Der Beginn der Pandemie hat es schonungslos offengelegt: Das Schweizer Gesundheitswesen setzt noch zu häufig auf die veralteten Faxgeräte. Warum bloss? «Wir sind Opfer unseres Erfolges», ist Nationalrat Dr. Jörg Mäder überzeugt. «Jetzt muss ein Digitalisierungsschub kommen.» Jörg Mäder ist Stadtrat von Opfikon und sitzt im Vorstand der Spitex Opfikon-Glattbrugg sowie im Verwaltungsrat vom Spital Bülach. Jörg Mäder ist bekennender «Nerd».
Nerds sind sehr intelligente Menschen mit hoher Affinität zu Computern. Mit seinem Profil kennt Jörg Mäder also sowohl die IT- als auch die Spitex-Welt bestens. Er fordert: «Es braucht einen offenen digitalen Standard fürs Schweizer Gesundheitswesen. Davon profitieren alle, auch die Spitex.»

Wann haben Sie im Vorstand der Spitex Opfikon-Glattbrugg das letzte Mal über Digitalisierung gesprochen?
Jörg Mäder: Digitalisierung ist gelegentlich ein Thema bei uns. Wir diskutieren dann häufig über praktische Fragen, etwa die Datenerfassung bei den Kundinnen und Kunden oder den Datenaustausch mit Hausarztpraxen oder Spitälern.


«Im Gesundheitswesen muss jetzt ein Digitalisierungsschub kommen. Davon profitiert auch die Spitex.»

Dr. Jörg Mäder, Nationalrat, Stadtrat Opfikon, Vorstand Spitex Opfikon-Glattbrugg


Mindestens zu Beginn der Pandemie war ein grosses Thema, das Daten dem Bundesamt für Gesundheit per Fax übermittelt wurden. Warum hinkt das Schweizer Gesundheitswesen bei der Digitalisierung anderen Ländern, wie beispielsweise England, hinterher?
Ich glaube wir sind ein Opfer unseres eigenen Erfolgs. Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem, das ohne Digitalisierung gross und stark geworden ist. Viele dachten wohl: Das System funktioniert, never change a winning team. Es gab schlicht zu wenig oder keinen Druck. Zudem ist die Schweiz sehr föderalistisch organisiert. Darum hat es keine Person oder Institution gegeben, die gesagt hat: So, jetzt packen wir es an.

Digitalisierung macht das Gesundheitssystem resilienter

Erwarten Sie, dass der Schub jetzt kommt?
Ja, jetzt muss ein Digitalisierungsschub kommen. Der Druck kommt hoffentlich von allen Seiten. Denn es können alle profitieren. Die Politik davon, dass das Gesundheitssystem noch resilienter wird. Jüngere, digital affine Patientinnen und Patienten davon, dass sie die Art und Weise, wie sie Bankgeschäfte machen oder einkaufen gehen, künftig auch im Gesundheitswesen anwenden können. Es bringt auch für Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, Nutzen: Schnittstellen werden einfacher, die Zusammenarbeit wird zuverlässiger, weil es etwa keine Abschreibefehler mehr gibt. Hoffentlich kommen nun alle zum Schluss, dass wir ein solches Projekt gemeinsam anpacken sollten. Davon profitiert auch die Spitex.

Intelligenter Standard als Basis

In der Technik ist häufig die Frage, welches Leadsystem sich durchsetzt. Wie kann sichergestellt werden, dass der Datenaustausch von Subsystemen mit dem Leadsystem einwandfrei funktionieren wird?
Das ist möglich. Die Informatik hat ähnliche Problemstellungen schon gelöst, ich denke da beispielsweise an das Internet. Als Basis braucht es einen intelligenten Standard. Dieser legt fest, wie und wo die Daten sauber und präzis erfasst sind. Es muss für alle klar sein, was ein bestimmter Wert bedeutet – und was eben nicht. An diesen Standard muss sich jede Software im Gesundheitswesen halten. Die Eingabemaske der Spitex-Software kann durchaus anders aussehen als eine Eingabemaske eines Gerätes, das im Operationssaal verwendet wird. Oder bei den Geräten in einer Krankenkasse, wo kontrolliert wird, ob die eingegebenen Stunden plausibel sind. Halten sich alle Softwareentwickler an einen gemeinsamen Standard, sind Innovationen, Verbesserungen und Kosteneinsparungen gleichzeitig möglich. Zudem könnte ein solcher Standard auch viele Fragen des Datenschutzes sehr feingliedrig regeln. Es kann eingestellt werden, wer welche Information lesen, hinzufügen, löschen oder verändern darf. Zudem kann protokolliert werden, wer welche Information, beispielsweise ein Blutdruckwert, angeschaut hat. Die Informatik hat für viele Probleme bereits einzelne Bausteine als Lösung. Sie setzt sie einfach in anderen Bereichen ein, wie beispielsweise im Banking. Nun müssen sie fürs Gesundheitswesen adaptiert werden.

Internet-Standard als Vorbild fürs Gesundheitswesen

Habe ich Sie richtig verstanden: Im Moment gibt es keinen tauglichen Standard fürs Gesundheitswesen?
Wenn es einen Standard gäbe, dann wäre der Datenaustausch mit dem Bundesamt für Gesundheit BAG einfach gewesen. Das BAG hätte dann gesagt: Wir brauchen diese und jene Daten, bitte schickt uns die Daten in diesen Formaten. Das hat nicht stattgefunden. Ein entsprechendes System mit einem klaren, definierten Standard gibt es also nicht. Ich kann mir vorstellen, dass zwar einzelne Systeme und auch einzelne Standards gibt, die einen leichten Datenaustausch möglich machen. Doch etwas Übergeordnetes fehlt. Es gibt einen Grund, warum das Internet funktioniert, egal ob jemand ein Android-Smartphone, einen Linux-Rechner oder einen intelligenten Storen hat: Es ist der HTML-Standard, den die Programme auf all diesen Geräte einhalten. Natürlich gab es Versuche von einzelnen Firmen, den HTML-Standard selbst weiterzuentwickeln. Doch es hat sich schnell die Erkenntnis durchgesetzt, dass es – unbesehen des Konkurrenzgedankens – Sinn macht, wenn alle den gleichen, einheitlichen Standard anwenden.

«Standard-Hüterin» im guten Sinne

Wer in der Schweiz müsste diesen digitalen Standard fürs Gesundheitswesen festlegen?
Wünschenswert ist, dass der Bund hier eine Moderation wahrnimmt und auch mal einen Entscheid fällt, wenn sich die Beteiligten nicht einigen können. Auf keinen Fall darf sein, dass ein Konzern versucht, seinen internen Standard zum allgemein gültigen Standard zu erklären. Und damit die Hoheit für Weiterentwicklungen hat. Das wird nicht funktionieren. Es braucht eine unabhängige Stelle, die den Standard im guten Sinn «hütet» und weiterentwickelt. Beim Internet-Standard HTML ist dies die gemeinnützige Organisation W3C. In einer offenen Diskussion können alle ihre Ideen für Verbesserungen einbringen. Es wird über die Tauglichkeit der Ideen befunden, schliesslich entschieden. Mit einem akzeptierten digitalen Standard fürs Gesundheitswesen könnten Start-ups ihre Innovationskraft ausspielen und traditionelle Organisationen ihre Seriosität. Das würde dem Schweizer Gesundheitswesen einen enormen Schub geben.

«Fax!?» – und sofort verstummen alle

Sie haben ausgeführt, dass unser Gesundheitssystem stark ist. Jetzt plädieren Sie für einen offenen digitalen Standard fürs Gesundheitsweisen. Entwicklung und Einführung kosten viel Geld…
Stellen wir uns folgende Situation vor: Wir sind an einer Party, dort hat es zahlreiche Führungskräfte aus dem Gesundheitswesen. Im Smalltalk stellen diese die Errungenschaften und die Stärke vom Schweizer Gesundheitswesen stolz und in den buntesten Farben dar. Da ruft eine Person, die in einer anderen Branche arbeitet, und zugehört hat, laut ein einziges Wort in den Saal: «Fax?!». Ich bin sicher: augenblicklich werden alle Gespräche verstummen. Das will doch niemand. Wir müssen die Digitalisierung im Gesundheitswesen sauber, vielleicht durchaus mit ein bisschen Druck, aber sofort angehen! Wir müssen einen Standard finden und ihn durchsetzen. Und ja, es wird für alle Arbeit bedeuten. Doch am Ende werden alle profitieren. Wir sollten jetzt gemeinsam einen Schritt tun, um den Makel «Fax» möglichst schnell loszuwerden.

Spitex-Organisationen sind nicht dafür bekannt, bei der Digitalisierung weit vorne zu sein. Warum ist das so?
Das erwarte ich auch nicht. Wenn wir das Gesundheitswesen als System anschauen, gibt es kaum Player, die so dezentral organisiert sind wie die Spitex. Die Spitex ist bei den Menschen zu Hause. Die Tätigkeit ist alltagsnah. Jede Innovation muss darum alltagstauglich und breit akzeptabel sein. Andere Bereiche vom Gesundheitswesen, beispielsweise die Intensivpflege, ist näher am Puls der Zeit, näher an der Technik, näher an der Forschung. Merkmal der Spitex ist auch, dass sie untereinander weniger stark organisiert ist als beispielsweise Spitäler. Entsprechend ist kaum möglich, den notwendigen Druck aufzubauen, um Innovationen einzufordern. Ich bin der Spitex nicht böse, dass sie nicht der Frontrunner in Sachen Digitalisierung ist.

Arbeit am Userinterface notwendig

Besteht nicht die Gefahr, dass man abgehängt wird von Entwicklungen, wenn man nicht Frontrunner ist?
Doch, sie besteht tatsächlich. Natürlich muss sich auch eine Spitex-Organisation mit Digitalisierung auseinandersetzen. Optimierungen und Verbesserungen sehe ich jedoch vor allem beim Erfassen von Kundendaten. Warum ist Apple so erfolgreich? Weil alle sofort wissen, wie die Geräte zu bedienen sind – ohne dass man ihnen das erklärt hat. Die Stärke von Apple ist dieses Userinterface. Hier gibt es bei der Spitex-Software noch viel zu tun. Es ist leider oft so, dass brillante Programmierer keine brauchbaren Userinterfaces hinbekommen. Aber zum Glück gibt es auch dafür Spezialisten, die sich damit auskennen.

Ich möchte doch nochmals aufs Thema Fax zu sprechen kommen. Muss ich als Spitex-Organisation diesen Kommunikationskanal weiterhin anbieten oder kann ich den zahlreichen Ärztinnen und Ärzten mitteilen, dass mir bei der Zusammenarbeit ein anderer Kommunikationskanal lieber ist?
Ich hoffe, durch die Pandemie hat auch die letzte Hausarztpraxis begriffen, dass es sinnvollere und effizientere Möglichkeiten gibt als ein Faxgerät, um Informationen sicher zu übermitteln. Doch eine Spitex-Organisation sollte sich nicht mit solchen Dingen aufhalten: In wenigen Jahren wird sich das Problem von selbst gelöst haben. Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Kein junger Mensch wird einer Hausarztpraxis vertrauen, die immer noch auf Faxgeräte setzt.


Jörg Mäder

ist Stadtrat von Opfikon und sitzt für die Grünliberale Partei im Nationalrat. Er ist im Vorstand der Spitex Opfikon-Glattbrugg sowie im Verwaltungsrat vom Spital Bülach. Mehr als drei Tage in der Woche investiert Jörg Mäder in die Politik. Neben der Politik arbeitet er als selbständiger Softwareentwickler und arbeitete auch schon als Mathematiklehrer an der Schweizerischen Technischen Fachschule Winterthur.

Dr. sc. ETH Jörg Mäder studierte an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften. Der Titel seiner Forschungsarbeit lautet: «Haupteinflussfaktoren auf das stratosphärische Ozon in der nördlichen Hemisphäre».