An der diesjährigen Fachtagung «Zukunft: Spitex» haben sich die Spitex-Topkader in Olten getroffen. Auf dem Programm standen Entwicklungen von «Hospital at home» und verschiedene Aspekte der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Es gab aber auch einen musikalischen Höhepunkt und eine verbandspolitische Klärung. Der Tagungsbericht.

Christian Ernst, Leiter der Klinik für Innere Medizin des Spitals Zollikerberg und Co-Projektleiter präsentierte das Projekt «Visit – Spital Zollikerberg Zuhause». Dabei werden Patientinnen und Patienten durch das Spital zu Hause versorgt. Damit die Versorgung sichergestellt werden kann, müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein. Beispielsweise dürfen die Patientinnen und Patienten nicht weiter als fünf Kilometer vom Spital entfernt wohnen. Alle Patientinnen und Patienten werden telemedizinisch überwacht. «Mit ‘Hospital at home’ ist ein Ergänzungsangebot und keine Konkurrenz zu Spital und Spitex», sagte Christian Ernst.

Digital fitte Kundinnen und Kunden

PD Dr. Iren Bischofberger, Pflegewissenschaftlerin und Mitglied Vorstand Spitex Schweiz, beleuchtete «Hospital at home» aus pflegewissenschaftlicher Sicht. Zunächst stellte sie klar, dass der Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung das Zuhause und nicht das Spital ist. Sie zeigte auf, dass «Hospital at home» spätestens seit 1972 wissenschaftlich diskutiert wird. Die Vielfalt der Akteure sei nach wie vor eine grosse Herausforderung. Und: «Kundinnen und Kunden sind digital oft kompetenter als die Organisationen, die sie versorgen!» Sie forderte mehr Innovationen und Mut. «Wer zuletzt mitmacht, hat viel verpasst», sagte Iren Bischofberger.

Dr. Peter Lude ist Vizeammann Zurzach, Verwaltungsratspräsident der Rückenwind plus AG und Buchautor. Im Interview mit Gilbert Bayard gab er einen Einblick in sein Leben. «Als Tetraplegiker bin ich auf stets auf die Hilfe von Drittpersonen angewiesen», erklärte er. «Meine Frau und ich sind ein eingespieltes Formel-1-Team. Ohne sie ginge nichts.» Was ist, wenn sie nicht mehr unterstützen kann? Es gebe weder eine Person noch eine Institution, die sofort an ihre Stelle treten könne. «Auch darum habe ich die Rückenwind plus AG, ein Spital zu Hause, gegründet.» Hier erhalten Patientinnen und Patienten punktgenaue Pflege zum richtigen Zeitpunkt. Das kann pflegende Angehörige entlasten und unnötige Komplikationen können vermieden werden.

Christian Ernst
Christian Ernst
PD Dr. Iren Bischofberger
PD Dr. Iren Bischofberger
Dr. Peter Lude (links)
Dr. Peter Lude (links), Gilbert Bayard

Manuela Schär, Verhandlungsleiterin und Tarifmanagerin, Einkaufsgemeinschaft HSK AG, beleuchtete «Hospital at home» aus Sicht der Krankenversicherer. Krankenversicherer stellen gesetzeskonforme Abrechnung und Vergütung von Pflichtleistungen der Obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) sicher, rief sie die Kernaufgabe der Krankenversicherer in Erinnerung. Mit dem Krankenversicherungsaufsichtsgesetz sei die Kontrolle der Krankenversicherer verschärft worden und es drohen empfindliche Strafen. «Die viel beschworene Kulanz ist nicht erlaubt!», hielt sie umissverständlich fest. «Das Krankenversicherungsgesetz sieht nicht vor, dass Spitalleistungen zu Hause vergütet werden», sagte Manuela Schär.

Es geht nur miteinander

Marcel Durst, Geschäftsführer der Association Spitex privée Suisse ASPS, ging in seinem Referat
«Lustvoll miteinander, lustvoll gegeneinander» auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden nationalen Spitex-Verbände ein. «Wir haben weitgehend die gleichen Interessen», betonte Marcel Durst. Bei ausgewählten Themen habe der ASPS andere Positionen als Spitex Schweiz: «Wir fordern gleich lange Spiesse bei der Finanzierung, bei den Leistungsverträgen, der Qualität und der Ausbildungsverpflichtung. Und auf kantonaler Ebene vor allem Transparenz bei der Restfinanzierung.» Doch es gehe nur miteinander. «Wir sind nur so stark, wie wir vereint sind. Und so schwach, wie wir getrennt sind», sagte Marcel Durst.

Mirjam Toews, Gründerin der Musik-Spitex, erläuterte, wie sie die Corona-Pandemie auf die Idee der ambulanten Kulturpflege brachte. «Im Lockdown verarmten die Menschen kulturell – gleichzeitig gab es Musikerinnen und Musiker, die spielen wollten, aber nicht durften.» Im Dialog mit der Spitex Allschwil Binningen Schönenbuch konnten bald professionelle Musikerinnen und Musiker bei Spitex-Kundinnen und -Kunden kleine Privatkonzerte geben. Die Resonanz war so stark, dass daraus die Musik-Spitex entstand. Damit das Publikum der Fachveranstaltung die Wirkung eine Life-Konzerts selbst erleben konnten, liess Mirjam Toews die Musikerin Jana Ozolina auftreten. Die Violinistin spielte sich mit den Stücken Méditation de Thaïs von Jules Massanet und Csàrdàs von Vittorio Monti in die Herzen des Publikums.

Marcel Durst
Marcel Durst
Mirjam Toews
Mirjam Toews
Jana Ozolina
Jana Ozolina

Dr. Alain Meyer, CEO der Careanesth AG, setzte eine erste digitale Duftmarke. In seiner Analyse kam er zum Schluss, dass neue Arbeitsmodelle gefragt sind. «Das vorhandene inländische Potential kann besser genutzt werden», ist Alain Meyer überzeugt. Digitalen Poolstrukturen im Gesundheitswesen ermöglichen, dass Mitarbeitende dann arbeiten, wann sie arbeiten können und wollen: Sie «buchen» ihren Dienst. «Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass Mitarbeitende künftig nur noch für eine einzige Organisation arbeiten», ist Alain Meyer überzeugt. Careanesth sei inzwischen zum Uber und zu Parship im Gesundheitswesen avanciert. Studien zeigen, dass Mitarbeitende zufriedener sind, wenn sie in Poolstrukturen arbeiten.

Rückendeckung vom Verwaltungsrat

Judith Liechti, Leiterin Services, stv. Geschäftsführerin der Spitex Bern, informierte, weshalb ihre Organisation auf digitale Transformation setzt. «Es sind vor allem der Fachkräftemangel, die Anforderungen der integrierten Versorgung sowie die Erwartungen der Kundinnen und Kunden», so Judith Liechti. Entscheidend für das Gelingen der digitalen Transformation sei der Kultur- und Wertewandel. «Nur wenn die Mitarbeitenden einbezogen werden, kann der Wandel gelingen.» An erster Stelle stehen jedoch Vision und Ziele. Diese habe der Verwaltungsrat vorgegeben. «Ohne Rückendeckung des Verwaltungsrates geht es nicht», zeigte sich Judith Liechti überzeugt. Einen weiteren Erfolgsfaktor sieht sie in der Umsetzung von kleinen Schritten, die sofort einen Nutzen stiften.

Dr. Friederike J.S. Thilo, ist Leiterin des Innovationsfelds Digitale Gesundheit an der Berner Fachhochschule BFH. Die BFH begleitet die digitale Transformation der Spitex Bern. «Als Wissenschafterin habe ich das Bedürfnis nach Definitionen», begann Friederike Thilo ihren Vortrag. Sie systematisierte in einer Übersicht, die unterschiedlichen Technologien und entsprechende digitale Lösungen. «Das Projekt der Spitex Bern ist auf vier Jahre ausgelegt. Durch unser Vorgehen stellen wir sicher, dass wir die hohe Dynamik der Bereiche Technologie, Gesellschaft, Politik oder Forschung ?in späteren Projektphasen berücksichtigen können.»

Dr. Alain Meyer
Dr. Alain Meyer
Judith Liechti
Judith Liechti
Dr. Friederike J.S. Thilo

Annette Liebl, MAS Managed Health Care, Pflegefachfrau, Area Sales Manager bei DOMO Health, zeigte in ihrem Referat auf, welche Daten Domo Health sammelt und nutzbar macht. «Pflegefachpersonen sehen bei einem Besuch zuerst die Gesundheitsdaten, dann die Kundin oder den Kunden», führte sie aus. Sämtliche Datenschutzbestimmungen werden immer eingehalten. «Nur die Daten, welche die betroffene Person freigibt, werden übermittelt», stellte Annette Liebl klar. StrongAge-Gründer Prof. Dr. Hugo Saner zeigte anhand einer schematischen Übersicht auf, wie sich die Tagesstruktur einer gesunden und von einer an Alzheimer erkrankten Person unterscheidet. «Wer solche Daten lesen kann, kann den Gesundheitszustand gut einschätzen. Und rechtzeitig intervenieren.» Dies gebe gerade für Spitex-Organisationen ganz neue Möglichkeiten.

Annette Liebl
Annette Liebl
Prof. Dr. Hugo Saner
Prof. Dr. Hugo Saner

Safe the date

Die nächste Fachtagung «Zukunft: Spitex» findet am 24. Januar 2024 statt.