Einträge in den Pflegebericht sprechen, nicht mehr tippen, und Klingelmatten, die ihre Informationen direkt an die Spitex-Software schicken: Was zunächst utopisch klingt, ist technisch (bald) Realität. «Wir stehen erst am Anfang einer rasanten digitalen Entwicklung», sagt Juan-Manuel Garrote, Managing Director von Medical Link Services MLS. Im Interview erklärt er, was moderne Spitex-Software heute leistet – und in Zukunft leisten kann.

Was muss eine moderne Spitex-Software leisten?
Zunächst einmal ist eine Software modern, wenn sie offen ist. Offen bedeutet, dass sie von Anfang an so als Software konzipiert wurde, dass sie mit Softwaresystemen anderer Anbieter kommunizieren kann. Zweitens ist eine Software modern, wenn sie Nutzung in Echtzeit ermöglicht. Keine Anwenderin und kein Anwender einer Spitex-Software kann es sich leisten, auf die Synchronisation von Daten zu warten. Spitex-Aktivitäten sind ereignisgesteuert. Eine moderne Lösung muss sich dieser Realität anpassen. Drittens ist eine Software modern, wenn sich die Spitex-Organisation nicht um Technik, Wartung, Sicherheit, Backups, und die Bereitstellung neuer Versionen kümmern muss. Solche Anforderungen können heute nur Cloud-Lösungen, die auf der Web-Technologie basieren, erfüllen.


Dank Spracherkennung können Einträge fürs Verlaufsblatt gesprochen werden; niemand muss mehr schreiben.

Juan-Manuel Garrote, Managing Director Media Link Services


Software muss mit allen Akteuren in Echtzeit kommunizieren können

Wie erkennt eine Spitex-Organisation, wie gut die Spitex-Software ist?
Die Software muss alle Spitex-Aktivitäten vom Onboarding der Kundinnen und Kunden bis zur Rechnungsstellung einfach und strukturiert abbilden. Eine solche Software kann nur programmieren, wer das Spitex-Geschäft kennt. Ferner muss die Software in Echtzeit und sicher mit allen beteiligten Akteuren kommunizieren. Unter «beteiligte Akteure» verstehe ich auch externe Partner wie Ärztinnen und Ärzten, Versicherungen, Apotheken, Subunternehmer, Freiberufler und natürlich Kundinnen und Kunden ein. Schliesslich muss der Rechnungsstellungsprozess reibungslos und fehlerfrei ablaufen. Denn das hilft, das Cash-Management zu verbessern.

Spitex-Organisationen verändern sich laufend oder wachsen. Wie muss eine Software aufgebaut sein, damit sie die Veränderungen mitmacht?
Die Funktionen der Software müssen skalierbar sein. Zudem muss die Verwaltung der Benutzerprofile erlauben, dass organisatorische Änderungen innerhalb weniger Wochen Zeit angepasst werden können. Das schafft nur eine Software, die vollständig rollenbasiert aufgebaut ist. Weiter sollte die Spitex-Organisation nichts auf irgendwelchen Geräten installieren müssen. Das ist zu kompliziert und fehleranfällig.

Software muss flexibel auf viele Bedürfnisse eingehen

Jeder Kanton ist anders, jede Spitex-Organisation hat ihre Eigenheit. Was bedeutet das für die Architektur einer Software?
Das ist in der Tat eine Herausforderung und da gibt es viele Aspekte. Nehmen wir das Beispiel «Rechnungsstellung». Die Software muss so gebaut sein, dass sie beispielsweise jede Art von Rechnungsstellung bewältigen kann. Dies bedeutet, dass sie elektronische Rechnungen für andere Partner aufbereitet oder Papierrechnungen direkt an Privatkundinnen und Kunden gestellt werden können. Oder aber, dass alle spezifischen Daten für die öffentliche Rechnungsstellung bereitgestellt werden. Kurz: Die Software muss flexibel und unkompliziert auf verschiedene Bedürfnisse eingehen können.

Eine Software alleine ist nutzlos – sie braucht Hardware. Welche Überlegungen macht sich ein Softwareentwickler hierzu?
Klären wir zuerst, was ich unter Hardware verstehe. Ich meine damit Server, Server-Software, Sicherheitseinrichtungen, Backup-Management, Wartung etc. Keine Spitex-Organisation soll sich mit Hardware-Fragen herumschlagen müssen. Der Software-Anbieter muss die Komplexität des Hardware-Hostings, der Verwaltung, der Wartung, der Sicherheit übernehmen. Es braucht ein gesichertes und redundantes Hosting in der Schweiz. Das ist komplex und muss von Spezialisten durchgeführt werden. Spitex-Organisationen sollen alle Geräte, die sie einsetzen, überall, jederzeit und ohne technische Einschränkungen nutzen können.

Täglich Änderungen gehören zum Spitex-Alltag

Im Spitex-Alltag läuft nicht immer alles, wie es geplant ist. Einsätze müssen umgeplant werden, teilweise noch am gleichen Tag. Wie kann eine Software hier unterstützen?
Der erste Schritt ist, dass die Software im Pflegeprozess alles automatisiert, was möglich ist. Einfach gesagt: Das sind alle Einsätze und die damit verbundenen Aufgaben. Zum Spitex-Geschäft gehört, dass es fast täglich Änderungen in letzter Minute gibt. Hier gilt, einmal mehr, dass alle Beteiligte Anpassungen in Echtzeit sehen. Zudem soll die Software durch die richtige Ergonomie wie «Drag and Drop» oder durch das Präsentieren neuer Vorschläge für die Einsatzplanung die Spitex-Organisation unterstützen.

Eine Spitex-Software ist bedeutsam, dennoch ist sie bloss Teil der digitalen Landschaft einer Spitex-Organisation. Wie stellt ein Software-Entwickler sich, dass die Integration in die digitale Landschaft glückt?
Keine Software kann alles. Eine Spitex-Software muss nativ offen sein, damit sie mit anderen Lösungen zusammenarbeiten kann. Anbieter von Buchhaltungs- oder HR-Software sind auf ihre jeweiligen Bereiche spezialisiert und bieten die beste Lösung im Markt an. Die Spitex-Software muss kein Rad neu erfinden. Aber sie muss den automatisierten Dialog zwischen den Lösungen sicherstellen. Diese Möglichkeit muss von Anfang an in die Softwarearchitektur eingebaut sein.

Medizinische Geräte können Informationen an die Spitex-Software senden

Kundinnen und Kunden, die selber die Spitex- Einsatzzeiten definieren und angeben, dass sie per SMS über den nächsten Einsatz informiert werden wollen. Das sind bloss zwei – kleine – Entwicklungsschritte für die Zukunft. Woran arbeiten Sie aktuell?
Wir denken in verschiedene Richtungen. Wir verstehen eine Spitex-Software als eine offene und sichere Kommunikationsplattform mit Zugang zu verschiedenen Partnern. Aktuell ist zum Beispiel, dass Ärztinnen oder Ärzte eine Mail erhalten und mit Login und Passwort auf bestimmte Teile der Anwendung zugreifen und Informationen überprüfen können. Das ist auch für Kundinnen und Kunden und deren Angehörige möglich. Kundinnen und Kunden, Spitex-Mitarbeitende, Angehörige – sie alle können je nach Situation, die sie selber konfigurieren, Benachrichtigungen erhalten. Denkbar ist auch, dass jedes medizinische Gerät Informationen an die Plattform sendet. Die Plattform veröffentlicht die Information an der definierten Stelle und macht sie für autorisierte Personen sichtbar. Aber nicht nur medizinische Geräte können Informationen senden, dass können auch die Sensoren einer Klingelmatte sein. Schon implementiert ist die Spracherkennung: Einträge können so für Pflegebericht gesprochen werden – sie müssen nicht mehr geschrieben werden. Es gibt weitere, unzählige Möglichkeiten. Wir stehen erst am Anfang einer rasanten digitalen Entwicklung.


Juan-Manuel Garrote

ist seit 2015 Managing Director von Medical Link Services MLS, mit Sitz in Region Genf. Das Unternehmen ist mit seiner sicheren, zertifizierten Webplattform seit 2005 als eHealth-Software-Herausgeber auf dem Schweizer Gesundheitsmarkt und bietet auch Software für Spitex-Organisationen an.
Juan-Manuel Garrote hat in verschiedenen Unternehmen als IT-Führungskraft gearbeitet. Nach seiner Schulbildung in Frankreich hat er an der Universität Genf einen Mastertitel in Soziologie, Soziales und Wirtschaft erworben.