Wie steht es um die Mund- und Zahngesundheit von pflegebedürftigen Menschen und wie kann man diese verbessern? Diese Fragen hat sich der gemeinnützige Verein Labucca gestellt und gemeinsam mit einer breiten Plattform an Partnern die Studie „GeriaDent“ im Kanton Uri durchgeführt. «Bei pflegebedürftigen Menschen, die zu Hause wohnen, gibt es hinsichtlich Mundhygiene eindeutig Handlungsbedarf», sagt Eric Schirrmann, Geschäftsführer von Labucca.

Sie haben eine Studie zur Mundgesundheit im Alter durchgeführt. Warum ist das wichtig?
Mundgesundheit hat einen bedeutenden Einfluss auf das gesamte Wohlbefinden eines Menschen. Insbesondere die Bakterien der Mundhöhle spielen eine wichtige Rolle für viele Erkrankungen wie Demenz, Parkinson, Arteriosklerose, Osteoporose, Diabetes Typ II, Herzkreislauferkrankungen und Lungenentzündungen. Schlechte Zähne führen auch zu Verlust von sozialen Ressourcen, die man über das Reden, Essen, Atmen und in der Mimik austauscht. Wer Essen nicht mehr geniessen oder Wörter nicht mehr deutlich aussprechen kann oder sich nicht mehr traut, frei zu lachen, verliert Freude am Leben und gefährdet damit nicht zuletzt den gesamten Körper. Insbesondere ältere Menschen sind von den Folgen mangelnder Mundhygiene betroffen. Sind Personen auf Unterstützungs- oder Pflegeleistungen angewiesen, stellt sich die Frage, wie ihre Mundgesundheit aufrechterhalten werden kann. Die Mundpflege im Alter steht dabei vor grossen Herausforderungen.


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«Mundhygiene im Alter muss neu gedacht werden.»

Eric Schirrmann, Geschäftsführer Labucca


Ältere Menschen haben heute oft noch die eigenen zweiten Zähne

Was meinen Sie damit?
Bis vor einigen Jahren hatte der weit überwiegende Teil der pflegebedürftigen Personen beim Eintritt in die Pflege bereits einen Zahnersatz – die sogenannten «dritten Zähne». Daher stellten sich weniger Fragen zu Zahnhygiene in der Pflege. Heute gehen Menschen bereits seit ihrer Kindheit deutlich sorgsamer mit ihren Zähnen um. Das bedeutet, dass in die Pflege eintretende Personen häufig noch ihre eigenen, «zweiten» Zähne haben. Zudem ist die allgemeine Lebenserwartung in den letzten Jahrzeiten markant und stetig angestiegen ist. Inzwischen ist jede fünfte Einwohnerin oder Einwohner der Schweiz 65 Jahre oder älter. Bis zum Jahr 2030 wird der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe auf knapp 30 Prozent steigen. Das alles führt dazu, dass Mundhygiene im Alter neu gedacht werden muss.

Grosse Unterstützung im Kanton Uri

Sie haben nun eine Studie zur Mundhygiene im Alter durchgeführt. Bevor wir uns über die Studienergebnisse unterhalten: Warum haben Sie dafür den Kanton Uri ausgewählt?
Wir haben bewusst einen Kanton gewählt, der wenig urban ist. Das macht es für ältere Menschen anspruchsvoll, eine Zahnärztin oder einen Zahnarzt zu besuchen. Zudem wurden wir vom Amt für Gesundheit Uri, den Urner Pflegeheimen, der Spitex Uri, einem Zahnärzte-Pool aus dem Kanton sowie dem Institut für Hausarztmedizin & Community Care Luzern sehr gut unterstützt.

Nun zur Studie. Wie sind Sie vorgegangen?
Wir haben zwischen Sommer 2018 und Herbst 2020 in Pflegeheimen sowie in der Pflege zu Hause die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen untersucht. Besonders war, dass die Untersuchungen mobil und damit bei den Pflegebedürftigen vor Ort erbracht wurden. Pflegeheime und die Spitex Uri haben uns bei der Vermittlung geholfen: Wer Pflege beanspruchte, konnte sich melden. Unser mobiles Team hat dann in einer mobilen Zahnarztpraxis die entsprechenden Untersuchungen durchgeführt.

Bessere Mundhygiene bei Menschen, die zu Hause wohnen

Was sind die Haupterkenntnisse?
Sie sind ambivalent. Die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegeheime putzt zweimal täglich ihre Zähne oder ihren Zahnersatz. Dennoch zeigte die Untersuchung bei ihnen eine unzureichende Mundhygiene. Personen mit Zahnprothesen befanden sich dagegen in einem besseren Zustand. Insgesamt hatten die zu Hause wohnenden Personen eine bessere Mundhygiene, obwohl die meisten von ihnen ihre Zähne nur einmal täglich reinigen. Mehr als die Hälfte aller untersuchten Personen hatten unbehandelte Karies.

Was für einen Schluss ziehen Sie aus der Studie?
Bei pflegebedürftigen Menschen gibt es bei der Mundpflege Optimierungspotenzial: Insbesondere bei Pflegebedürftigen, die zu Hause wohnen, muss auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Hierbei haben Spitex-Organisationen eine wichtige Aufgabe.

Angemessene und würdevolle Versorgung

Was empfehlen Sie den Spitex-Organisationen nun?
Für Kinder und Jugendliche sind zahnärztliche Kontrollen, Pflege- und Prophylaxemassnahmen heute selbstverständlich. Bei immobilen und älteren Menschen sind solche Angebote zurzeit allerdings noch nicht flächendeckend gesichert. Ziel muss es sein, im Bereich der Mund- und Zahnpflege von Menschen mit eingeschränkter Mobilität stets gleich hohe Qualitätsstandards zu erfüllen – sei es in der zahnärztlichen Praxis, der Klinik, dem betreuten Wohnen oder zu Hause. Es gilt der Grundsatz, eine angemessene und würdevolle Versorgung zu garantieren, die das Wohlbefinden steigert und Sekundärkrankheiten vermeidet. Neben der Information und Sensibilisierung des Themas Mundpflege sind vor allem im Ausbildungsbereich weitere Schritte notwendig.

Mittelfristig braucht es Lösungen für Finanzierung

Was sind jetzt die nächsten Schritte?
Die Mundgesundheit bei älteren pflegebedürftigen Menschen bedarf mehr Aufmerksamkeit, mitunter, weil die Mundgesundheit zentral für die Lebensqualität im Alter ist. Trotzdem bleiben Zahnhygiene und Mundgesundheit in finanzieller und gesundheitlicher Hinsicht Privatsache. Pflegende Angehörige sowie das Fachpersonal in der Langzeitpflege stehen daher vor einigen Herausforderungen. Deshalb sollte vermehrt in die Aus- und Weiterbildung des Fachpersonals, in die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der politischen Entscheidungsträger sowie in die Koordination und Vernetzung der Akteure investiert werden. Längerfristig gilt es, nach geeigneten Versorgungslösungen für die stationäre und die ambulante Langzeitpflege zu suchen und die Finanzierung für die Umsetzung mobiler Versorgungskonzepte sicherzustellen.



Eric Schirrmann, lic.oec. HSG

Der gemeinnützige Verein Labucca wurde im Jahr 2017 gegründet mit dem Zweck die pflegerische Zahnmedizin in der Schweiz zu verbessern. Labucca versteht sich als unabhängige und privat organisierte Plattform für alle im Bereich der Alterszahnmedizin tätigen Stakeholder. Die Gründer des Vereins sind selbst nicht im Bereich der Pflege tätig und verfolgen dadurch keine Partikularinteressen. Das Ziel ist es, «mitenand» die pflegerische Zahnmedizin in der Schweiz zu verbessern. Labucca unterstützt interessierte Stakeholder bei der Auswahl passender Konzepte zur Versorgung im Bereich der Alterszahnmedizin, bei der Koordination zwischen verschiedenen Akteuren, der Organisation von Schulungen und Weiterbildungen sowie der Beschaffung von mobilen Dentaleinheiten.

Bis zu seinem Engagement für Labucca hat der Gründer Eric Schirrmann Ökonomie an der HSG studiert und sich als Brückenbauer zwischen der Finanzwelt und sozialer Verantwortung positioniert. Schwerpunkte sind dabei Versorgungskonzepte und das Thema Alter, der Mensch im Mittelpunkt.