«Das Corona-Virus verlangt von den Angehörigen, dass sie in einer sehr schwierigen Situation noch mehr gefordert sind», sagt Regina Frommherz-Sonntag, Pflegefachfrau am Palliativzentrum Hildegard. Dieses Palliativzentrum betreibt zusammen mit der Spitex Basel die Anlauf- und Beratungsstelle «Palliative Care Basel». Bestehende Institutionen seien häufig noch auf onkologisch-erkrankte Menschen ausgerichtet, findet sie. «Das Palliative-Care-Angebot muss für alle offen sein», sagt Regina Frommherz-Sonntag.

Wie ist Palliative Care im Kanton Basel-Stadt organisiert?
Palliative Care im Kanton Basel-Stadt orientiert sich an der nationalen Strategie zu Palliative Care. Sie verfolgt das Ziel, dass alle Menschen Zugang zu Palliativ Care am aktuellen Lebensort bekommen sollen. Die Anlauf- und Beratungsstelle «Palliative Care Basel» ist im Palliativzentrum Hildegard angesiedelt. Sie bietet Beratung und Informationen für Patienten und Angehörige über das Angebot von Palliative Care Einrichtungen in Basel und die Möglichkeit des Einsatzes von mobilen Palliative Care Teams (MPCT). Das MPTC besteht aus Ärztinnen und Ärzten des Palliativzentrums Hildegard, die eng mit und dem Onko- und Palliativspitex zusammenarbeiten. Alters- und Pflegeheime, Akutspitäler, Hausärzte sowie die Spitex-Organisationen leisten die überwiegende Palliative-Care-Grundversorgung. Stationäre Einrichtungen, wie das St. Claraspital, Palliative Zentrum Hildegard, Palliative Konsildienste im Universitätsspital Basel, die Universitäre Altersmedizin Felix Platter sowie die MPCT erbringen spezialisierte Palliative Care. Das ist in etwa 10 bis 20 Prozent aller Fälle notwendig. und durch die oben schon genannten ambulanten Dienste, MPCT erfüllt. Voraussetzung für gute Palliative Care sind gute Teamarbeit sowie ein gutes Netzwerk.


«Es muss sichergestellt werden, dass die Finanzierung alle Kosten deckt.»

Regina Frommherz-Sommer, Pflegefachfrau, Palliativzentrum Hildegard


Philosophie eines offenen Hauses

Anna Stadelmann von der Spitex Region Entlebuch übergibt den den Spitex-Rucksack an Sie und will von Ihnen wissen: Welche Herausforderungen begegnen den Palliative-Care-Mitarbeitenden im Umgang mit den Patienten in ihrer letzten Lebensphase aufgrund der aktuell speziellen Arbeitssituation (Abstand, Mundschutz, verschärfte Hygienemassnahmen)?
Wir sind alle gefordert. Zum einen ist gerade bei körperlicher Arbeit die zusätzliche Belastung durch das Tragen des Mundschutzes am Ende eines Tages spürbar. Zum anderen bedurfte es auch logistischer und administrativer Organisation, die sich einspielen musste. Die Einschränkung der Besucherzahl für die Patienten stellte auch eine Herausforderung dar, da wir die Philosophie eines offenen Hauses verfolgen. Die meisten Angehörigen haben die Maßnahmen gut aufgenommen. Die schwere Erkrankung des Patienten belastet stark, jetzt sind sie noch stärker gefordert, müssen flexibler sein und sich


Spitex-Rucksack

Véronique Tischhauser-Ducrot startete den «Spitex-Rucksack», gab ihn an Monika Müller-Hutter weiter, die wiederum Andreas Meyer nominierte, der ihn an Anna Sprenger weitergereicht hat, die ihrerseits Anna Stadelmann eine Frage stellte. Persönlichkeiten, die in oder für die Spitex-Branche tätig oder mit ihr verbunden sind, beantworten Fragen. Zum Schluss geben sie den Spitex-Rucksack weiter und stellen der nächsten Person die erste Frage.


untereinander noch mehr absprechen. Außerdem empfand ich und andere Kollegen es schwierig, dass die Patienten und ihre Angehörigen unsere Gesichter nicht sehen konnten in den Gesprächen – bei den Inhalten geht es ja häufig um sehr vertrauensvolle und belastende Themen. Wir haben dann für uns eine Lösung gefunden: Beim Eintrittsgespräch heben wir die Maske kurz mit ausreichender Entfernung, damit das Gegenüber auch unser Gesicht sehen kann. Ich habe den Eindruck, dass dies hauptsächlich für uns wichtig war. Denn von den Patienten kam keine Rückmeldung, dass sie die Maske als Einschränkung empfanden – außer bei der Verständigung: Man muss deutlicher und lauter als sonst reden.

Lebensende ist in der Bevölkerung angekommen

Wie hat sich die Palliative Care in den letzten Jahren entwickelt?
In den letzten Jahren hat sich das Palliative-Care-Netzwerk begonnen auszubilden und zunehmend zu etablieren. Es wurden Strukturen geschaffen, die schwerkranken Patienten und Angehörige begleiten und beraten und so zu einer besseren Symptomlinderung und mehr Lebensqualität beitragen können. Auch zeigen Studien, dass der frühe Einsatz von Palliative Care neben einer verbesserten Lebensqualität zu einer längeren Überlebenszeit von Schwerkranken beitragen kann. Es wurden stationäre Einrichtungen und ambulante Dienste geschaffen, Fort- und Weiterbildungen wurden intensiviert. Darüber hinaus ist die Auseinandersetzung mit dem Lebensende in der Bevölkerung mehr Thema geworden.

Niederschwelliger Zugang für alle

Wo besteht aus Ihrer Sicht der grösste Handlungsbedarf für weitere Fortschritte?
Es gibt noch zu wenige Einrichtungen, viele sind häufig noch auf onkologisch Erkrankte fokussiert. Hier ist ein weiterer Transfer in andere Patientengruppen notwendig. Palliative-Care-Angebote sollten unabhängig von der Diagnose allen schwerkranken und sterbenden Menschen zur Verfügung stehen: Menschen in sehr hohem Alter in Pflegeheimen, an Demenz erkrankte Personen, Menschen mit Behinderung, aber auch Neugeborenen, Kindern und Jugendlichen, die unheilbar krank sind. Ein niederschwelliger und barrierefreier Zugang zu den Angeboten ist die Voraussetzung dafür, dass sie von allen Menschen genutzt werden können. Bund und Kantone sind weiter in der Pflicht, die Strukturen auszubauen und zu fördern. Zudem muss sichergestellt werden, dass die Finanzierung alle Kosten deckt.

Preis spornt an für weiteren Einsatz

2014 wurden Sie als «Pain Nurse» des Jahres ausgezeichnet. Was ist das für ein Preis und wofür wurden Sie ausgezeichnet?
Ein Unternehmen hat den Preis im Rahmen des Deutschen Schmerzkongresses für Fachpflege ausgeschrieben, 2014 bereits zum dritten Mal. Die Jury hat Projekte und Leistungen im Bereich Schmerzmanagement im ambulanten und stationären Bereich beurteilt. Ich erhielt damals den Preis für den Aufbau und die Weiterentwicklung der interdisziplinären Abteilung Schmerz- und Palliativmedizin der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg. Gemeinsam mit anderen Kollegen haben wir den schmerztherapeutischen Konsildienstes der Klinik etabliert und verschiedene Fortbildungsreihen für Pflegende erarbeitet. Der Fokus lag auf Schmerz und der Anwendung von komplementären Methoden, wie beispielsweise Wickel und Auflagen oder Aromatherapie in der Schmerztherapie. Der Preis hat mich gefreut. Ich empfand es als Würdigung der Arbeit von Pflegenden, die sich in diesem Bereich engagieren. Sie leisten im multiprofesionellen Team einen wichtigen Beitrag. Der Preis hat mich bestärkt, aktiv zu bleiben und mich weiter einzusetzen.

An wen wollen Sie den Spitex-Rucksack weitergeben und was wollen Sie von dieser Person wissen?
An eine Person, die in einem Alters- und Pflegeheim für die hausinterne Spitex arbeitet. Meine Frage: Wie erleben Sie die Corona-Zeit? Was für Bewohner- und Angehörigenbegleitungen sind noch möglich? Welche Ängste und Sorgen, Hoffnungen und Erwartungen stehen im Vordergrund? Oh, das ist ein bisschen mehr als bloss eine Frage.


Entweder-oder?

In Schweiz arbeiten oder in Deutschland? Seit fünf Jahren in der Schweiz; ich fühle ich mich hier im Palliativzentrum Hildegard sehr wohl und kann aktiv an der Weiterentwicklung der Pflege mitarbeiten.
Neue Projekte starten oder alte Projekte abschliessen? Sowohl als auch – ich mag beides.
Entspannen in der Einsamkeit oder in Gesellschaft? Entspannen in der Natur.


Regina Frommherz-Sonntag

ist Pflegeexpertin im Palliativzentrum Hildegard, Basel. Das Palliativzentrum Hildegard und die Spitex Basel bilden zusammen die «Palliative Info Basel». Davor war Regina Frommherz-Sonntag in der Klinik für Tumorbiologie in verschiedenen Funktionen tätig. 2014 wurde sie als «Pain Nurse» des Jahres ausgezeichnet.

Regina Frommherz-Sonntag hat sich ursprünglich zur Gesundheits- und Krankenpflegerin von der damaligen Schwesternschule Heidelberg ausbilden lassen. Es folgten Weiterbildungen in den Bereichen Onkologie, Schwersterkrankungen, Pain Nursing und Palliative Care. Sowie ein Studium der Pflegewissenschaft an der Albert-Ludwigsuniversität Freiburg mit dem Abschluss B.S Pflegewissenschaft.