Martin Radtke Leadership

«Täter geben sich absichtlich als Spitex-Mitarbeiter aus»

Es kommt immer wieder zu Betrügereien, bei den ältere Menschen Opfer werden. Beispielsweise hat sich kürzlich im Kanton Zug eine Frau als Spitex-Mitarbeiterin ausgegeben und eine ältere Frau bestohlen. Ähnliches war im letzten Jahr im Raum Limmattal zu beobachten. Im Interview erklärt Rolf Decker, Projektleiter in der Präventionsabteilung der Kantonspolizei Zürich, wie Betrügerinnen und Betrüger arbeiten und was Spitex-Organisationen machen können, damit ihre Kundinnen und Kunden nicht Opfer werden.

Wie gehen Betrügerinnen und Betrüger üblicherweise vor?
Rolf Decker: Betrügerinnen und Betrüger sind sehr professionell. Sie sind erfinderisch und schauspielerisch begabt. Und sie denken sich immer neue «Schachzüge» und Maschen aus. Im geschilderten Fall im Kanton Zug handelt es sich vermutlich um einen Einschleichdiebstahl. Die Täterin hat die Anwohnerin mit ihrer Täuschung als angebliche Spitex-Mitarbeitende «überzeugt». Wir kennen auch, dass sich Täterinnen oder Täter direkt an der Haustüre oder telefonisch als Mitarbeitende der Spitex ausgeben, um einen Termin zu vereinbaren. Diese Verhaltensweisen haben alle ein Ziel: Sich Zutritt in die Wohnung zu verschaffen und die Bewohnerinnen oder den Bewohner zu bestehlen. Der grösste Irrglaube der Opfer ist die Meinung: «Mir kann so etwas nicht passieren». Unsere Erfahrung zeigt, dass auch viele clevere und bodenständige Personen getäuscht werden. Man darf niemals die Macht der Situation unterschätzen.


«Der grösste Irrglaube ist die Meinung, „mir kann das nicht passieren“.»

Rolf Decker, Projektleiter Präventionsabteilung Kantonspolizei Zürich


Gesundes Misstrauen ist ein guter Schutz

Können Sie Täterinnen und Täter genauer charakterisieren?
Das ist schwierig. Personen, die professionell und erfolgreich betrügen, verfügen meistens über eine ganze Reihe von Fähigkeiten und Fertigkeiten. Sie sind oft gute Menschenkenner, geben sich freundlich und nett – sind aber skrupellos. Täterinnen und Täter appellieren an die Hilfsbereitschaft, Gutgläubigkeit und das Vertrauen ihres Gegenübers. Der freundliche Telefonverkäufer kann zum Beispiel ein Betrüger sein, die nette Dame an der Haustüre eine Diebin. Darum ist im täglichen Leben ein gesundes Misstrauen jeweils ein guter Schutz. Alle Betrüger, Diebe, Einbrecher wollen sich auf Kosten anderer finanziell bereichern.

Gibt es gemeinsame Merkmale der Opfer?
Ja, die gibt es. Beim Telefonbetrug sind die Opfer zwischen 60 und 90 Jahre alt und mehrheitlich Frauen. Fast alle verfügen über einen alt klingenden Vornamen wie beispielsweise Elisabeth, Regula, Rita, Horst. Da diese Generation noch mehrheitlich in Telefonbüchern oder elektronischen Telefonverzeichnissen zu finden ist, suchen Täterinnen und Täter gezielt in diesen Verzeichnissen nach alt klingenden Vornamen. Daraus wird geschlossen, dass sich hinter einem älteren Namen meist auch eine ältere Person verbirgt. Beim Liebesbetrug im Internet, wir nennen das Romance Scam, sind 75 % der Opfer weiblich. Das Durchschnittsalter liegt bei Frauen und Männern bei etwa 55 Jahren. Diese Personen sind in den sozialen Medien wie Facebook oder bei einer Partnervermittlungswebsite aktiv. Wegen der grundlegenden menschlichen Eigenschaften wie Vertrauen, Autoritätsgläubigkeit oder Angst sind Menschen für gezielte Manipulation angreifbar.

Zielperson wird zunächst umschmeichelt

Wie werden die Opfer angesprochen?
In der Regel sehr freundlich und empathisch. Dies genügt in der Regel nicht für einen Erfolg. Die Vorgehensweise, die beim Romance Scam angewendet wird, nennen wir Profis Social Engineering. Hier werden die sozialen Grundbedürfnisse wie Liebe, Geborgenheit, Zweisamkeit etc. manipuliert. Die Täterin oder der Täter will bei der Zielperson eine bestimmte Verhaltensweise hervorrufen. Dafür wird das Selbst- und Wunschbild kühl analysiert, dann wird die Zielperson umschmeichelt. Schliesslich wird versucht, an vertrauliche Informationen wie das Passwort vom E-Banking zu kommen. Oder es wird vom Opfer verlangt, Geld zu übergeben oder zu überweisen.

Scheinbar häufen sich solche Taten im Sommer. Stimmt dieser Eindruck?
Nein, dieser Eindruck täuscht. Grundsätzlich versuchen Betrügerinnen und Betrüger das ganze Jahr Opfer zu finden. Im laufenden Jahr dürfte es wegen Covid-19 zu mehr Betrugsdelikten kommen. Denn während des Lockdown waren viele Bürgerinnen und Bürger häufiger als sonst im Internet aktiv.

Wie zufällig ist es, dass sich Täterinnen und Täter immer mal wieder als Spitex-Mitarbeitende ausgeben?
Das ist Absicht. Wer über 65 Jahre alt ist, vertraut einer Person, die – tatsächlich oder angeblich – für die Spitex arbeitet. Steht plötzlich eine «falsche» Spitex-Mitarbeitende mit Diebstahlsabsichten vor der Tür, kann das eine Person manchmal nur schwer erkennen. Einige Spitex-Kundinnen und -Kunden sind ja auch verwirrt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Täterinnen und Täter oft eine plausible Erklärung liefern. Beispielsweise sei die Kollegin, die sonst immer kommt, erkrankt. Oder ein Dienst wurde kurzfristig umgeplant.

Dienstkleider und Namensschild tragen

Was empfehlen Sie, damit Betrügereien bei älteren Menschen nicht auf fruchtbaren Boden fallen?
Oft sind es die alt bekannten Massnahmen, die nach wie vor grosse Wirkung haben. Dazu gehört, dass sich im Falle einer Betreuung durch die Spitex Spitex-Mitarbeitende immer ankündigen. Dass sie Dienstkleider und ein Namensschild tragen. Generell gilt: Haustüren sollen nur geöffnet werden, wenn man über die Gegensprechanlage oder mit einem Blick durch den Spion klären konnte, wer vor der Tür steht. Unbekannte soll man nie in die Wohnung lassen. Schliesslich soll man sich bei Verdacht über den Notruf 117 an die Polizei wenden.

Spitex-Mitarbeitende arbeiten wegen Covid-19 mit Schutzmaske, was grosse Teile vom Gesicht verdeckt. Hilft das den Täterinnen und Tätern?
Leider ja. Eine praktikable Identifikationsmöglichkeit wäre, wenn Spitex-Mitarbeitende mit einem Abstand von zwei Metern die Maske kurz entfernen, damit die Kundin oder der Kunde das Gesicht unmaskiert sieht und so die Person identifizieren kann.

Aufklärung ist gute Prävention

Was empfehlen Sie Spitex-Organisationen, wenn sie erfahren, dass in ihrem Einsatzgebiet Trickbetrügerinnen und -betrüger wirken und sich als Spitex-Mitarbeitende ausgeben?
Hier hilft eine offene Kommunikation gegenüber allen Spitex-Mitarbeitenden sowie gegenüber den Kundinnen und Kunden. Es sollten klare Anweisungen kommuniziert werden, wie man sich schützen kann. Zudem sollte sofort die Kantonspolizei über die Notfallnummer 117 informiert werden. Die dortigen Einsatzdisponenten werden die nötigen Schritte in die Wege leiten, um Sie zu unterstützen. Wir von der Kantonspolizei unterstützen gerne Spitex-Organisationen mit Referaten, um Mitarbeitende sowie Kundinnen und Kunden oder die Angehörigen aufzuklären und das Vorgehen von Täterinnen und Tätern transparent zu machen.


Weitere Informationen
www.telefonbetrug.ch
www.cybercrimepolice.ch


Rolf Decker ist seit 2014 Projektleiter in der Präventionsabteilung bei der Kantonspolizei Zürich. Rolf Decker ist Spezialist für die Prävention von Telefonbetrug (Enkeltrick und falsche Polizisten), Romance Scam, Cybercriminalität sowie Sicherheit im Strassenverkehr.
Vor seiner Tätigkeit im Bereich Prävention war in verschiedenen Funktionen tätig für die Kantons- und die Regionalpolizei sowie für die Staatanwaltschaft Zürich.