«Es braucht kompetente Führungspersonen, die Führung als Beruf wahrnehmen – und in ihrem Beruf fit bleiben wollen», sagt Andreas Meyer, Inhaber von myspitex.ch. Er bildet seit über zwanzig Jahren Spitex-Kader aus. Und geht demnächst in Pension.

Hallo Herr Meyer. Monika Müller-Hutter hat den Spitex-Rucksack an Sie weiter gegeben und will von Ihnen wissen, wo Sie sich die Herausforderungen für die Führungskräfte der Spitex sehen. Was antworten Sie?
Die Spitex hat in den letzten Jahren einen markanten Professionalisierungsschub erlebt. Digitalisierung, Integration neuer Dienste und neue Rechtsformen sind nur einige Stichworte.
Dazu kommen höhere Erwartungen seitens der Anspruchsgruppen: Klienten und ihre Angehörigen wollen nicht nur den Bedarf sondern vermehrt auch ihre Bedürfnisse abgedeckt haben. Krankenkassen, Ärzte und Politik wollen mehr Informationen, was den administrativen Aufwand erhöht. Die Konsequenz dieser Entwicklungen: Alle Fach- und Führungskräfte brauchen mehr Know-how, das bedeutet höhere Qualifikationen, was wiederum mehr Geld und mehr Ausbildungszeit etc. bedeutet. Die Herausforderung ist – und wird es auch in Zukunft sein –, diese zunehmende Komplexität zu «managen». Was es dazu braucht? Ganz einfach: Kompetente Führungspersonen, die Freude haben, diese Herausforderungen anzunehmen und die Zukunft zu gestalten. Sie müssen «Führung» als Beruf wahrnehmen und sich in diesem Beruf fit machen und fit bleiben.

«Die zunehmende Komplexität zu managen ist die Herausforderung der Zukunft.»

Andreas Meyer, myspitex.ch

Führung ist Haupt- und nicht Nebensache

Ich kann mich erinnern, dass ich in den ersten Führungsseminaren vor über zwanzig Jahren auf die Frage nach der Motivation, eine Führungsfunktion zu übernehmen, nicht selten Antworten wie «es wollte sonst niemand» oder «ich war die Dienstälteste» erhielt. Die Antworten erweckten den Eindruck, Führung sei Nebensache. Dieser Eindruck verstärkte sich, als ich vor einigen Jahren eine Tagung besuchte mit dem Titel ‘Karrieren in der Spitex‘. Zu meinem Erstaunen war die Führungskarriere kein Thema.

Spitex-Rucksack
Véronique Tischhauser-Ducrot startete den «Spitex-Rucksack», gab ihn an Monika Müller-Hutter weiter, die wiederum Andreas Meyer nominierte. Persönlichkeiten, die in oder für die Spitex-Branche tätig oder mit ihr verbunden sind, beantworten Fragen. Zum Schluss geben sie den Spitex-Rucksack weiter und stellen der nächsten Person die erste Frage.

Es hat sich seither einiges positiv verändert. Und trotzdem: Will die Spitex ihren Stellenwert innerhalb des Gesundheitswesen stärken und ihre anspruchsvollen Dienstleistungen wirkungsvoll und effizient erbringen, muss der Qualifikation von Teamleitungen, Geschäftsleitungen und bis hin zum Vorstand – oder Verwaltungsrat – noch mehr Beachtung geschenkt werden.

Mit Führungskompetenz gegen Schwierigkeiten im Betrieb

Seit fast zwei Dutzend Jahren organisieren Sie Führungsausbildungen für Spitex-Kader. Was waren rückblickend die wichtigsten Entwicklungen?
Bei meinem ersten Besuch anfangs der 90er Jahre in einem Spitexbetrieb erwartete mich die Spitexleiterin im Wintermantel neben einem mässig wärmenden Holzofen. Die technische Infrastruktur bestand aus Telefon und Schreibmaschine. Bei meinem letzten Besuch vor ein paar Wochen betrat ich helle, moderne Büroräume. Bildschirme und Smartphones beherrschten das Bild. Auf Schildern an den Bürotüren las man «Palliative Care», «Psychiatrie», «Qualitätsverantwortliche». Diese Besuche liegen nur knapp dreissig Jahre auseinander und illustrieren die rasante Entwicklung der Spitex in den letzten Jahren: Der Grundsatz «ambulant vor stationär» hatte mehr und komplexere Pflegefälle zur Folge. Diese quantitative und qualitative Erweiterung konnte nur mit Digitalisierung und Bildung von grösseren Betriebseinheiten gemeistert werden. Neue Rechts- und Organisationsformen, das Auftauchen von Mitbewerbern und nicht zuletzt permanenter Kostendruck führten in kurzer Zeit zu einer beeindruckenden Professionalisierung der Spitexlandschaft. Diese Entwicklungen sind noch nicht abgeschlossen.

Die Konsequenzen für die Führung sind klar: Bei der Selektion von Führungskräften muss darauf geachtet werden, dass zukünftige Vorgesetzte in diesem von Veränderungen geprägten Umfeld den Überblick bewahren und proaktiv handeln können. Die Leitungsebene kommt nicht mehr ohne fundierte betriebswirtschaftliche Kenntnisse aus. Aber auch die unterste Führungsstufe benötigt eine solide Ausbildung. Denn die Erfahrung zeigt immer wieder: Wenn in einem Betrieb Schwierigkeiten auftreten, fehlt es meistens nicht an Fachkompetenz, sondern eher an mangelnden Führungsfähigkeiten des Kaders.

Delegieren ist nicht verteilen von Arbeit

Gibt es eine Führungsaufgabe, die von Aussenstehenden unter- oder überschätzt wird?
Meines Erachtens wird in der Spitex – und nicht nur dort – der Stellenwert des Delegierens unterschätzt. Delegieren wird oft mit dem Verteilen von Arbeiten verwechselt. Delegation heisst vielmehr, die Verantwortung von ganzen Aufgabengebieten dauerhaft abzugeben. Das bedeutet insbesondere auch, den Mitarbeitenden Vertrauen zu schenken. Gerade neue Führungskräfte haben oft Angst loszulassen, aus Angst, es könnte etwas schiefgehen. Zu Unrecht haben sie das Gefühl, sie seien für alle Handlungen der Mitarbeitenden verantwortlich. Im Übrigen sind die Elemente des Delegierens auch zentrale Bestandteile der angeblich modernen Methoden des ‘agilen Führens‘, der Holokratie oder des ’Unbossing‘.

Sie planen Ihren Rückzug aus dem aktiven Berufsleben. Was empfehlen Sie Spitex-Führungskräften, die das auch vor sich haben?
Als selbständiger Unternehmer konnte ich das Ende meiner beruflichen Tätigkeit selber bestimmen. Seit einigen Jahren habe ich sukzessive mein Pensum reduziert und keine neuen Aufträge mehr angenommen. In festen Anstellungsverhältnissen ist dieses Vorgehen schwieriger. Dennoch lohnt es sich meines Erachtens, sich frühzeitig zu überlegen, ob man die Belastung reduzieren will, wenn es die privaten Verpflichtungen zulassen.
Verantwortung reduzieren, indem man Leitungsfunktionen abgibt oder das Pensum kürzt sind naheliegende Massnahmen. In der heutigen Gesellschaft scheint es je länger je weniger ein Makel zu sein, wenn man seinen beruflichen Status im Alter eher reduziert statt ständig erhöht. Beobachtungen zeigen mir, dass es Frauen leichter fällt, einen Schritt zurück zu machen, als uns Männern.

Von alt zu jung

An wen möchten Sie den Spitex-Rucksack weitergeben und was wollen Sie von dieser Person wissen?
Von alt zu jung: Anna Sprenger steht am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn. Sie kommt ursprünglich aus Deutschland und hat eine Teamleitung in der Spitex Wettingen-Neuenhof übernommen. Meine Frage an Anna Sprenger: Gibt es aufgrund Ihrer Praxiserfahrung Unterschiede zwischen der Spitex in Deutschland und der Schweiz und was war Ihre Motivation eine Führungsfunktion in der Spitex zu übernehmen?


«Entweder oder»

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Andreas Meyer hat während seines Geologiestudiums als junger Milizoffizier Freude am Unterrichten und Führen bekommen. Später hat er sich auf diesen Gebieten weitergebildet und Ausbildungs- und Führungsfunktionen in Versicherungen und in einem Industriebetrieb im Fürstentum Liechtenstein übernommen. Mit vierzig Jahren hat er sich selbständig gemacht. Durch einen seiner ersten Aufträge lernte er die Spitex kennen und schätzen. Mit der Gründung von myspitex.ch konzentrierte er sich immer mehr auf Führungsausbildungen und Coachings speziell für die Spitex. Seit acht Jahren wohnt er wieder in seinem Heimatkanton Bern und wird Ende Jahr ‘seine‘ myspitex.ch in jüngere Hände übergeben.