«Wir bringen Bedürfnisse von Kunden und Mitarbeitenden zusammen»

Sieben Spitex-Organisationen im Kanton Bern haben ihr Hauswirtschaftsangebot an die BelleVie Suisse AG ausgelagert. Nicht ganz freiwillig, denn der Kanton hat das Geld für Hauswirtschaft in mehreren Schritten massiv gekürzt. Doch BelleVie hat aus der Not eine Tugend gemacht und sich zum schlagkräftigen Dienstleister entwickelt. «BelleVie ist eine sinnvolle Ergänzung zu jeder öffentlichen Spitex-Organisation. Wir kennen keine Gebietsgrenzen», sagt Daniel Piccolruaz, CEO von BelleVie und CEO der Spitex Seeland.

Daniel Piccolruaz, CEO BelleVie Suisse AG und CEO Spitex Seeland

Warum wurde die BelleVie Suisse AG gegründet?
Im Unterschied zu anderen Kantonen regelt und bezahlt in Bern der Kanton die Rest-finanzierung der Spitex-Organisationen. Bis 2014 war es öffentliches Verständnis, dass Hauswirtschaft Teil eines Spitex-Angebots ist. Doch dann hat der Kanton seine finanzielle Unterstützung massiv reduziert. Es folgten intensive Diskussionen. Die Spitex Bern hat entschieden, keine solche Leistungsvereinbarung mehr zu unterschreiben. Sie hat die Hauswirtschaft an die neu gegründete Firma BelleVie ausgelagert.

Wie verlief die Auslagerung?
Das war nicht einfach, die Leute fanden es wenig sympathisch. Aber: Es war der erste Schritt, den eine öffentliche Spitex-Organisation gemacht hat, um die Kostenstruktur für Hauswirtschaft auf Marktniveau zu bringen. Und es war ein Schritt, um die sonst nötige Bildung einer Zweiklassenstruktur bei den Mitarbeitenden innerhalb einer Organisation zu verhindern.

Zweiklassenstruktur?
Will man mit Hauswirtschaft einen Deckungsbeitrag erwirtschaften, muss das Hauswirtschaftsteam anderen Regeln gehorchen als das Pflegeteam. Hauswirtschaft hat ein anderes Lohnniveau und muss kostengünstiger sein als Pflege. Pflegefachleute in der Hauswirtschaft einzusetzen, ist zu teuer.

BelleVie kann alles anbieten, was Gesetz und Sitte nicht verbieten. Ausser Pflege.

Wie ging es weiter?
Dann stiess die Spitex Seeland zu BelleVie. Am Anfang war es eine Beteiligung, ohne dass Auftragsvolumen übertragen wurden. Doch so konnte die Spitex Seeland Leistungen anbieten, die normalerweise nicht ins Kernangebot einer Spitex-Organisation gehören: Betreuung am Tag und in der Nacht, Arbeiten im Haus und im Garten, Beauty-Angebote etc. Plakativ gesagt: BelleVie kann alles anbieten, was Gesetz und Sitte nicht verbieten. Ausser Pflege.

Wem gehört BelleVie?
Eigner von BelleVie sind sieben Berner Spitex-Organisationen. Diese stellen den Verwaltungsrat, die wiederum den Geschäftsführer wählen. Rechtlich ist BelleVie also ein Tochterunternehmen der Spitex-Organisationen. Doch im Markt ist BelleVie bewusst als Schwesterunternehmen positioniert. BelleVie ist gewinnorientiert. Doch erwirtschaftete Überschüsse kommen den Spitex-Organisationen zugute, nie einer Privatperson.

Wie haben die anderen Spitex-Organisationen im Kanton Bern auf BelleVie reagiert?
Sieben Spitex-Organisationen sind an BelleVie beteiligt und tragen das Modell mit. Im Kanton Bern gibt es 49 öffentliche Spitex-Organisationen. Darunter auch solche, die das BelleVie-Modell als Gefahr betrachten.

Wer bezahlt die BelleVie-Leistungen?
BelleVie bietet Komfortleistungen an, und es bezahlt, wer sie bestellt. Ist eine Zusatz-versicherung da, übernimmt sie einen Teil. Ich möchte noch betonen, dass auch ich der Meinung bin, dass hauswirtschaftliche Leistungen ein wichtiger Teil des Spitex-Kernangebots sind. Doch in der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern sieht man das anders. Und da scheint mir BelleVie die beste Lösung.

Kommt es zu einer Zusammenarbeit zwischen Kunde und BelleVie, erhält die Spitex-Mitarbeitende eine Provision.

Wie arbeiten die Spitex-Organisationen mit BelleVie zusammen?
Sehr eng – auch Cross-Selling wird unterstützt. Doch Kundendaten der jeweiligen Organisationen müssen geschützt bleiben. Wir haben dies wie folgt gelöst: Die Spitex-Mitarbeitenden werden ermuntert, aufmerksam zu sein. Wenn es Bedarf nach Komfortleistungen gibt, empfehlen sie BelleVie. Kommt es zu einer längerfristigen Zusammenarbeit zwischen Kunde und BelleVie, erhält die Spitex-Mitarbeitende eine Provision. Darüber hinaus hat jede Spitex-Organisation einen BelleVie-Superuser. Diese Person kennt BelleVie gut und ist erste Anlaufstelle innerhalb ihrer Organisation.

Wie stellen Sie sicher, dass BelleVie-Mitarbeitende den Spitex-Organisationen melden, wenn Kunden plötzlich Pflegeleistungen brauchen?
Wir sensibilisieren BelleVie-Mitarbeitende an Weiterbildungen, auf welche Veränderungen sie achten sollen. Wenn der Kunde es will, vermerkt die BelleVie-Mitarbeitende auf ihrem Arbeitsrapport, dass der Kunde ein Spitex-Beratungsgespräch wünscht. Mit der Unterschrift auf dem Arbeitsrapport wird bestätigt, dass die Information an die Spitex-Organisation weitergegeben werden darf. Damit die örtliche Spitex alle Kunden zumindest einmal sieht, übernimmt in der Regel eine Spitex-Fachperson im Auftrag der BelleVie die Bedarfsabklärung, also der erste persönliche Kontakt beim Kunden zu Hause, wahr.

Wie funktioniert das? Wenn ich bei BelleVie anrufe und um eine Leistung bitte, kommt eine Spitex-Fachperson zur Bedarfsabklärung?
Ja, genau. BelleVie hat die Teilleistung «Erstabklärung» an die angeschlossenen Spitex-Organisationen ausgelagert. Das ist ein aufwändiger Prozess. Doch er ist wertvoll: Es ist ein grosser Unterschied, ob eine geschulte Spitex-Fachperson eine Bedarfsabklärung macht oder ob jemand am Telefon versucht, Bedürfnisse zu ergründen. Sind bei der Bedarfsabklärung Pflegedefizite sichtbar, können diese gleich angesprochen werden. Wichtig: Niemand kann Kunden zwingen, Pflegeleistungen anzunehmen.

BelleVie ist eine sinnvolle Ergänzung zu öffentlichen Spitex-Organisationen. Wer will, kann auf den Zug aufspringen.

Wie finanzieren Sie die Bedarfsabklärung?
Die Bedarfsabklärung ist eine Dienstleistung, welche die Kundinnen und Kunden selber zu zahlen haben. Sie ist vor allem auch für jene Kunden wichtig, die über eine Krankenkassenzusatzversicherung verfügen. Denn ohne Abklärung gibt es keine Kostenbeteiligung der Krankenkasse. Die Umsetzung der Abklärung durch die Spitex war eine Herausforderung. Die Spitex-Mitarbeitenden mussten sich an ein neues Denken gewöhnen. Heute fangen sie bei der Abklärung mit der Frage an: Was soll geputzt werden? Erst wenn der Gesprächsverlauf zeigt, dass vielleicht noch Pflegebedarf besteht, wird dieser geklärt. Dauert ein Gespräch länger als eine Stunde, wird dies intern anders verrechnet. Doch der Kunde bezahlt eine Stunde, und BelleVie bezahlt der Spitex ihre erbrachte Leistung.

Was ist der nächste Schritt bei BelleVie?
Im Kanton Bern hat sich 2018 die Situation nochmals verschärft. Im Verlaufe des letzten Jahres haben alle angeschlossenen Spitex-Organisationen ihr Hauswirtschaftsvolumen zu BelleVie verschoben. Dieser Prozess ist mittlerweile abgeschlossen.

Was folgt? Soll das Geschäft geografisch ausgedehnt werden?
Geografisch ist BelleVie an keine Gebietsgrenze gebunden. Die Distanz zu Freiburg, Solothurn und Neuenburg ist gering. Verlangen Kunden dort eine Dienstleistung, wird sie erbracht – vorausgesetzt, es gibt jemanden in der Datenbank, der die Dienstleistung zum gewünschten Zeitpunkt am gewünschten Ort erbringen will. BelleVie basiert nicht auf einer Stützpunktstruktur. Das Einsatzgebiet leitet sich ab vom Wohnort der Mitarbeitenden. BelleVie bringt Kundenbedürfnis und Mitarbeiterbedürfnis zusammen.

Und der übernächste Schritt?
Es gibt Überlegungen, das Angebot in Richtung 24-Stundenbetreuung zu verbessern. Doch für das BelleVie-Grundangebot kann ich sagen: wir sind soweit, dass wir multiplizieren können. Die Prozesse stehen, das Geschäftsmodell funktioniert, der Proof of Concept ist erbracht. BelleVie ist eine sinnvolle Ergänzung zu öffentlichen Spitex-Organisationen. Wer will, kann auf den Zug aufspringen. Wir sind offen für verschiedene neue Kooperationsformen.

 

Daniel Piccolruaz ist CEO der BelleVie Suisse AG, einer Tochtergesellschaft von sieben Spitex-Organisationen im Raum Bern. BelleVie hat 2017 einen Umsatz von mehr als CHF 3 Mio. erwirtschaftet und beschäftigt 220 Mitarbeitende. Alle sind auf Stundenbasis und nach den Regeln des GAV Personalverleih angestellt. Diese sieben Spitex-Organisationen sind die Eigner der BelleVie Suisse AG: Spitex Bern, Spitex Biel-Bienne Regio, Spitex Seeland, Spitex Interlaken Umgebung, Spitex Region Bern Nord, Spitex Region Lueg, Spitex AemmePlus.

Daniel Piccolruaz ist hauptberuflich CEO der Spitex Seeland AG. Davor war er als selbständiger Berater und Unternehmer in verschiedenen Branchen, zuletzt mit Fokus auf das Gesundheitswesen, tätig. Daniel Piccolruaz hat sich ursprünglich an der Universität Bern zum Betriebswirtschaftler mit den Schwerpunkten Strategie, Marketing, Finanzmanagement und Handelsrechtausbilden lassen.

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Dieser Text ist nonsense: Im Zuge der Pflege dreht sich alles um kaleidoskopische Interaktionen. «Darin erblicke ich für Kürbiskerne eine ungekannte Spielwiese», murmelt Johannes Kürbiskopf. Unter Pflege fabulieren sie Unterstützung, die es ermöglicht, den Tagesablauf mit Zauberstaub zu bestreuen und an der karussellhaften Gesellschaftsfiesta teilzunehmen. Jene sind zwei galaktische Feststellungen, keineswegs medizinisch. Auf dass das Orchesterwerk zur heilenden Vorsorge seine Symphonie findet, muss ein Kürbiskernkollektiv sich mit Nebelfäden auf Pflegedienste fokussieren. Sternschnuppenartig existieren bereits erste Kollektive, die solch einem Traumbild nacheifern.

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