Martin Radtke Digitalisierung

«Spitex-Organisationen sollten zu einem Kompetenzzentrum für Digitalisierung werden»

Wie nutzen ältere Menschen das Internet? Mit dieser Frage hat sich Dr. Alexander Seifert (Universität Zürich und FHNW), intensiv beschäftigt. Er leitete die Untersuchungen der Studie «Digitale Senioren»; Pro Senectute hat die Arbeit in Auftrag gegeben. Alexander Seifert sieht für Spitex-Organisationen ein neues strategisches Handlungsfeld: Sie sollen auch ein Kompetenzzentrum für Digitalisierung werden.

Ihre Untersuchung zeigt, dass sich die Anzahl Menschen über 65, die das Internet nutzen, gegenüber 2010 verdoppelt hat. Hatten Sie dieses Ergebnis erwartet?
Alexander Seifert: Ja, im Grunde schon. Die erste Erhebung war 2009, die aktuelle Erhebung haben wir Ende 2019 gemacht. Es liegen also genau 10 Jahre dazwischen. Es wurde ja dieselbe Stichprobe, also die über 65-Jährigen, befragt und nicht dieselben Personen. Wer bei der aktuellen Umfrage 65 Jahre alt ist, war vor 10 Jahren 55 Jahre alt. Wir Fachleute nennen dies «Kohorteneffekt». Bemerkenswert finde ich den Unterschied zwischen den beiden Gruppen «65 bis 79 Jahre alt» und «80 Jahre und älter»: Wir sehen in der aktuellen Studie, dass deutlich weniger Menschen das Internet, ein Smartphone oder ein Tablet nutzen, wenn sie über 80 Jahre alt sind. Doch diese Nutzungen sind ja bloss ein Teil der Möglichkeiten von technischen Anwendungen.


«Spitex-Organisationen sollten zu einem Kompetenzzentrum für Digitalisierung werden.»

Dr. Alexander Seifert, Universität Zürich und Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW


Technik verändert sich stark und schnell

Was meinen Sie damit?
Wir haben die Internetnutzung untersucht, teilweise auch die Techniknutzung. Die Ergebnisse interpretiere ich so, dass auch in zehn oder zwanzig Jahren ältere Menschen bestimmte technische Instrumente nicht werden nutzen können. Die Technik und nicht bloss das Internet verändert sich sehr stark und sehr schnell. Denken wir etwa an Entwicklungen wie Selbstscannerkassen, Twint oder Online-Essenbestellungen. Für uns mag das selbstverständlich sein. Doch ältere Menschen haben hierzu teilweise weniger Zugang.

Wenn unsere Generation den Umgang mit Selbstscannerkassen heute lernt, kann sie die Geräte doch morgen auch nutzen…
Das schon. Nur wissen wir nicht, wie wir in zwanzig Jahren einkaufen werden. Was wir heute lernen, können wir dann vielleicht nicht mehr anwenden. Bezüglich moderner Techniknutzung gibt es bei älteren Menschen immer einen gewissen Kompetenzunterschied gegenüber den jüngeren. Doch wichtig: Der Begriff «ältere Menschen» – und damit meine ich wegen unserer Studie die über 65-Jährigen – ist sehr unscharf. Die Gruppe der Menschen, die mehr als 65 Jahre alt sind, ist sehr heterogen. Das Alter ist kein Kriterium dafür, ob man Technik nutzen kann oder nicht nutzen kann. Es wird auch in zwanzig Jahren ältere Menschen geben, die einwandfrei mit der dann aktuellen Technik werden umgehen können.

Technikinteresse ist entscheidend

Wenn das Alter kein Kriterium ist, was entscheidet denn darüber, wer mit Technik umgehen kann?
Ausschlaggebend ist zunächst das Interesse an Technik. Eine über 80-jährige Person mit grossen Technikinteresse kann sehr viele Geräte wie Smartphone, Tablet oder Smartwatch nutzen. Ganz entscheidend ist auch, welchen Nutzen die Technik erfüllt. Also die Antwort auf die Frage: Was ist mein Vorteil, wenn ich die Technik nutze? Nehmen wir aus aktuellem Anlass das Beispiel Corona-Shutdown: Vor dem Shutdown konnten sich ältere Menschen relativ leicht mit anderen Menschen treffen und auch einkaufen gehen. Der Shutdown hat das erschwert oder verunmöglicht. Die Technik erlaubt aber, etwa durch Video-Konferenzen oder durch Shopping at home, diese Bedürfnisse nach Austausch mit Menschen und Einkaufen trotzdem einigermassen zu befriedigen.

Ihre Studie zeigt, dass im Jahr 2015 rund 30 % der über 65-Jährigen das Internet genutzt haben. Bei der neusten Studie liegt der Wert bei 80 %. Wie erklären Sie diese grosse Zunahme innerhalb der letzten fünf Jahre?
Die klassische Sichtweise von «Internetnutzung» ist, dass ich bei meinem Rechner eine Website öffne. Doch in Realität merken viele Nutzerinnen und Nutzer gar nicht, dass sie gerade das Internet nutzen. Es ist inzwischen allgegenwärtig: Wenn ich WhatsApp nutze, Fernsehen schaue oder telefoniere, dann nutze ich meistens das Internet.

Lohnt sich der Lernaufwand auch im Alter noch?

77 Prozent der Studienteilnehmenden, die kein Internet nutzen, sagen: «Die Nutzung ist mir zu kompliziert».
Seit 2009 werden immer wieder drei Themen benannt, die eine Nichtnutzung begründen: «Es ist zu kompliziert», «der Aufwand ist zu hoch» und «ich habe Angst vor Problemen». Vergleicht man die Onliner mit den Offlinern stellt man fest: Die Onliner sagen kaum, «es ist zu kompliziert». Die Offliner haben oft die subjektive Wahrnehmung von «Es muss kompliziert sein». Die Hürde ist meist der Erstkontakt. Bekommen sie Unterstützung, können sie vielleicht selber erfahren, dass es doch nicht so kompliziert ist. Doch die Frage ist ja auch, was meint «ist zu kompliziert»? Das bedeutet beispielsweise, dass Technik nicht macht, was ich denke, dass sie machen soll. Oder der Aufwand ist zu gross: Ich muss etwas lernen, um die Technik nutzen zu können. Und ganz wichtig: Was für einen Nutzen habe ich davon, wenn ich den Aufwand betreibe. Im Alter schwingt immer auch die Frage mit, ob es mir noch etwas bringt. Ist der Aufwand, etwas zu lernen im Verhältnis zum Nutzen zu gross, wird es als «es ist zu kompliziert» bezeichnet.

Alltagsnah Lernen

Wie könnte die Nutzung für Seniorinnen und Senioren vereinfacht werden?
Heute ist es oft so, dass wir in Schulungen Grundlagen lernen. Aber wir lernen kaum, wie uns die Technik den Alltag erleichtern kann. Ich mache ein Beispiel: Will eine Grossmutter ihre Enkelin in Australien sehen, die dort einen Sprachaufenthalt macht, geht es nicht darum, ihr den ganzen Computer zu erklären. Sie braucht nur zu wissen, wie Zoom oder Skype funktioniert. Mehr braucht sie nicht zu wissen – damit ist sie zufrieden. Man muss wegkommen vom technischen Lernen. Man muss hinkommen zum Lernen von alltagsnahen und individuellen Anwendungen. Ein zweiter Aspekt ist die Benutzerfreundlichkeit. Der Ansatz war, dass man Handys mit sehr grossen Tasten macht. Doch das führt häufig zu einer Stigmatisierung: Ein normales Smartphone kann ich nicht mehr bedienen, darum brauche ich jetzt eins mit grossen Tasten. Aber das ist der falsche Weg. Smartphones müssten so programmiert sein, dass die gleichen Geräte eben auch von älteren Menschen genutzt werden können.

Kundinnen- und Kundensicht einnehmen

Spitex-Organisationen müssen mit ihren finanziellen Ressourcen haushälterisch umgehen. Dazu müssen sie auch digitaler werden. Wie können Spitex-Organisationen ihre Kundinnen und Kunden mitnehmen auf dem Weg zu mehr Digitalisierung?
Zunächst einmal müssen Kundinnen und Kunden ihre Bedürfnisse formulieren. Im nächsten Schritt kann man sich überlegen, wie die Bedürfnisse technisch umgesetzt werden können. Wichtig ist, die Brille der Kundinnen und Kunden anzuziehen. Und nicht jene der Organisation zu tragen. Spitex-Organisationen müssen also schauen, wo kann Technik unterstützen: Beispielsweise in der Kommunikation, in der Betreuungsarbeit etc. Dann muss eine Spitex-Organisation Zeit in die Erstschulung investieren. Und schliesslich muss eine Spitex-Organisation Ressourcen bereit halten, welche die Anwendung immer dann erklären kann, wenn Fragen auftauchen.

Sie schildern den Idealfall. Doch eine Spitex-Organisation ist auch mit Situationen konfrontiert, wo sie nicht oder kaum wählen kann, ob sie einen Digitalisierungsschritt macht oder nicht. Ich denke an die Einführung neuer Einzahlungsscheine. Als Spitex-Organisation kann ich sie hinauszögern – doch profitiere ich dann vom Effizienzgewinn und entsprechend von einer Kostenreduktion nicht. Was mache ich jetzt?
Das ist zweifelsohne eine Hürde. Als Spitex-Organisation muss ich mir also überlegen, wo der Nutzen für meine Kundinnen und Kunden liegt. Das könnte beispielsweise sein, dass ich Zeit spare. Ich muss nicht zur Bank oder zur Post laufen zum Einzahlen, sondern kann den QR-Code des Einzahlungsscheins mit Smartphone scannen und sofort die Zahlung ausführen. Natürlich muss man das den Kundinnen und Kunden zeigen und erklären.

Unterstützung für digitale Fitness im Alter

Sie plädieren dafür, dass man die Kundinnen und Kunden zu Hause unterstützt. Wer soll diese Hilfestellung anbieten, wenn keine Angehörigen oder Nachbarn da sind?
Nun, Spitex-Organisationen könnten diese Leistung anbieten oder vermitteln. Machen wir uns nichts vor: In zehn Jahren gibt es wieder neue technische Errungenschaften, die den Alltag dann erleichtern. Auch das muss erklärt werden. Die Unterstützung der digitalen Fitness im Alter ist vielmehr ein dauerhafter Prozess als bloss ein einmaliges Ereignis. Prozess bedeutet: Was heisst Digitalisierung und digitale Transformation für meine Organisation und für meine Kundinnen und Kunden? Und für meine Mitarbeitenden? Als vorausschauende Spitex-Organisation tue ich gut daran, Zeit und Geld in die Antworten dieser Fragen zu investieren.

Zugespitzt formuliert heisst das: Kernkompetenz einer Spitex-Organisation muss werden, Digitalisierung nach innen und aussen zu vermitteln. Würden Sie das so unterschreiben?
Ja, absolut. Doch ich würde noch einen Schritt weitergehen: Es geht nicht nur darum, ICT-Support zu leisten. Spitex-Organisationen unterstützen im Moment bei der Pflege und Betreuung von Menschen zu Hause. Ich könnte mir vorstellen, dass es für Spitex-Organisationen ein neues Handlungsfeld gibt: Hilfestellungen bei technischen Fragen. Die Zunahme der Digitalisierung im Alltag bedeutet, dass Digitalisierung zum Motor unseres Alltags wird. Wofür ist die Spitex zuständig? Dafür, dass Personen möglichst lange zu Hause leben können. In dieser Logik müsste eine Spitex-Organisation auch Menschen bei der Techniknutzung im Alltag unterstützen. Wohlgemerkt, ich denke da nicht bloss ans Lesen eines QR-Codes. Moderne Haustechnik reguliert die Heizung, lässt Storen den Raum verdunkeln – vielleicht kommt bald der sprechende Kühlschrank. Wer hilft älteren Menschen hierbei? Im Moment gibt es darauf keine Antwort. Spitex-Organisationen sollten zu einem Kompetenzzentrum für Digitalisierung werden. Das bedeutet nicht, dass sie alle Probleme lösen können. Aber sie müssen wissen, wer die Probleme lösen kann.


Alexander Seifert

ist seit 2017 Bereichsleiter Forschung und Grundlagen am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich und seit 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er hat die Studie «Digitale Senioren» wissenschaftlich begleitet. Es ist die dritte Studie ihrer Art und zeigt auf, wie sich das digitale Verhalten der Seniorinnen und Senioren über die letzten zehn Jahre verändert hat. Pro Senectute hat die Studien jeweils in Auftrag gegeben.

Dr. phil. Alexander Seifert beschäftigt sich in seiner Forschung und Lehre thematisch mit der Soziologie des Alter(n)s, dem Wohnen im Alter, der Technik im Alter sowie der Sehbehinderung im Alter


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