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«Wir bereiten uns bereits auf die nächste Ausschreibung vor»

Die Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern hat 29 Gebiete für die Versorgung von Spitex-Leistungen öffentlich ausgeschrieben. Die NPO-Spitex-Organisationen haben alle Gebiete für sich entschieden. Auch die Spitex Genossenschaft Oberaargau Land SGOL mit ihren rund 150 Mitarbeitenden. «Eine Spitex-Organisation ist ein Netzwerk, das wiederum Teil eines grösseren Netzwerkes ist», sagt Daniel Aeberhard Geschäftsführer der SGOL. «Unser Erfolgsfaktor heisst Teamwork!» Doch die Freude am Erfolg ist nur von kurzer Dauer. Bereits bereitet sich die Organisation auf die nächste Ausschreibung vor. Daniel Aeberhard erwartet einige Veränderungen.

Sie haben eine wichtige Ausschreibung gewonnen, herzliche Gratulation zum Erfolg!
Daniel Aeberhard: Besten Dank. Das war eine ausgezeichnete Teamleistung.


«Unser Erfolgsfaktor bei der Ausschreibung? Unser Teamwork!»

Daniel Aeberhard, Geschäftsführer Spitex Genossenschaft Oberaargau Land SGOL


Ausschreibung als Folge einer Beschwerde

Für unsere Leserinnen und Leser, die nicht im Kanton Bern wohnen: Worum ging es bei der Ausschreibung der Spitex-Leistungen?
Die Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) stellt die Versorgungssicherheit für die spitalexterne Hilfe und Pflege zu Hause sicher. Dies macht sie mit Leistungsverträgen, die eine Laufzeit von vier Jahren haben. Im Jahr 2021 konnten sich alle versorgungsrelevanten Leistungserbringer bewerben. Massgeblich waren die Kriterien in der entsprechenden Verordnung. Es haben sich sowohl NPO-Spitex-Organisationen als auch Private Spitex-Organisationen beworben. In allen Versorgungsgebieten erhielten damals die NPO-Spitex-Organisationen den Zuschlag. In der Folge legten die Privaten Spitex-Organisationen gegen den Entscheid eine Beschwerde ein. Diese wurden in 29 Versorgungsgebieten gutgeheissen. Darum musste die GSI dieses Jahr in 29 der 47 Versorgungsperimetern eine Ausschreibung für die Jahre 2023 bis 2025 durchführen.

Für welches Los hatte sich Ihre Organisation beworben?
Im Oberaargau gibt es fünf NPO-Spitex-Organisationen mit insgesamt 400 Mitarbeitenden, die für rund 80’000 Einwohnende da sind. Für unsere Organisation, inklusive der Tochtergesellschaft SPITEXcasa plus, arbeiten rund 150 Mitarbeitende. Wir haben uns für das bisherige Einzugsgebiet, das Los «Region Herzogenbuchsee», beworben. In den 27 Ortschaften wohnen hier rund 28’000 Menschen. Wir arbeiten eng mit den anderen NPO-Spitex-Organisationen zusammen, nicht gegen sie. Es war keine Option, uns für weitere Lose zu bewerben.

Gemeinsame Sache bei Spezialdienstleistungen

Hätten sich nicht verschiedene Spitex-Organisationen zusammenschliessen und gemeinsam für weitere Lose bewerben können?
Bietergemeinschaften waren nicht erlaubt. Alle fünf NPO-Spitex-Organisationen im Oberaargau haben sich auf ihren Perimeter fokussiert. Dort stellt jede Organisation bereits heute die Versorgungssicherheit sicher. Teilweise ergänzen wir uns gegenseitig bei Spezialdienstleistungen wie Palliative Care oder Psychiatrie.

Wie haben Sie den Ausschreibungsprozess erlebt?
Auf Grund der Rechtsbeschwerde war eine Ausschreibung seit Ende 2021 zu erwarten. Die Kriterien der WTO-Ausschreibung waren jedoch bis zur Publikation unbekannt. Der Spitex Verband Kanton Bern hat frühzeitig die Koordination übernommen: Er hat das Vorgehen erarbeitet und einen externen Berater beigezogen. An verschiedenen Workshops wurde uns Wissen vermittelt. Wir haben die enge Begleitung des ganzen Prozesses und die Möglichkeit, auf einen externen Berater zurückgreifen zu können, sehr geschätzt. In unserer Organisatin haben wir ein Kernteam von sechs Personen gebildet. Aufgrund der Teilnahme-, Eignungs- und Zuschlagskriterien waren alle Bereiche an Bord: Pflege, Qualitätsmanagement, Finanzen, Infrastruktur, Personal, Geschäftsführung. Natürlich haben wir uns stets eng mit dem Verwaltungsrat abgestimmt.

Kantonalverband hat unterstützt

Was waren Ihre Erfolgsfaktoren?
Unser Teamwork! Eine NPO-Spitex-Organisation ist Netzwerk, das wiederum Teil eines grösseren Netzwerks ist. Fragen und Erfahrungen zu Themen wurden zunächst im Kernteam, dann in der Spitex-Organisation und teilweise auch im kantonalen Netzwerk intensiv besprochen, geklärt, beantwortet und ausgetauscht. Unsere langjährige Erfahrung und die Leistungsfähigkeit der NPO-Spitex-Organisationen sowie eine ausgezeichnete Unterstützung durch den kantonalen Verband haben gezeigt, dass wir zurecht für die Versorgungspflicht zuständig sind. Heute und in Zukunft!

Wie viel Zeit hat das Aufbereiten der Unterlagen in Anspruch genommen?
In der ersten Phase ging es um die Planungsarbeiten und den Wissensaufbau. Während der Ausschreibung haben wir uns rund sechs Wochen lang sehr stark auf dieses Thema fokussiert. Für das Erarbeiten der rund 150 Seiten, die wir eingereicht haben, haben wir rund 40 Arbeitstage investiert. Anders gesagt: Zwei Personen waren rund einen Monat lang ausschliesslich mit der Ausschreibung beschäftigt.

Nächste Ausschreibung kommt

Was bedeutet der Zuschlag für Ihre Organisation?
Der Zuschlag hat uns und unser Tun bestätigt, das war ein – kurzer! – Moment der Freude. In der Vergangenheit gab es keine Frage: Die Versorgungssicherheit stellen NPO-Spitex-Organisationen sicher. Dass dem nicht mehr so ist oder sein muss, hat diese Ausschreibung gezeigt. Stillstand geht nicht, die nächste Ausschreibung kommt. Das heisst: Wir müssen uns weiterentwickeln. Beispielsweise im Qualitäts- und Prozessmanagement, aber auch in der Vernetzung und der integrierten Versorgung.

Was bedeutet die Ausschreibung für die Branche?
Der Kanton wünscht Markt. Also werden wir auch zukünftig zeigen, dass wir der richtige Partner sind. Die GSI hat bereits 2021 angekündigt, dass die heutigen Versorgungsgebiete per 2026ff konsolidiert werden. Dies wird grosse Veränderungen mit sich bringen. Die NPO-Spitex-Organisationen haben bereits begonnen, sich organisatorisch darauf einzustellen. Wie die Gebiete aussehen werden, ist leider noch nicht bekannt. Die Ausschreibung hat uns jedoch gezeigt, wo der Fokus der GSI liegt. Es sind Themen wie integrierte Versorgung, Qualitätsmanagement und Arbeitsintegration. Wir bearbeiten diese Themen seit Jahren, aber werden darauf aber einen zusätzlichen Fokus legen.

Wann erwarten Sie die nächste Ausschreibung?
Wir gehen davon aus, dass es im Jahr 2025 zur Ausschreibung 2026 bis 2029 kommen wird. Die Zukunft wird geprägt sein von verbindlichen und umfassenden Kooperationen. Wir müssen uns auf die neuen Versorgungsgebiete einstellen. Es braucht geeignete Organisationsmodelle und -konstrukte, damit wir flexibel reagieren können. Eine noch stärkere integrierte Versorgung und der Aufbau von grösseren Gesundheitsregionen werden konkreter.


Daniel Aeberhard

leitet seit 2020 die Spitex Genossenschaft Oberaargau Land SGOL. Die rund 150 Mitarbeitenden versorgen in 27 Ortschaften rund 28’000 Menschen mit Spitex-Leistungen. Vor seinem Engagement bei der SGOL war Daniel Aeberhard Geschäftsführer einer privaten Betreuungsorganisation, davor in einem Dienstleistungsunternehmen ausserhalb des Gesundheitswesens.