Die Spitex Bern verfolgt eine umfassende Digitalisierungsstrategie. Es ist der Anspruch der Organisation, auch künftig in Sachen Digitalisierung eine Vorreiterin in der Spitex-Branche zu sein. «Wir werden die besten Tools einsetzen, die auf dem Markt verfügbar sind», sagt Judith Liechti, Leiterin Service, stv. Geschäftsführerin der Spitex Bern und Gesamtprojektleiterin Digitalisierung. «Wir werden aber nichts selbst programmieren.» Was ist bei der Umsetzung wichtig? «Verwaltungsrat und Geschäftsleitung müssen hinter der Strategie stehen», so Judith Liechti. Und: «Die Umsetzung bedeutet einen Werte- und Kulturwandel. Die Mitarbeitenden müssen dabei eng einbezogen werden.»

Warum hat die Spitex Bern eine Digitalstrategie erarbeitet?
Judith Liechti: 2018 hat die Spitex Bern den gesamten Verwaltungsrat erneuert. Bei der Strategiediskussion damals wurde formuliert, dass die Organisation innovativ sein und am Markt teilhaben soll. Die Spitex Bern soll künftig Vorreiterin sein in Sachen Digitalisierung, eine gute Vernetzung mit den Kundinnen und Kunden pflegen sowie eine attraktive Arbeitgeberin und am Puls der Zeit sein. In der weiteren Diskussion hat sich dann gezeigt, dass sich all dies unter dem Stichwort «Digitalisierung» zusammenfassen lässt. Zudem geht die Gesundheitsstrategie 2020 bis 2030 vom Kanton Bern auch in diese Richtung.


«Bei der digitalen Vernetzung zu unseren Kundinnen und Kunden gibt es noch Handlungsbedarf.»

Judith Liechti, Leiterin Service, stv. Geschäftsführerin der Spitex Bern und Gesamtprojektleiterin Digitalisierung


Attraktiver durch digitale Transformation

War es für die Spitex Bern schwer, den Gedanken «Digitalisierung» aufzunehmen?
Nein, überhaupt nicht. Innovation und Vorwärtsgehen gehört zur DNA der Spitex Bern.

Was sind die wichtigsten Ziele der Strategie?
Die Digitalisierung erlaubt es uns, noch besser auf die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden einzugehen. Auch können wir dank digitaler Tools unsere Leistungen effizienter erbringen. Die Digitalisierung stärkt zudem die Marktposition der Spitex Bern und sichert die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens. Und: Die digitale Transformation trägt zur Arbeitgeberattraktivität der Spitex Bern bei – gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel ist dies zentral.

In welchen Bereichen ist die Spitex Bern bezüglich Digitalisierung schon gut aufgestellt?
Unsere Mitarbeitenden sind seit Jahren mit einem persönlichen Tablet unterwegs. Sämtliche Daten der Kundinnen und Kunden sind dort abgelegt. Vor Ort gibt es keine physischen Dokumente mehr. Viele Tools, mit denen wir arbeiten, sind bereits vernetzt. Ich denke da an die Tools der Materialbeschaffung. Alle Mitarbeitenden haben Zugang zum Intranet; dort sind alle Prozesse verfügbar. Das Hygienetool beispielsweise ist eine App. Diese ist über das Tablet ansteuerbar. Das war während der Corona-Pandemie sehr hilfreich.

Wo gibt es noch Luft nach oben?
Nicht so gut aufgestellt sind wir bei der digitalen Vernetzung mit unseren Kundinnen und Kunden. Hier gibt es sicher Handlungsbedarf.

Kleine, umsetzbare Projekte

Wie sieht es mit zusätzlichen Digitalisierungsschritten in Richtung Hausarztpraxen, Spitälern und Krankenkassen aus?
Wir bekommen heute noch Informationen per Fax von Hausärzten. Das ist eine echte Herausforderung und im Moment leider kaum zu ändern. Schweizweit gibt es ein Projekt, das die Abläufe zwischen Hausarztpraxen, Spitex-Organisationen und Krankenkassen digitalisieren will. Es heisst SHIP. Wir haben uns entschieden, dass wir uns vor allem auf Entwicklungen konzentrieren, die wir selbst voranbringen können. Für den Datenaustausch zu den Spitälern steht OPAN zur Verfügung. Die Spitex Bern hat seinerzeit OPAN entwickelt und ist nach wie vor daran beteiligt.

Ihr Fokus liegt im Moment bei Kundinnen und Kunden – die ja nicht als sehr digital bekannt sind. Wie gehen Sie damit um?
Unsere Strategie läuft über einen Zeitraum von vier Jahren. Uns ist wichtig, dass wir kleine, umsetzbare Projekte machen, die uns voranbringen. Betroffene werden in die Projekte einbezogen. Das sind beispielsweise unsere Kundinnen und Kunden – oder am Anfang vielleicht sogar nur die Angehörigen. Es macht aus heutiger Sicht keinen Sinn, ein Projekt zu starten, das die 90-Jährigen und die 60-Jährigen gleichzeitig anspricht. Die Bedürfnisse wären wohl zu unterschiedlich.

Digitale Information für nächsten Einsatz

Was könnte ein solches Projekt sein?
Denkbar wäre beispielsweise, dass wir den Kundinnen und Kunden oder den Angehörigen die Information digital zur Verfügung stellen, wann der nächste Einsatz stattfindet, und wer vorbeikommt. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte die interaktive Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden folgen. Und nochmals: Wir sprechen mit einem solchen Service vorerst nur eine ganz bestimmte Zielgruppe an.

Sie sprachen auch von Kooperationen und Partnern. Gibt es da auch ein Beispiel?
Zusammen mit anderen Spitex-Organisationen sind wir an der BelleVie Suisse AG beteiligt. An diese Organisation ist der Bereich Hauswirtschaft und Betreuung ausgelagert. Wir arbeiten sehr eng zusammen. Darum macht es Sinn, dies künftig vermehrt digital zu tun. Wir könnten beispielsweise deren Angebot besser zeigen.

Ihre Überlegungen gehen also in Richtung Kundenportal?
Ja, das ist so.

«Frauen-Power pur!»

Wie sind Sie bei der Strategieentwicklung vorgegangen?
Digitalisierung in einer Organisation ist ein sehr komplexes Thema. Wir haben zunächst den Ist-Zustand erhoben. Hierbei hat uns die Berner Fachhochschule unterstützt. Die Analyse zeigt, wo es Schnittstellenbrüche gibt, wo der digitale Flow nicht durchlässig ist und welche Themen bearbeitet werden sollen. In einem nächsten Schritt haben wir die Erkenntnisse verdichtet auf konkrete Handlungsfelder. Das haben wir in einem Projektteam gemacht. Dem Verwaltungsrat haben wir die Meilensteine, die Finanzierung und die notwendigen internen Ressourcen und so weiter aufgezeigt. Diese Vorarbeiten nahmen etwa ein Jahr in Anspruch.

Was folgte dann?
Der Verwaltungsrat hat die Eckpunkte genehmigt. Es folge der Auftrag, die entsprechenden Konzepte zu entwickeln und darin die konkrete Umsetzung aufzuzeigen. Auch dieser Schritt dauerte ein Jahr. Die Freigabe haben wir im letzten Herbst erhalten. Seither arbeiten wir an der Umsetzung.

Wer ist für die Umsetzung der Strategie verantwortlich?
Natürlich die Geschäftsleitung. Doch wir sind ein Team, das die Umsetzung vorantreibt. Ich habe tolle Kolleginnen, es fägt einfach! Frauen-Power pur! Wir wollen zusammen die Organisation einen Schritt weiterbringen. Eine zentrale Rolle spielen auch die Teamleitungen, also das mittlere Kader. Sie übernehmen gegenüber den Mitarbeitenden die Rolle als Botschafterinnen und Botschafter – eine wichtige Aufgabe. Mit der Umsetzung geht ein Werte- und Kulturwandel einher. Digitalisierung bedeutet Wandel in der täglichen Arbeit. Vielleicht nicht im pflegerischen Kerngeschäft, aber bei bestimmten Handlungen. Es geht beispielsweise um die Frage, wie wir künftig den Blutdruck messen. Ein anderes Beispiel: Eine Pflegende ist bei einem Kunden, der eine gerötete Hautstelle hat. Per Videocall kann sie dies heute ohne Probleme einer Wundexpertin zeigen und den Fall mit ihr besprechen. Wollen wir solche Veränderungen beim Handeln herbeiführen, muss dies begleitet werden.

Beste Technologie nutzen

Welche Massnahmenpakete werden vordringlich umgesetzt, welche später?
Wir haben im Moment den Fokus bei kleinen Projekten, die den Kundinnen und Kunden schnell einen Mehrwert bringen. Wir entwickeln solche Projekte zusammen mit den Mitarbeitenden und den Betroffenen. Es ist angedacht, dass wir den Mitarbeiterprozess, also von der Rekrutierung, über die Lohnausweise bis hin zum Austritt, digital abbilden. Es weiss jedoch niemand, wo die Digitalisierung in zwei Jahren steht. Deshalb lässt sich schwer abschätzen, wann genau wir welches Projekt umsetzen werden. Wir haben den Grundsatz formuliert, dass wir nichts selbst programmieren. Wir sind kein IT-Unternehmen und werden das auch nicht werden. Wir nutzen die besten Technologien, die im Markt verfügbar sind.

Was empfehlen Sie anderen Spitex-Organisationen, die ebenfalls eine Digitalstrategie entwickeln wollen?
Verwaltungsrat und Geschäftsleitung müssen hinter einer solchen Strategie stehen und sie mittragen. Digitalisierung muss eine Vision der Organisation sein. Das Kader und die Mitarbeitenden müssen einbezogen werden. Sie sind wichtige Wissensträger. Dieses Wissen braucht es für die Umsetzung von guten Lösungen. Wie bei allen Changeprojekten hat auch hier die Kommunikation einen ganz wichtigen Stellenwert. Die Umsetzung muss in kleinen, umsetzbaren Schritten erfolgen. Die Organisation muss einen solchen Wandel verarbeiten können. Und schliesslich: Erfolge müssen gefeiert werden!


Judith Liechti

ist seit 2018 Leiterin Service und stv. Geschäftsführerin bei der Spitex Bern. Die 400 Mitarbeitenden der Spitex Bern versorgen rund 1400 Kundinnen und Kunden der Stadt Bern und Kehrsatz. Als Gesamtprojektleiterin verantwortet sie die Entwicklung und die Umsetzung der Digitalstrategie bei der Spitex Bern und Kehrsatz.

Judith Liechti ist seit 22 Jahren bei der Spitex Bern. Sie hat als Pflegefachfrau angefangen und wurde über verschiedene Stationen und Führungsfunktionen 2018 in die Geschäftsleitung berufen. Judith Liechti hat sich laufend weitergebildet in den Bereichen Management, Arbeitssicherheit sowie Informatik und Kommunikation.