeexpertinnen praktizieren liesse. Während der Projektarbeit haben wir gesehen, dass die Zusammenarbeit zwischen Pflegeexpertinnen und Fallführenden sehr fruchtbar und motivierend für beide Seiten sein kann. Davon profitieren nicht nur die unmittelbar durch eine Pflegeexpertin betreuten Kundinnen und Kunden, sondern alle.


Wichtigste Projektergebnisse

  1. Die Rolle «Pflegeexpertin und Pflegeexperte APN» in einer Spitex-Organisation ist wirksam und attraktiv.
  2. Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN wenden ihre Expertise direkt zu Hause bei der Kundin, dem Kunden und den Angehörigen an.
  3. Als Arbeitsmethode für die strukturierte Erfassung des Versorgungsbedarfs haben sich das multidimensionale geriatrische Screening, Fokus-Assessments und die Körperuntersuchung bewährt.
  4. Nur ein systematischer und kundenorientierter Zuweisungsprozess ermöglicht, dass Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN in einer Spitex-Organisation ihr Potenzial voll ausschöpfen und für die Kundinnen und Kunden wirksam sein können.
  5. Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN können nur Wirkung entfalten, wenn alle involvierten Schlüsselpersonen die Kompetenzen und Aufgaben voneinander kennen.
  6. Die Rollenentwicklung zur Pflegexpertin und zum Pflegeexperten APN ist ein herausfordernder und komplexer Prozess, der immer alle involvierten Personen betrifft.

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Devrim Yetergil Kiefer

ist seit 2015 Geschäftsleiterin Spitex Zürich Sihl, davor führte sie die Organisation mehrere Monate interimistisch. Die knapp 400 Mitarbeitenden haben ihre Basis in vier Spitexzentren und betreuen jährlich rund 3000 Kundinnen und Kunden, die vor allem im südwestlichen Stadtgebiet leben. Von 2011 bis 2017 war Devrim Yetergil Kiefer Mitglied des Vorstands bei Spitex Zürich Sihl.

Dr. Devrim Yetergil Kiefer, Dr. sc. Nat. ETH, lic. rer. pol., studierte Nationalökonomie und promovierte an der ETH Zürich in Umweltnaturwissenschaften mit Schwerpunkt Gesundheitsökonomie. Vor ihrem Engagement bei der Spitex gründete sie ein Management Consulting Unternehmen und die Green Power Marketing GmbH. Der Fokus lag beim umweltbezogenen Gesundheitsschutz und Projekten, die Umwelt- und Gesundheitsthemen verknüpften.