Corona macht Menschen einsam – und Musikerinnen und Musiker (vorübergehend) arbeitslos. Die Musikerin Mirjam Toews hat diese schwierige Ausgangssituation analysiert und daraus ein neues Projekt entwickelt: die Musik-Spitex. «Wir wollen mit unserer Musik Momente schaffen, auf die sich Kundinnen und Kunden freuen», sagt die Initiantin. «Ich war von der Idee sofort angetan», so Peter Kury, Geschäftsleiter Spitex Allschwil Binningen Schönenbuch. «Mit der Musik-Spitex kann die Einsamkeit durchbrochen werden und es werden lebenswerte Momente möglich.»

Welche Ziele verfolgt das Projekt «Musik-Spitex»?
Mirjam Toews: Ziel des Projekts ist die Einsamkeit zu durchbrechen, erfüllende Momente zu schaffen und Erinnerungen zu wecken. Mir ist es wichtig, älteren Menschen gerade in der Zeit von Covid-19 ein – wenn auch bescheidenes – Kulturprogramm anzubieten, das trotz der Einschränkungen unter zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt werden kann. Wir verstehen die Musik-Spitex als Ergänzung zum eigentlichen Spitex-Angebot. Wir pflegen die Seele. Unsere Musik vermag Trost zu spenden und kann die Stimmungslage der Kundinnen und Kunden positiv beeinflussen. Ein langfristiges Ziel ist, Momente zu schaffen, auf die sich die Kundinnen und Kunden freuen und ein lebenswertes und erfülltes Dasein im Alter geniessen können. Ein weiteres Ziel besteht darin, Berufsmusikerinnen und -musikern einen Verdienst zu ermöglichen. Während dieser Pandemie haben Künstlerinnen und Künstler praktisch keine Engagements und damit kein Einkommen. Sie sind genau auf solche Nischen angewiesen. Insgesamt ist die Musik-Spitex also ein Gewinn für alle Beteiligten!


«Unsere Musik spendet Trost und kann die Stimmung der Kundinnen und Kunden positiv beeinflussen.»

Mirjam Toews, Initiantin Musik-Spitex


Einsamkeit durchbrechen

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit der Musik-Spitex gekommen?
Peter Kury: Mirjam Toews kontaktierte mich im Dezember 2020. Ich war von der Idee angetan. In dieser schwierigen Zeit mussten wir sämtliche Präventionsangebote wie Kinästhetik, DCR Rhythmikkurse, Gesprächskreise und so weiter einstellen. Diese werden durch die Spitex-Fördervereine finanziert. Es waren Ideen gefragt. Mit der Musik-Spitex kann die Einsamkeit durchbrochen werden, lebenswerte Momente werden möglich und Erinnerungen können geweckt werden. Gerade in der Zeit von Covid-19 ist es wichtig auch der risikoreichen Altersgruppe ein Programm anzubieten, das trotz der Einschränkungen unter zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt werden kann.


«Die Musik-Spitex ermöglicht lebenswerte Momente.»

Peter Kury, Geschäftsleiter Spitex Allschwil Binningen Schönenbuch


Wie reagieren einsame Menschen auf Ihre Musik?
Mirjam Toews: Die Menschen reagieren immer unterschiedlich. Je nachdem in welcher Verfassung die Kundinnen und Kunden gerade sind. Meist ist die Reaktion sehr emotional, auch Tränen kommen öfters vor. Wir versuchen, die Stimmung durch treffende Musik aufzuheitern und schwere Situationen nicht noch zusätzlich zu verstärken.

Wie haben Ihre Mitarbeitenden auf das neue Angebot reagiert?
Peter Kury: Sie waren begeistert! Und auch ein bisschen stolz, dass ihre Arbeitgeberin so ein tolles Projekt unterstützt.

Musikwünsche werden erfüllt

Wie sind Sie vorgegangen?
Peter Kury: Unsere Mitarbeitenden haben mögliche interessierte Kundinnen und Kunden direkt angefragt und ihnen einen Flyer überreicht. Sie bekamen die Möglichkeit, uns ihren Musikwunsch mitzuteilen.
Mirjam Toews: Auf dieser Basis stellen wir dann die jeweiligen Programme zusammen. Wir achten darauf, dass sie abwechslungsreich sind. Natürlich werden die Programme zudem von den Künstlerinnen und Künstlern geprägt, die dann jeweils vor Ort spielen. In unserer Musiksammlung haben wir 400 Schlager aus den Jahren 1920 bis 1970, natürlich klassische Musik, aber auch Gospel und etwas Jazz.

Können Sie kurz den Ablauf schildern, wenn die «Musik-Spitex» vorbei kommt?
Mirjam Toews: An einem Tag in der Woche besuchen wir im Durchschnitt fünf Personen zu Hause. Wir spielen meistens zwischen 9.30 Uhr und 16.30 Uhr. Für jede Person planen wir insgesamt etwa vierzig Minuten Zeit ein. Rund 20 Minuten spielen wir Musik, 20 Minuten sind fürs Ankommen, Miteinandersprechen und fürs Verabschieden eingeplant. Häufig kann ich schon bei der persönlichen Begrüssung die Stimmung lesen und erkennen, in welcher Stimmung sich ein Mensch befindet. Dann packe ich meine Bratsche aus und frage nach, welches Stück ich spielen darf.

Manchmal gibt es konkrete Wünsche. Wir versuchen natürlich, diese zu erfüllen. Wenn das nicht geht oder wenn kein bestimmtes Stück genannt wird, mache ich einen Vorschlag oder beginne gleich mit dem Spielen. Musik ist etwas sehr Emotionales. Viele Menschen verknüpfen mit einer Melodie ein Erlebnis – das kann positiv, aber auch negativ sein. Manchmal gelingt es, einen beinahe intimen Moment entstehen zu lassen, der die Zuhörenden in eine andere Welt versetzt. Schon bald ist die Besuchszeit vorbei, ich verabschiede mich und erkundige mich natürlich, ob sie das Angebot erneut nutzen wollen. Dann fahre ich zur nächsten Kundin oder zum nächsten Kunden.

Projekt stösst auf gute Resonanz

Wie finanzieren Sie sich?
Mirjam Toews: Bei diesem Pilotprojekt teilen sich der Verein cassiopeia und die Spitex Fördervereine Allschwil-Schönenbuch und Binningen die Kosten hälftig. Natürlich waren wir auf zusätzliche Sponsoren angewiesen und haben folglich Organisationen, Institutionen und Partner angefragt dieses Projekt zu unterstützen. Mit dem Projekt kommen einerseits Spitex-Kundinnen und -Kunden der Spitex ABS und die Mitglieder der Spitex Fördervereine in den Genuss von exklusiver Kultur. Anderseits unterstützt das Projekt Musikerinnen und Musiker, die wegen Corona keine Auftritte haben können. Es hat mich gefreut, auf welch gute Resonanz das Projekt gestossen ist.

Was waren die grössten Herausforderungen bei der Umsetzung?
Peter Kury: Jedenfalls nicht die Finanzierung! Alle unsere Partner waren angetan von diesem Projekt. Die grösste Herausforderung bestand darin, trotz der vollen Agenden unserer Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden über das Angebot zu informieren. Es brauchte Zeit für Gespräche, fürs Teilen der Vorfreude, aber auch fürs Abbauen von Ängsten vor etwas Neuem. Es gab auch in der Administration Mehraufwand. Wir haben den Kundinnen und Kunden den Termin schriftlich bestätigt und sie informiert, welche Musikerin mit welchem Instrument kommen wird und wie die Spitex-Begleitperson heisst.

Einsatz von Freiwilligen ist empfehlenswert

Was empfehlen Sie anderen Spitex-Organisationen, die auch mit der Musik-Spitex zusammenarbeiten wollen?
Peter Kury: Es hat sich bewährt, dass Freiwillige die Musik-Spitex begleiten. Die Freiwilligen sind ein gutes Bindeglied zwischen Spitex-Organisation und Musik-Spitex. Wir sind glücklich, dass wir dank der Spitex Fördervereine Allschwil-Schönenbuch und Binningen auf ein tolles Netz von Freiwilligen zurückgreifen können.

Wie kann man Ihre Dienstleistung «buchen»?
Mirjam Toews: Ganz einfach: Wer Interesse an der Musik-Spitex hat, meldet sich bei mir.
Peter Kury: Und Kundinnen und Kunden der Spitex Allschwil Schönenbuch (ABS), wie auch Mitglieder der Spitex Fördervereine Allschwil-Schönenbuch und Binningen dürfen sich direkt bei mir melden. Dieses Angebot dauert noch bis Mitte Juli 2021.


https://telebasel.ch/2021/04/21/melodien-gegen-die-einsamkeit/

Mirjam Toews

ist Gründerin der Musik-Spitex, Geschäftsleiterin von Swiss Chamber Concerts Basel und seit 2017 Vorstandsmitglied vom Orchestra La Scintilla am Opernhaus Zürich.
Ihre Konzerttätigkeit hat Mirjam Toews in viele verschiedene Orchester in zahlreichen Städten geführt. Unter anderem spielte sie in Junge Deutsche Philharmonie, Kurpfälzisches Kammerorchester, Berner Sinfonieorchester, Bieler Sinfonieorchester, Camerata Bern, Opéra de Lyon, Ensemble Matheus, Norwegian Radio Orchestra, Kristiansand Symphony Orchestra, Norwegian Baroque Orchestra, Tromsø Chamber Orchestra, Barokksolistene, Barokkanere.
Das Bratschenspiel studierte sie in Karlsruhe, Paris, Bern und Oslo.


Peter Kury

ist Geschäftsleiter der Spitex Allschwil Binningen Schönenbuch ABS und deren Fördervereine. Aus Passion fördert und unterstützt er innovative Projekte, insbesondere in der Gesundheitsförderung und für Randgruppen. Unter anderem mit dem Pilotprojekt «Wenn es vorübergehend zu Hause nicht mehr geht», das von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW begleitet wurde, werden Empfehlungen in der Betreuung und Pflege älterer Menschen vorgeschlagen.