Qualität bei der Spitex
Martin Radtke Leadership

So sichert der Kanton Aargau die Pflegequalität in Spitex-Organisationen

Der Kanton Aargau geht in der Sicherung der Pflegequalität einen eigenen Weg: Die obligatorischen Audits und Qualitätsreportings werden mit einem neuen Beurteilungsverfahren durchgeführt. Alle Leistungserbringen müssen alle vier Jahre die Qualität ihrer Pflege nachweisen. Das Verfahren haben der Kanton, die Concret AG und die Verbände gemeinsam entwickelt. «Vom Verfahren profitieren vor allem die Kundinnen und Kunden der Spitex-Organisationen», sagt Elsbeth Luginbühl, Geschäftsleiterin der Concret AG. «Denn sie haben die Sicherheit, dass alle Organisationen wichtige Qualitätskriterien erfüllen.»

Warum ist es so anspruchsvoll, die Qualität in einer Spitex-Organisation zu messen?
Das Thema Qualität in der Pflege ist anspruchsvoll. Zuerst muss definiert werden, was gute Pflegequalität ist und woran sie erkennbar ist. Beispielsweise können Kundinnen und Kunden mit der Pflege der Spitex zufrieden sein, aber die falschen Medikamente erhalten. Pflegequalität bedeutet: Kundinnen und Kunden erhalten jeden Tag die gleiche und für sie angepasste Leistung in fachgerechter Ausführung – unabhängig davon, wer pflegt. Das ist nur möglich, wenn Strukturen definiert, Vorgaben klar sind und wenn es ein Monitoring gibt. Es braucht eine Haltung und Kultur des gemeinsamen Lernens, in die alle Mitarbeitenden entsprechend ihrer Qualifikation und Kompetenzen eingebunden sind. Qualitätsmanagement darf kein Papiertiger sein, sondern muss Wirkung entfalten.


Elsbeth Luginbühl

«Spitex-Organisationen können sich durch ein Scoring miteinander vergleichen – und voneinander lernen.»

Elsbeth Luginbühl, Geschäftsleiterin Concret AG


Aktuelles Qualitätsniveau objektiv zeigen

Warum ist es sinnvoll, die Pflegequalität systematisch zu messen?
Im Gesundheitswesen, und bei der Spitex natürlich auch, geht es immer um Menschen. Es ist darum wichtig, dass bestimmte Anforderungen eingehalten werden. Eine systematische Messung oder eben ein Audit zeigen aufgrund von vorgegebenen Anforderungen objektiv das aktuelle Qualitätsniveau einer Organisation. Dies ist die Ausgangslage, um Massnahmen zur Verbesserung und Weiterentwicklung zu ergreifen. Alle Kundinnen und Kunden haben den Anspruch und das Recht, die Pflege zu erhalten, die sie benötigen, die auf aktuellem Fachwissen basiert und dass ihre Würde jederzeit gewahrt wird. Schliesslich müssen mögliche Gefahren und Risiken erkannt werden, damit die Sicherheit gewährleistet ist.

Wer ist in einer Spitex-Organisation für die Pflegequalität verantwortlich?
Es sind immer die Führungspersonen, die für die Qualität der Pflege verantwortlich sind. Gewisse Aufgaben können und müssen delegiert werden. Damit Qualitätsarbeit gelingt, muss die Umsetzung von allen Mitarbeitenden auf allen Stufen erfolgen und das wiederum ist eine Führungsaufgabe.

Eigenes Beurteilungsverfahren für den Kanton Aargau

Für den Kanton Aargau wurde ein eigenes Beurteilungsverfahren entwickelt, damit die Qualität der Leistungserbringer überprüft werden kann. Was sind die Merkmale des Verfahrens?
Das Departement für Gesundheit und Soziales (DGS) verpflichtet die Leistungserbringer schon seit 2010, ihre Qualität nachzuweisen, weiterzuentwickeln und Audits durchzuführen. Als Grundlagen und Anforderung dienten Indikatoren, die vom DGS und den Leistungserbringern entwickelt wurden. 2020 fiel der Entscheid, das Verfahren zur Qualitätssicherung- und Entwicklung zu erneuern. Auf der Basis eines bereits bestehenden, wissenschaftlichen Verfahrens, dem «Swiss Care Excellence Certificate», entwickelten das DGS und die Concret AG zusammen mit den Verbänden ein neues Verfahren und die «Aargauer Q-Care Indikatoren». Dies umfasst einerseits deutlich weniger Indikatoren, beinhaltet aber zentrale Aspekte wie die Sicherheit der Kundinnen und Kunden, sowie die Steuerung der Organisation. Um ein Audit zu bestehen, müssen eine Anzahl von Mindestindikatoren erfüllt sein. Die weiteren Indikatoren werden von den Leistungserbringern entsprechend ihren Gegebenheiten und Zielen bearbeitet. Der Stand der Qualität zwischen den verschiedenen Spitex-Organisationen kann durch ein Scoring verglichen werden.

Qualität wird alle vier Jahr überprüft

Wie häufig durchläuft ein Leistungserbringer dieses Verfahren?
Alle vier Jahre findet im Kanton Aargau bei jedem Leistungserbringer ein Audit statt. Das Modell soll jedoch, unabhängig vom Audit, als Orientierung für die Qualitätsentwicklung dienen. Denn Qualitätsarbeit ist ein fortlaufender Prozess. Gestartet wurde 2021 mit vier Pilot-Audits. Ab 2022 wird das Verfahren für alle Organisationen angewendet.

Was ist der Nutzen dieses Vorgehens?
Es profitieren vor allem die Kundinnen und Kunden der Spitex-Organisationen. Sie haben die Sicherheit, dass die Organisationen wichtige Qualitätskriterien erfüllen. Das schafft Vertrauen und die Gewissheit, dass Qualität nicht Zufall ist. Schliesslich profitieren die Spitex-Organisationen. Sie erhalten eine Orientierung für die Weiterentwicklung der Qualität und die zukunftsorientierte Steuerung der Organisation. Ein Benchmark ermöglich den Vergleich zwischen den Organisationen Denn der Score gibt an, wer in welchem Themenbereich Stärken hat und wo noch Potential vorhanden ist. Durch den Austausch können die Organisationen zudem, im Sinne von best practice voneinander lernen. Falls sich Organisationen noch deutlicher positionieren wollen, haben sie die Möglichkeit, sich mit «Swiss Care Excellence Certificate» zu zertifizieren und damit ihre Qualität auf einem hohen Niveau sichtbar zu machen. Schliesslich nützt das Vorgehen dem Kanton: Er weiss, wo die Leistungserbringer bezüglich Qualität stehen und kann bei Bedarf reagieren.

Wie können andere Kantone, Gemeinden oder Städte vom entwickelten Verfahren profitieren?
Ganz einfach: In dem sie es anwenden. Damit entstünde eine interkantonale Mindestanforderung. Wer daran partizipiert, kann sich mit anderen Organisationen vergleichen und gezielt verbessern.


Swiss Care Excellence Certificate (SCEC)

  • Ein wissenschaftliches Modell ist die Grundlage vom SCEC.
  • SCEC misst und verbessert die Pflegequalität in Spitex-Organisationen systematisch.
  • Organisation, die SCEC anwenden, entwickeln eine Kultur des Lernens. Das zieht qualifizierte Mitarbeitende an.
  • Es entstehen definierte Prozesse und Regelungen. Diese geben den Pflegenden Sicherheit und Orientierung, Doppelspurigkeiten werden vermieden und damit auch Ressourcen gespart.
  • Organisationen haben die Möglichkeit, sich zu vergleichen und voneinander zu lernen.

Elsbeth Luginbühl

ist seit 2009 Geschäftsführerin der Concret AG.
Ursprünglich als Pflegefachfrau tätig, seither berufliche Tätigkeiten mit entsprechenden Weiterbildungen und Studien im pädagogischen Bereich und im Management. Die Qualität der Pflege ist ihr eine Herzensangelegenheit.