Zwischen der ersten Idee und dem ersten nächtlichen Kundenbesuch liegen mehrere Jahre. Doch das neue Angebot von vier Spitex-Organisationen im Kanton Baselland entspricht einem grossen Bedürfnis: Seit dem Start anfangs März ist das Nachtteam regelmässig im Einsatz. «Der Restfinanzierer während der Pilotphase für den regionalen Nachtdienst ist der Kanton Baselland», sagt Initiantin Claudia Aufdereggen, Geschäftsleiterin der Spitex Regio Liestal. Ein spezielles Gesetz macht das möglich.

Die vorbereitenden Projektarbeiten für den Nachtdienst haben mehrere Jahre gedauert. Warum ging das so lange?
Claudia Aufdereggen: Für einen eigenständigen Nachtdienst ist das Einzugsgebiet der Spitex Regio Liestal mit rund 37‘000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu klein. Darum habe ich die Idee in unserer regionalen Spitex-Austauschgruppe eingebracht. Dies stiess auf viel Offenheit. Es folgte eine gemeinsame Skizze, die in den Vorständen besprochen wurde. Die Vorstände der Spitex-Organisationen haben uns in der Folge einen konkreten Projektauftrag erteilt. Das Konzept haben wir nach der Fertigstellung den Vorständen und auch den Gemeinden präsentiert. Die Arbeiten haben klar gezeigt, dass eine Umsetzung nur mit verschiedenen Partnern möglich ist. Von ursprünglich acht Organisationen machen bei der Umsetzung nun vier mit. Natürlich können jederzeit weitere dazu kommen.

Für wie viele Einwohnerinnen und Einwohner gibt es dieses Angebot nun?
Die vier Spitex-Organisationen Waldenburgertal, Lausen plus, Thürnen-Diepflingen und eben Regio Liestal sind in insgesamt 26 Gemeinden tätig und versorgen knapp 58‘000 Menschen. Das scheint mir immer noch die untere Grenze.

«Ein Nachtangebot gehört für mich zur ambulanten Grundversorgung. Der Aufbau lohnt sich!»

Claudia Aufdereggen,
Geschäftsleiterin
Spitex Regio Liestal

Der Kanton Baselland muss sich ja auf der Basis des neuen Alters-, Betreuungs- und Pflegegesetzes in Planungsregionen für die ambulante und stationäre Grundversorgung gliedern. Gehören alle beteiligten Spitex-Organisationen der gleichen Planungsregion an?
Nein – und das ist auch gar nicht nötig. Trotz koordinierenden Planungsregionen gibt es immer noch übergeordnete Aufgaben. Dazu gehört die ambulante Nachtversorgung. Zudem sprechen wir ja von einem Pilotprojekt, das auf drei Jahre befristet ist. Es gibt noch keine definitiven Strukturen. Aber das neue Gesetz hat unser Vorhaben stark unterstützt: Denn auf dieser Basis kann der Kanton Fördergelder für die integrierte Versorgung und intermediäre Angebote sprechen. Konkret bedeutet das, dass der Restfinanzierer für das Pilotprojekt für den regionalen Nachtdienst der Kanton Baselland ist, und nicht wie sonst hier üblich die Gemeinden.

Projekt wird wissenschaftlich begleitet

Was für Auflagen sind damit verbunden?
Unser Projekt muss wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden. Dieser Bericht wird dann auch die Entscheidungsgrundlage für die Gemeinden sein, wenn es darum geht, das Angebot definitiv einzuführen.

Was genau bieten Sie neu nachts an?
Mit unserem regionalen Nachtdienst bieten wir eigentlich zwei Dienstleistungen von zehn Uhr abends bis morgens um 6 Uhr an. Einerseits ist das eine ganz normale Nachtversorgung. Das sind planbare Einsätze. Anderseits sind wir für pflegerische Notfälle da. Hier arbeiten wir mit der medizinischen Notrufzentrale zusammen, die eine erste Triage vornimmt und entscheidet, ob es sich um einen medizinischen oder pflegerischen Notfall handelt.

Können Sie mir Beispiele geben für den pflegerischen Notfall?
Es kann sein, dass es mitten in der Nacht Probleme wegen eines Sturzes gibt, eine Stoma-Platte nicht mehr dicht ist oder ein Katheder neu gesetzt werden muss. Früher mussten solche Kundinnen und Kunden in den Notfall eines Krankenhauses. Heute deckt dies unser Nachtdienst ab.

Einfacher Datenaustausch dank gleicher Spitex-Software

Wie ist der Nachtdienst organisiert?
Die vier beteiligten Spitex-Organisationen haben sich geeinigt, dass Spitex Regio Liestal die Betriebsführung des regionalen Nachtdienstes übernimmt. Die Basis dafür ist ein gemeinsamer Leistungsvertrag. Ausgangspunkt für die Nachteinsätze ist darum die Spitex Regio Liestal. Haben die Kundinnen oder Kunden ein Bedürfnis nach Dienstleistungen in der Nacht, melden die Fallführenden aller beteiligten Spitex-Organisationen dies an. Dann wird ordentlich geplant. Was zudem hilft: Alle vier Spitex-Organisationen arbeiten mit der gleichen Spitex-Software. Daten können rasch und sicher ausgetauscht werden und das Verrechnen der Dienstleistungen ist einfach möglich.

War es schwierig, das Personal für den Nachdienst zu finden?
Nein, überhaupt nicht. Das Nachtteam besteht aus vier Mitarbeitenden Die Mitarbeitenden kommen zum Teil von den beteiligten Spitex-Organisationen. Obschon es im Moment ausschliesslich qualifiziertes Personal braucht, hatten wir das Team schnell beisammen. Der regionale Nachtdienst gibt auch erfahrenen Pflegefachpersonen nochmals eine neue Perspektive. Sie empfinden es als spannend, in der Nacht und fast alleine auf der Strasse unterwegs zu sein und bei den Kundinnen und Kunden neue Situationen anzutreffen. Zudem stehen sie regelmässig in Kontakt mit der medizinischen Notrufzentrale Basel und können sich auch fachlich beraten, wenn das nötig sein sollte. Das empfinden sie als bereichernd.

Einsätze ab der ersten Nacht

Wie ist ihr Angebot vom Markt aufgenommen worden?
Sehr gut. Wir hatten von der ersten Nacht an Einsätze. Der Start war anfangs März, und damit gerade zu Beginn der Corona-Pandemie. Zuerst waren die Leute verunsichert. Doch wir hatten nie solche Situationen wie im Kanton Tessin. Heute kann ich sagen, dass es im Einsatzgebiet aller vier Organisationen schon reguläre Einsätze gegeben hat, obschon die vier beteiligten Spitex-Organisationen sehr unterschiedlich sind in ihrer Grösse. Seit dem Start gibt es auch Einsätze für pflegerische Notfälle. Das hat mich überrascht und hätte ich so nicht erwartet.

Wie werden pflegerische Notfälle organisiert?
Geht die Mitarbeiterin auf Nachttour, meldet sie sich bei der medizinischen Notrufzentrale an. So wissen die Mitarbeitenden dort, welche Spitex-Fachperson unterwegs ist. Bei einem pflegerischen Notfall sprechen sich die beiden Fachpersonen ab: Gemeinsam wird festgelegt, wann die Kundin oder der Kunde besucht wird. Und was für Sofortmassnahmen bis zum Eintreffen in die Wege geleitet werden können. Diese Informationen gibt die Notrufzentrale dann wieder weiter. Im Moment läuft das gut so. Doch wenn die Nachfrage steigt, müssen wir unsere Kapazitäten in der Nacht erhöhen. Ein erster Schritt wäre beispielsweise, dass wir punktuell den Abenddienst verlängern. Der geht im Moment bis 22 Uhr und kann vielleicht auf 24 Uhr ausgedehnt werden. Hier müssen wir flexibel sein – wie so oft bei der Spitex.

Bietet die Zusammenarbeit mit der medizinischen Notrufzentrale weitere Vorteile?
Viele Kundinnen und Kunden, die einen Notrufknopf haben, bekunden Mühe, Vertrauenspersonen zu finden. Tagsüber helfen gerne Verwandte und Nachbarn, doch sich zur Hilfe auch während der Nacht zu verpflichten, ist etwas Anderes. Dank der medizinischen Notrufzentrale und dem regionalen Nachtdienst der Spitex gibt es jetzt eine neue Infrastruktur, die genutzt werden kann.

Auch Mitarbeitende begrüssen neues Angebot

Wie kam das neue Angebot des regionalen Nachtdienstes bei Ihren Mitarbeitenden an?
Sehr gut: Sie haben ja erlebt, dass entsprechende Bedürfnisse immer wieder an sie herangetragen wurden. Entsprechend waren sie froh, dass wir jetzt ein solches Angebot aufgebaut haben. Zunächst gab es vielleicht die Befürchtung, dass alle Mitarbeitende nun auch noch nachts arbeiten sollten. Doch als wir das Konzept vorgestellt haben und allen klar war, dass es ein eigenes Nachtteam geben wird, hat sich die Anspannung sofort wieder gelegt.

Was für Ergebnisse wird die Begleitstudie hervorbringen?
Die Begleitstudie gliedert sich in drei Teile. Für den ersten Teil werden die Bedarfszahlen erhoben, also beispielsweise wie viele Einsätze wir leisten oder zu welcher Uhrzeit wir bei den Kundinnen und Kunden sind. Der zweite Teil widmet sich den Kosten. Hier wird beispielsweise mit den Annahmen im Konzept verglichen. Doch der Schwerpunkt der Begleitstudie ist der dritte Teil: Hier geht es darum, Kundenprofile zu erstellen. Die zuständige Fallverantwortlichen informieren mittels Fragebogen detailliert über die Eckwerte des einzelnen Falls und begründen, warum es den Nachtdienst braucht. Damit soll später ein klares Profil der Kundinnen und Kunden gezeichnet werden, die den Nachtdienst benutzt haben. Solche Profile sind wichtige Informationen für die Zukunft. Sie zeigen den Gemeinden, was die Wirkung des Nachtdienstes tatsächlich ist. Eine denkbare, aber noch nicht bestätigte Wirkung ist, dass pflegende Angehörige entlastet werden.

Wenn andere Spitex-Organisationen auch einen Nachtdienst aufbauen wollen: Was empfehlen Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen?
Es braucht den berühmten langen Atem: Der Aufbau einer solchen Dienstleistung ist nicht über Nacht zu machen. Doch es gibt einen tollen Nebeneffekt: Die intensive Auseinandersetzung mit den anderen Spitex-Organisationen hat dazu geführt, dass wir einander besser verstehen und das wirkt sich auch positiv auf andere Projekte und Vorhaben aus. Darum komme ich zum Schluss: Es lohnt sich! Denn es braucht für die Kundinnen und Kunden zum den richtigen Zeitpunkt das richtige Angebot. Und darum
gehört der Nachtdienst für mich zur ambulanten Grundversorgung.


Claudia Aufdereggen ist seit 2003 Geschäftsleiterin der Spitex Regio Liestal. Das Einzugsgebiet umfasst die Gemeinden Arboldswil, Bretzwil, Bubendorf, Frenkendorf, Füllinsdorf, Lauwil, Liestal, Lupsingen, Reigoldswil, Seltisberg, Titterten und Ziefen. Dieses Tätigkeitsgebiet umfasst 37‘000 Einwohnerinnen und Einwohner. In Liestal befindet sich die Geschäftsstelle und drei von vier Teams erbringen von dort aus ihre Leistungen. Ein Team ist vom Stützpunkt Bubendorf aus im Einsatz. 
Claudia Aufdereggen ist Initiantin des Regionalen Nachtdienstes im Kanton Baselland. Das Angebot wurde anfangs März als dreijähriges Pilotprojekt lanciert.

Claudia Aufdereggen ist seit 2015 Mitglied im Vorstand von Spitex Schweiz. Vorher war sie von 2011 bis 2016 Vorstandsmitglied des Kantonalverbandes. Ursprünglich hat Claudia Aufdereggen diplomierte Pflegefachfrau gelernt. Sie bringt ein MAS in Betriebswirtschaft und Gerontologie mit und war während 8 Jahren im Vorstand von Alzheimer beider Basel tätig.