Spitex-Organisationen im Kanton Thurgau gehen gemeinsam einen neuen Weg, um Personalspitzen zu brechen. In ihrem Auftrag betreibt der Personalverleiher Careanesth einen Personalpool. Wer kurzfristig qualifiziertes Personal sucht, kann dieses über den Pool buchen. Und bekommt regelmässig hochmotivierte, bestes qualifizierte Mitarbeitende. «Wir sind sehr zufrieden mit dem Angebot», sagt Maja Kradolfer Mettler, Geschäftsleiterin der Spitex Oberthurgau. «Die Pool-Mitarbeitenden würde ich sofort selbst anstellen.» Doch wer sich für einen Pool anstellen lässt, wählt bewusst diese Arbeitsweise. «Junge Menschen funktionieren und ticken anders», erklärt René Beer, Poolmanager bei Careanesth. «Dieses Angebot passt perfekt in ihr Lebenskonzept.»

Wie funktioniert der Pool für die Mitarbeitenden?
René Beer: Wir bieten eine digitale Plattform an, auf die alle Spitex-Organisationen Zugriff haben, die mitmachen. Zudem können alle Pool-Mitarbeitenden damit arbeiten. Beide Seiten haben die Möglichkeit, Bedarf beziehungsweise Leistung einzustellen. Bucht eine Spitex-Organisation beispielsweise eine Person für einen bestimmten Dienst, erhält sie eine SMS und ein Mail. Die anderen Organisationen sehen, dass die Person gebucht wurde. Umgekehrt können sich Pool-Mitarbeitende auf einen «offenen» Dienst melden. Sie machen das oft auch spontan und kurzfristig.


«Mit dem Spitex-Pool bekommen Pflegefachleute eine interessante Alternative»

René Beer, Bereichsleiter Langzeitpflege, Spitex und Psychiatrie | Mitglied der Geschäftsleitung, Careanesth AG


Was ist der Nutzen dieser Pool-Lösung?
Maja Kradolfer Mettler:
Für uns als Spitex-Organisation ist es klar: Wir können Dienste von kurzfristigen Kankheitsausfällen abdecken, für die wir sonst keine Lösung hätten. Wir bekommen bestens eingeführte, hoch flexible und motivierte Mitarbeitende. Jede einzelne vom Pool würde ich sofort auch bei mir anstellen. Aber das mache ich natürlich nicht – das liefe der Pool-Idee zuwider.


«Der Spitex-Pool ist eine geniale Sache! Und die Zufriedenheit der Mitarbeitenden steigt»

Maja Kradolfer Mettler, Geschäftsleiterin Spitex Oberthurgau


Spitzensportlerin arbeitet im Spitex-Pool

René Beer: Aus Sicht der Mitarbeitenden sind es die hohe Flexibilität und die grosse Abwechslung. Zahlreiche junge Menschen haben ein anderes Verhältnis zur Arbeit entwickelt. Für sie zählt die Flexibilität mehr als das fixe Gehalt. Ich gebe zwei Beispiele: Hat sich jemand fürs Wochenende zum Skifahren verabredet und stellt am Freitag fest, dass es am Sonntag schneien wird, geht die Person nicht zum Skifahren. Sondern bucht einen Sonntagsdienst. Oder umgekehrt: Eine Pool-Mitarbeiterin ist Spitzensportlerin und hat fast jedes Wochenende Wettkämpfe. Sie kann oder will darum an den Wochenenden nicht arbeiten. Als Mitglied eines festen Teams ginge das nicht. Als Mitglied eines Pools passt es perfekt. Eine Pool-Lösung bietet Raum für alternative Arbeitsmodelle.

Wie ist es zur Pool-Lösung im Kanton Thurgau gekommen?
René Beer: Der Anstoss dazu kam von einem Vorstandsmitglied des Spitex Verbands Thurgau. Die Anregung war zu prüfen, ob eine Poolstruktur möglich sei.

Maja Kradolfer: Unter der innovativen Federführung von Christa Lanzicher, Geschäftsleiterin vom Spitex Verband Kanton Thurgau, haben wir dann versucht, andere Spitex-Organisationen vom Nutzen eines organisationsübergreifenden Personalpools zu überzeugen. Zuerst war es, wie so oft, etwas harzig. Doch im April haben sich sechs Spitex-Organisationen bereit erklärt mitzumachen. Inzwischen sind wir neun Organisationen, das sind zwei Drittel aller Thurgauer Spitex-Organisationen.

«Geteilter Dienst» geht nicht

Was sind die besonderen Herausforderungen beim Aufbau eines solchen Pools?
René Beer: Zunächst muss geklärt werden, was der Pool leisten soll. Soll er Lösungen für kurzfristige Ausfälle bieten? Oder soll er auch Anforderungen für längere Ausfälle, wie beispielsweise Schwangerschaften, erfüllen? Alle Organisationen, die mitmachen, müssen eine verbindliche Aussage machen, wie stark sie Pool-Mitarbeitende auslasten können. Weiter braucht es verbindliche Spielregeln: Beispielsweise ist es unmöglich, Mitarbeitende für «geteilte Dienste» zu finden. Also darf es keinen «geteilten Dienst» geben. Auch muss geklärt werden, wer wann welche Ressourcen buchen kann. So ist es unfair, wenn eine Organisation den Pool frühzeitig über einen längeren Zeitraum leerbucht. Ein unabhängiges Pool-Management ist hier von grossem Vorteil.

Worauf müssen Spitex-Organisationen beim Aufbau achten?
Maja Kradolfer Mettler: Es gibt ein paar ganz praktische Fragen: Was für eine Ausrüstung wie Blutdruck-Gerät, Schlüssel, Tablet etc. hat eine Pool-Mitarbeitende zur Verfügung, wenn sie anfängt? Wir haben uns auf einen Spitex-Rucksack geeinigt und festgelegt, welchen Inhalt er hat. Alle neuen Pool-Mitarbeitenden haben einen halben Tag Einführung, den Careanesth finanziert. Zudem bekommen die Pool-Mitarbeitenden bei Arbeitsantritt ein geladenes Tablet. Alle Spitex-Organisationen arbeiten mit derselben Software. Wir haben uns zudem darauf geeinigt, dass wir alle immer die gleich aktuelle Version haben. Schliesslich haben wir geklärt, wie bestimmte Leistungen dokumentiert werden, beispielsweise bei der Wundversorgung. Das machen alle Spitex-Organisationen ein bisschen anders. Wir haben schnell eine Lösung gefunden; man muss eine Fünf auch mal gerade sein lassen und den gesamtheitlichen Nutzen, respektive das Ziel im Fokus behalten. Dann geht es.

Aufbau dauert ein bis zwei Jahre

Wie lange dauert es, so ein Pool aufgebaut ist?
Maja Kradolfer Mettler: Erste Gespräche gab es im Herbst 2020. Im Frühling 2021 ging es los. Es hat etwa ein halbes Jahr gedauert. Während dieser Zeit haben wir Spitex-Organisationen unsere Hausaufgaben gemacht: Prozesse und Abläufe definiert zusammen mit René Beer, Inhalte für den Spitex-Rucksack der Pool-Mitabeitenden geklärt, den Vertrag unterschrieben, intern informiert und geschult.

René Beer: Unsere Arbeit war zunächst die Analyse, was genau für einen Pool es braucht. Später folgten die Rekrutierung und das Entwickeln der Spielregeln. Natürlich muss auch die Software aufgesetzt werden. Mehr Aufwand ist es natürlich, geeignete Mitarbeitende zu finden. Wir sind gut gestartet und haben inzwischen rund sieben Pool-Mitarbeitende. Die Erfahrung zeigt: Es dauert ein bis zwei Jahre, bis der Personalpool fester Bestandteil der mitwirkenden Spitex-Organisationen ist.

Zufriedenheit bei Mitarbeitenden steigt

Sprechen wir noch übers Geld. Was kostet so ein Pool?
Maja Kradolfer Mettler: Wir bezahlen die effektiven Einsatzzeiten der Mitarbeitenden, dabei haben wir eine Mindestarbeitszeit. Die Höhe des Betrags ist fair und unwesentlich teurer als die Vollkosten einer festangestellten Person – und die internen Suchkosten fürs Abdecken von Einsatzspitzen entfallen. Dazu steigt die Mitarbeiterzufriedenheit im eigenen Betrieb merklich.

Was macht es für Mitarbeitende attraktiv, für einen Spitex-Pool zu arbeiten?
René Beer: Berufsleute sind während ihres Berufslebens nicht immer gleich verfügbar. Mit dem Spitex-Pool bekommen sie eine Alternative. Hier zählen hohe Flexibilität und die Möglichkeit, für unterschiedliche Organisationen tätig zu sein. Sie arbeiten dann und so viel, wie sie können oder wollen. Diese Individualität hat auch eine Kehrseite: Das ist der schwankende Lohn. Pool-Mitarbeitende sind ausnahmslos im Stundenlohn angestellt. Ohne Einsätze kein Gehalt. Diese Art zu arbeiten, ist nicht für alle Menschen gemacht. Doch für einige passt es bestens. Wir wissen, dass die Personalzufriedenheit insgesamt steigt, wenn Pool-Lösungen im Einsatz sind. Denn so müssen Mitarbeitende viel weniger häufig für Einsätze angefragt werden, die sie eigentlich nicht übernehmen wollen oder können.

Was empfehlen Sie anderen Spitex-Organisationen mit den Erfahrungen, die Sie mit dem Spitex-Pool bis heute gemacht haben?
Maja Kradolfer Mettler: Das ist eine geniale Sache! Die Pool-Lösung hilft, dass die Mitarbeiterzufriedenheit im Betrieb steigt. Andererseits bleiben Pflegende länger im Beruf, und können mit der Poollösung weiterhin für die Spitex arbeiten. So bringen sie Privatleben und Beruf besser zusammen. Ein Nachteil oder Vorteil vom Pool ist, dass die Pool-Mitarbeitenden nicht in ein Team eingebunden sind. Es lohnt sich, über die Gemeindegrenze hinauszuschauen und gemeinsam Lösungen für Alltagsprobleme zu suchen!


Thurgauer Spitex-Pool

Im Moment machen folgende Spitex-Organisationen beim Spitex-Pool im Kanton Thurgau mit:


Maja Kradolfer Mettler

ist seit 2000 Geschäftsleiterin der Spitex Oberthurgau. Die 95 Mitarbeitenden der Spitex Oberthurgau erbringen ihre Leistungen in den Gemeinden Amriswil, Bischofszell, Hauptwil-Gottshaus, Hefenhofen, Sommeri und Zihlschlacht-Sitterdorf.
Maja Kradolfer Mettler hat vor ihrem Spitex-Engagement mit Managementausbildungen im KISPI St. Gallen die Ausbildung zur KWS absolviert und anschliessend auf der Kinderklinik in Münsterlingen gearbeitet. Seit 2009 Chefexpertin FaGe und in vielen diversen Gremien dabei.


René Beer

ist seit 2014 Bereichsleiter Langzeitpflege, Spitex und Psychiatrie und Mitglied der Geschäftsleitung der Careanesth AG. Das Unternehmen hat sich auf die Vermittlung von Gesundheitspersonal spezialisiert.
René Beer arbeitete mehrere Jahre in verschiedenen Funktionen im Gesundheitswesen und bringt fast zwanzig Jahre Führungserfahrung mit. Er hat einen Abschluss als Master of Advanced Studies FHNW in Betriebswirtschaftlichem Management von Nonprofit-Organisationen und absolvierte eine Ausbildung als Supervisor, Coach und Organisationsberater