Die Spitex Biel-Bienne Regio AG hat ihren Nachtdienst wegen Personalmangels eingestellt. Neu wird ein Nachtpikett eingeführt, wie es der Leistungsvertrag mit dem Kanton Bern vorsieht. «Wir haben den Nachtdienst bislang als freiwillige, leider nicht kostendeckende Dienstleistung erbracht», sagt Markus Irniger, Geschäftsleiter der Spitex Biel-Bienne Regio AG. Er bedauert den Leistungsabbau und ist nach wie vor überzeugt, dass der Nachtdienst in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Alle anderen Leistungen können unverändert angeboten werden. Doch Markus Irniger fordert ein Nachdenken darüber, welche Berufsgruppen mit welchen Qualifikationen künftig die Grundpflege erbringen.

Warum hat die Spitex Biel-Bienne Regio AG den Nachtdienst eingestellt?
Wir haben keine Mitarbeitenden mehr gefunden, die den Dienst übernehmen wollten. Während Monaten haben wir sehr intensiv neue Mitarbeitende für den Nachtdienst gesucht. Wir haben auf den grossen Job-Plattformen inseriert und auf unseren Social-Media-Kanälen Instagram, LinkedIn und Facebook auf die offenen Stellen hingewiesen. Natürlich haben wir auch intern gefragt, ob jemand Interesse hat, den Nachtdienst zu übernehmen. Leider hat sich keine Bewerbung ergeben.


Markus Irniger

«Der Nachtdienst wird an Bedeutung gewinnen. Allerdings muss er vom Kanton Bern richtig finanziert werden.»

Markus Irniger, Geschäftsleiter Spitex Biel-Bienne Regio AG


 Nachtdienst als freiwillige Dienstleistung

Warum ist der Nachtdienst für das Spitex-Angebot so wichtig?
Die Spitex Biel-Bienne Regio AG hat während Jahren den Nachtdienst als freiwillige Dienstleistung erbracht. Wir sind bei der Einführung der Leistung davon ausgegangen, dass im Rahmen der Strategie «ambulant vor stationär» die Nachfrage nach diesem Angebot steigen wird. Das ist allerdings noch nicht der Fall. Es war nicht möglich, das Angebot kostenneutral anzubieten. Wir waren – und sind es immer noch – überzeugt, dass der Nachtdienst in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Darum haben wir ihn trotz Defizit weiter angeboten.

Was bedeutet die Angebotsreduktion für die Leistungsvereinbarung?
Der Leistungsvertrag mit dem Kanton Bern sieht vor, dass wir eine Nacht-Pikett-Lösung anbieten müssen. Und das setzen wir seit dem 1. August um.

Insgesamt negative Auswirkung auf Gesundheitskosten

Was hat die Angebotsreduktion für Folgen?
Gewisse Klientinnen und Klienten mit einem 24-Stunden-Bedarf können wir in Zukunft nicht mehr ambulant versorgen. Das heisst konkret, dass sie beispielsweise länger im Spital bleiben müssen. Das wirkt sich insgesamt negativ auf die Gesundheitskosten aus. Der Kanton steht für eine starke ambulante Versorgung ein. Gleichzeitig hat er die Zuschläge für Nachteinsätze ersatzlos gestrichen und nimmt so höhere Gesundheitskosten in Kauf. Das ist für mich ein Widerspruch.

Was wäre aus Ihrer Sicht die Lösung?
Der Kanton sollte eine attraktivere Finanzierung für Nachtdienste anbieten und damit ambulanten Nachtleistungen gezielt fördern. Dies würde sich wiederum günstig auf die Gesundheitskosten auswirken. Bekanntlich sind die ambulanten Kosten tiefer als die stationären Kosten.

Grosses Wachstum in einzelnen Bereichen

Gibt es auch andere Bereiche, bei denen Sie aus Gründen des Fachkräftemangels Leistungen reduzieren mussten?
Zum Glück nicht, nein. Es gibt einzelne Bereiche, bei denen ist unser Wachstum besonders gross. Hier haben wir Mühe, genügend Fachpersonal zu finden. Es sind dies vor allem die ambulante Psychiatrie und die Kinderspitex.

Was für Entwicklungen erwarten Sie, wenn der Fachkräftemangel nicht gemildert werden kann?
Die Eckpunkte sind bekannt: Wir rechnen in den nächsten Jahren mit einer stetigen Zunahme der Leistungsstunden auf Grund der demografischen Entwicklung. Gleichzeitig werden wir zu wenig Pflegepersonal haben. Spitex Schweiz geht davon aus, dass im Jahr 2029 rund 20 Prozent und im Jahr 2035 rund 30 Prozent mehr Pflegepersonen in der Spitex benötigt werden. Die Umsetzung der Pflegeinitiative wird hoffentlich helfen, diese personellen Lücken so klein wie möglich zu halten. Es braucht zudem neue Formen der Klienten Versorgung: Etwa eine stärkere Digitalisierung beim Messen der Vitalzeichen, mehr «Tele-Nursing» und so weiter.

Ressourcen verschieben

Wird das ausreichen?
Leider wohl nicht. Wenn in Zukunft mehr Leistungen ambulant statt stationär erbracht werden, dann müssen auch die Ressourcen zu diesen Leistungen verschoben werden. Das heisst, Mitarbeitende der Spitäler müssen zu Mitarbeitenden der Spitex-Organisationen werden. Zudem müssen wir uns über die Qualitätsansprüche, die wir uns selbst gegeben haben, Rechenschaft ablegen. Ich spreche nicht davon, die Patientensicherheit aufs Spiel zu setzen. Trotzdem müssen wir uns mit dieser Frage auseinandersetzen. Beispielsweise ist zu prüfen, welche Berufsgruppe mit welchen Qualifikationen in Zukunft für die Grundpflege eingesetzt wird. Je nach Entscheid könnten Pflegefachpersonen ausschliesslich für die Behandlungspflege eingesetzt werden.  


 Markus Irniger

ist seit 2011 Geschäftsleiter der Spitex Biel-Bienne Regio AG. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt 200 Mitarbeitende. Die Spitex Biel-Bienne Regio AG unterstützt Klienten der Stadt Biel, sowie der Gemeinden Evilard-Magglingen, Pieterlen und Lengnau. Zur Organisation gehören die Kinderspitex, sowie die Spezialleistungen Palliative Care, Ambulante Psychiatrie und Wundmanagement.

Seit 2015 ist Markus Irniger im Vorstand des Spitex Verbandes des Kantons Bern und seit 2019 Co-Vizepräsident. Er ist Präsident des Verwaltungsrates der BelleVie Suisse AG (Tochtergesellschaft von 7 Spitex-Organisationen) Zudem engagiert er sich als Präsident des Vorstandes des Vereins Praktische Ausbildung Biel-Bienne. Bevor Markus Irniger zur Spitex stiess, war er in unterschiedlichen Führungsfunktionen bei verschiedenen Krankenversicherern tätig, zuletzt als Regionaldirektor bei der Swica in Bern.