Martin Radtke Leadership

Spitex-Organisationen sind regionale Leuchttürme im Gesundheitswesen

Die heutige Organisationsentwicklerin Monika Müller-Hutter hat mitgeholfen, dass aus einem dichten Geflecht an kleinsten Gemeindepflege- und Hauspflegevereinen ein starkes Netz von regionalen Spitex-Organisationen entstanden ist. Sie hat bei verschiedenen Spitex-Fusionen mitgewirkt und weiss, was bei solchen Projekten immer klappt. Und was nie.

Guten Tag, Frau Monika Müller-Hutter. Wir erreichen Sie gerade in Ihren Ferien. Wo sind Sie denn und wie erholen Sie sich?
Monika Müller-Hutter: Noch bin ich in meinem Büro. Wie so oft vor den Ferien, geht es bei mir noch hoch zu und her. Ich leite ein Projekt zur Implementierung und Zertifizierung der Palliative Care in einem Heim. Jetzt bin ich noch am letzten Schliff für die Audit Eingabe aller Dokumente. Aber morgen reisen mein Mann Felix und ich nach Berlin, um dort eine Woche bei unserer Tochter und ihrer Familie zu verbringen. Da werden wir viel zu plaudern haben, zusammen kochen und mit unserem kleinen Enkel in der Hasenheide die Natur geniessen.

«Es kann sich als Stolperstein erweisen, wenn eine vorsichtige Umsetzungsphase und die Evaluation fehlen.»

Monika Müller-Hutter, Organisationsentwicklerin

Für Fachbereiche braucht es grössere Organisationen

Véronique Tischhauser-Ducrot hat den Spitex-Rucksack an Sie weitergereicht und will wissen, was die wichtigsten Entwicklungen der Spitex-Branche sind. Ihre Antwort?
Als ich 1992 bei der Spitex als Leiterin arbeitete, gab es in der Schweiz noch ein extrem dichtes Geflecht an kleinsten Gemeindepflege- und Hauspflegevereinen. Dass bis heute nun ein starkes Netz von Regionalen Spitex-Organisationen entstanden ist, erachte ich als eine ganz zentrale Errungenschaft. Die Ausbildung als Pflegefachpersonen oder FaGe in der Spitex zu absolvieren wurde dadurch möglich. Fachbereiche wie Psychiatrie, Palliative Care, Dementia Care können nur von grösseren Spitex-Organisationen ernsthaft betrieben werden. Kleinere Spitex-Organisationen können davon profitieren weil sie die Möglichkeit haben, mit grossen Zentren Kooperationen einzugehen. Weitere Meilensteine in der Spitex-Entwicklung sind aus meiner Sicht, die Einführung der standardisierten Bedarfsabklärung und die Pflegeplanung mit der dazugehörenden Software. Was man nun auch vielerorts sieht ist, dass für die Ablage der Dokumente, Managementsysteme eingeführt wurden. Damit wird es für das Qualitäts- und Sicherheitsmanagement leichter, professionell zu arbeiten.

Spitex-Rucksack
Véronique Tischhauser-Ducrot startete die Serie «Spitex-Rucksack» und gab ihn an Monika Müller-Hutter weiter. Persönlichkeiten, die in oder für die Spitex-Branche tätig oder mit ihr verbunden sind, beantworten Fragen. Zum Schluss geben sie den Spitex-Rucksack weiter und stellen der nächsten Person die erste Frage.

Mitarbeitende brauchen Wertschätzung, selbst bei Fusionen

In der Stadt St.Gallen werden die Spitex-Leistungen neu in einer Organisation zusammengefasst. Wie beurteilen Sie das Vorhaben?
Vor 22 Jahren gründeten wir durch die Fusion dreier Spitex-Vereinen die Stadt Spitex in St.Gallen. Diesen Namen wählten wir, weil wir der Stadt damals schon näher bringen wollten, dass eine einzige Spitex für die Stadt St.Gallen sinnvoll wäre. Bei der aktuellen Zusammenführung der vier Spitex-Vereine zu einer gemeinnützigen AG handelt es sich um ein komplexes Projekt. Das Resultat ist davon abhängen, wie dieser Prozess gesteuert und gestaltet wird. Zu hoffen ist, dass die Mitarbeitenden die ihnen gebührende Wertschätzung erhalten und weniger unter dem Kostendruck zu leiden haben als bis anhin. Dies wirkt sich schlussendlich auf die Pflege- und Betreuungsqualität aus und darum geht es ja in erster Linie.

Fusionen brauchen eine vorsichtige Umsetzungsphase

Sie haben schon mehrere Spitex-Fusionen begleitet. Was hat immer geklappt? Was nie?
Ein zentraler Erfolgsfaktor bei Fusionen ist aus meiner Erfahrung, die Unterschiede der beteiligten Systeme zu erfassen und diese Projekte unparteiisch und integrativ zu führen. Ich schaue mit den Beteiligten zusammen genau hin, was sich in der Vergangenheit bewährte. Das wird als wichtige Basis mit in die neue Organisation genommen. Oft gibt es bei Fusionen Phasen, in denen für die Beteiligten alles sehr komplex und unübersichtlich wird. Da kann ich als externe Beraterin oder Projektleiterin durch gezielte Interventionen Klarheit und Ruhe vermitteln. Wird ein Fusionsprozess mit dem Vollzug des juristischen Aktes quasi abgeschlossen, kann es passieren, dass sich die neue Spitex-Organisation nicht stabilisieren kann. Es kann sich als Stolperstein erweisen, wenn eine vorsichtige Umsetzungsphase und die Evaluation fehlen.

Wenn Sie heute auf Ihr Wirken bei der Spitex zurückblicken: Was hätten Sie lieber anders gemacht? Können Sie daraus eine Erkenntnis ableiten, für heutige Führungskräfte?
Ich war eine Spitexleiterin mit viel Herzblut, das liegt nun aber bereits sehr weit zurück. Später bei meiner Tätigkeit beim Spitex Verband Kanton St.Gallen führte ich die regionalen Entwicklungsteams ein. Das ist ein Netzwerk, bestehend aus Führungskräften und Qualitätsverantwortlichen aus dem ganzen Kanton. Durch die enge Zusammenarbeit mit diesen Schlüsselfiguren habe ich realisiert, wie wichtig es ist, dass die Führungspersonen der Spitex ihre Erkenntnisse und Anliegen dem Vorstand fundiert und dezidiert darlegen. Damit steigt die Chance, dass die Anliegen aus der Basis von der strategischen Ebene verstanden und unterstützt werden. Dies wiederum ist die Voraussetzung für eine kontinuierliche Entwicklung.

«Spitex nimmt nochmals gewaltig an Grösse zu»

Blicken wir in die Zukunft: Wo steht die ambulante Grundversorgung zu Hause in zehn Jahren?
Die neuen Alten aber auch junge Menschen mit einer chronischen Erkrankung suchen vermehrt neue kollektive, selbstverwaltete Wohnformen ausserhalb der Heime. Deshalb nimmt die Spitex nochmals gewaltig an Grösse zu. Spitex-Organisationen sind regionale Leuchttürme im Gesundheitswesen, welche immer noch im Leistungsauftrag der Gemeinden die Grundversorgung mit Pflege und Hauswirtschaft garantieren. Sie bündeln die Kräfte und führen zusätzlich gemeinsam überregionale Kompetenzzentren für die Psychiatrische Pflege, Palliative Care, Dementia Care, Services und Ausbildung. Die Arbeit in der Spitex ist so attraktiv, dass es ein Leichtes ist, gutes Personal zu bekommen.

An wen wollen Sie den Spitex-Rucksack weitergeben und was wollen Sie von dieser Person wissen?
An Andreas Meyer von MySpitex. Ich habe Andreas Meyer im Rahmen der Fusion zur Spitex Sarganserland vor vielen Jahren kennen und schätzen gelernt. Er bietet seit 1996 Führungsausbildungen für Spitex-Mitarbeitende an. Jährlich lädt er auch zum interessanten «Spitex Führungsforum» ein.
Meine Frage an Andreas Meyer: Wo siehst du heute die Herausforderungen für die Führungskräfte der Spitex?



Entweder oder

Basis-Organisation oder Verband? Ohne Basis-Organisation kein Verband
Beratung oder selber führen? Beratung auf dem Hintergrund der Führungserfahrung
Ausbildung in Österreich oder der Schweiz? Das Angebot zählt
Skulpturen oder Kunstbücher? Kunst und Kultur allgemein


Monika Müller-Hutter bietet seit 2004 systematische Organisationsentwicklung, Beratung und Coaching an. Sie leitete von 1992 bis 2004 die Stadt-Spitex in St.Gallen. 2004 wechselte Monika Müller-Hutter in den Spitex Verband Kanton St.Gallen und leitete dort die Fachstelle für Spitexentwicklung bis 2013. Seit 1984 unterstützt sie zudem den Vexer Verlag, der von ihrem Ehemann und Künstler Josef Felix Müller und Tochter Vera Ida Müller geführt wird.
Die pflegerische Grundausbildung absolvierte Monika Müller-Hutter in Frauenfeld. An der Universität Klagenfurt, Österreich, liess sie sich zur Systematischen Organisationsentwicklerin ausbilden. Die Masterprüfung bestand sie «mit Auszeichnung».