38-Stunden-Woche
Martin Radtke Angebot

Spitex Region Bülach führt 38-Stunden-Woche ein, bei gleichem Lohn

Die Spitex Region Bülach führt auf 1. Januar 2023 die 38-Stunden-Woche bei gleichem Lohn ein. Mit dieser Massnahme will die Organisation attraktiver werden für bestehende und auch für neue Mitarbeitende. «Wir wollen, dass die Mitarbeitenden einen echten Mehrwert haben – und früher Feierabend machen können», sagt Mirko Theel, Leiter Spitex Region Bülach. «Jetzt beginnt die Projektarbeit. Doch der Entscheid ist gefallen: Wir werden 7,6 Stunden statt 8,4 Stunden täglich arbeiten.»

Warum führen Sie die 38-Stunden-Woche bei gleichem Lohn ein?
Mirko Theel: Wir wollen die bestmöglichen Arbeitsplätze für die bestehenden und für die künftigen Mitarbeitenden haben. Dabei ist uns wichtig, dass wir für alle Mitarbeitenden in allen Bereichen attraktiv sind. Ein Ziel der Massnahme ist auch, leichter Personal zu finden. Wir stellen schon heute immer wieder Personal an. Doch es reicht nicht. Jede Spitex-Organisation wächst. Ob das fünf, sieben oder zehn Prozent sind im Jahr, spielt keine Rolle: Es ist ein jährliches Wachstum. Wachstum ohne Personal geht nicht.


«Wir werden 7,6 Stunden statt 8,4 Stunden täglich arbeiten – bei gleichem Lohn.»

Mirko Theel, Leiter Spitex Region Bülach


Alle Mitarbeitenden in den Prozess einbeziehen

Wie setzen Sie die 38-Stunden-Woche konkret um?
Die Spitex Region Bülach gehört zur Stiftung Alterszentrum Region Bülach «SARB». Die Stiftung hat einen stationären und einen ambulanten Bereich. Insgesamt sind wir 360 Mitarbeitende, bei der Spitex sind es 80. Nicht alle Support-Leistungen sind bei der Spitex angesiedelt. Wir können beispielsweise auf die Finanzabteilung, Technik oder auf Human Resources-Leistungen zugreifen und bezahlen dafür einen ermittelten Preis. Das Projekt «38-Stunden-Woche bei gleichem Lohn» setzen wir als SARB um. Wir möchten alle Mitarbeitenden in der Stiftung in den Prozess einbeziehen. Das Ziel können wir nur gemeinsam erreichen. Heute haben wir am Nachmittag eine Viertelstunde bezahlte Pause. Sie wird künftig wegfallen.

Das wird nicht reichen…
Nein, natürlich nicht! Unser Ziel ist, dass die Mitarbeitenden einen echten Mehrwert haben. Das haben wir beispielsweise beim Mittagessen dieses Jahr bereits umgesetzt: Alle können sich bei uns kostenlos über Mittag im eigenen Restaurant verpflegen. Das spüren alle jeden Tag im Portemonnaie. Die Idee, dass eine Massnahme spürbar sein soll, wollen wir auch mit der 38-Stunden-Woche umsetzen. Wir wollen, dass die Mitarbeitenden früher Feierabend machen können. Sie sollen merken, dass sie plötzlich mehr Zeit haben. Zeit, nach der Arbeit noch ins Fitnessstudio zu gehen. Zeit zum Einkaufen. Zeit, die Kinder zu betreuen.

Betrieb neu denken

Was bedeutet das für den Betrieb?
Zunächst erarbeiten wir gemeinsam in den Projektgruppen das Konzept. Wir führen die 38-Stunden-Woche im Januar ein. Bis dann müssen wir den ganzen Betrieb neu denken: Dienstplanung, Disposition, Prozesse – alles muss analysiert und optimiert werden. Was bleibt, ist die Arbeit. Sie rennt nicht weg. Wie wir ab Januar konkret arbeiten, wissen wir alle noch nicht.

Der Entscheid, die 38-Stunde-Woche einzuführen, ist gefallen. Da gibt es kein Zurück mehr.
So ist es. Ab 1. Januar arbeiten wir täglich nicht mehr 8,4 Stunden, sondern 7,6 Stunden. Der Auftrag an die Organisation heisst: Aufzeigen, wie wir den Leistungsauftrag erfüllen, wie wir unsere Öffnungszeiten beibehalten können und so weiter. Klar ist auch: Die Arbeitszeitreduktion bedeutet nicht, dass wir einfach mehr Personal für die gleiche Arbeit einstellen wollen. In Deutschland ist eine 38-Stunden-Woche Standard. Das ist auch in der Schweiz möglich! Wir bekommen das hin, keine Frage.

Mehr Lohn ist nicht nachhaltig

Sie haben sich für eine Arbeitszeitreduktion entschieden. Wäre nicht auch möglich gewesen, den Lohn substanziell anzuheben?
Das sind unterschiedliche Themen. Wir bezahlen einen guten, marktüblichen Lohn. Doch es ist bewiesen, dass eine breite Anhebung, nach zwei oder drei Monaten in seiner Wirkung verpufft. Das Geld verschwindet irgendwo im persönlichen Budget, man gewöhnt sich sehr schnell daran. Die Attraktivität ist eben nicht nur der Lohn, sondern es ist ein Bild mit verschiedenen Puzzleteilen. Mehr Zeit haben, ist etwas völlig anderes. Mehr Zeit fördert die Gesundheit und die Lebensqualität. Beides kann man nicht kaufen.

Zum Schluss: Was empfehlen Sie andern Spitex-Topkadern? Auf keinen Fall eine 38-Stunden-Woche einführen, damit der Wettbewerbsvorteil in Bülach bleibt…?
(lacht). Alle werden jetzt schauen, wie wir das machen. Wenn es funktioniert, kommen interessierte und werden fragen: Wie hast du das genau umgesetzt? Das ist fein. Doch: Jede Organisation muss ihren eigenen Weg gehen. Daraus leite ich meine Empfehlung für andere ab: Seid mutig und bewegt etwas! Nur so kommen wir voran.


Mirko Theel

leitet die Spitex Region Bülach seit 2018. Die rund 80 Mitarbeitenden versorgen die fünf Gemeinden Bachenbülach, Bülach, Glattfelden, Hochfelden und Höri mit Spitex-Leistungen. Die Spitex Region Bülach ist Teil der Stiftung Alterszentrum Bülach.

Mirko Theel war vor seinem Spitex-Engagement für verschiedene Spitäler tätig und hat sich laufend berufsbegleitend in Management-Themen weitergebildet. Sein ursprünglicher Beruf ist Pflegefachmann.