Die Spitex-Organisationen Adliswil und Thalwil haben anfangs 2020 zur Spitex Zimmerberg fusioniert. «Vom Fusionsentscheid bis zum operativen Start blieben nur wenige Wochen», sagt Marianne Anliker, Geschäftsleiterin Spitex Zimmerberg. «Kaum sind wir mit der neuen Organisation gestartet, kam Corona.» 

Warum haben die beiden Spitex-Organisationen Adliswil und Thalwil entschieden, zur Spitex Zimmerberg zu fusionieren?
Marianne Anliker: Erste Gespräche dazu wurden geführt, bevor ich für die Spitex Adliswil tätig war. Die Beweggründe für eine Fusion von Spitex-Organisationen sind heute offensichtlich und lassen sich mit Kunden, Mitarbeitende und Kosten zusammenfassen: Die Ansprüche an die Kundenpflege und Betreuung steigen laufend. Gute Mitarbeitende zu finden und zu halten, ist und bleibt eine Herausforderung. Und die zunehmende Dichte an Vorgaben und Regulationen trägt nicht dazu bei Kosten zu optimieren.


«Pflegefachleute mit Spezialausbildungen finden in einem grösseren Einzugsgebiet ein interessanteres Arbeitsumfeld.»

Marianne Anliker,
Geschäftsleiterin Spitex Zimmerberg


Auch Schwerkranke wollen möglichst lange zu Hause bleiben

Was meinen Sie mit «steigende Ansprüche bei Kundinnen und Kunden»?
Teilweise brauchen Kundinnen und Kunden, die aus dem Spital entlassen werden für eine gewisse Zeit sehr komplexe Unterstützung. Bei der Abklärung dieses Bedarfs sind weiterführende Fachkenntnisse wie beispielsweise im Wundmanagement von grossem Wert, um die Qualität der Pflege zu gewährleisten. Auch schwerkranke Menschen wollen möglichst lange zu Hause bleiben – hier sind ebenfalls Pflegefachpersonen mit speziellen Fachkenntnissen wichtig. Pflegefachleute mit Spezialausbildungen finden in einem grösseren Einzugsgebiet ein interessanteres Arbeitsumfeld. Ist eine Organisation grösser, ist die Chance höher, dass sie die nachgefragten Pflege-Spezialitäten mit gut ausgebildetem Personal sicherstellen können.

Wie wirkt sich die Zunahme der regulatorischen Vorgaben auf eine Spitex-Organisation aus?
Jede Anpassung oder Änderung der Vorgaben bringt es mit sich, dass sich meistens jemand aus der Geschäftsleitung damit befassen muss. Egal, ob die Spitex-Organisation zehn oder hundert Mitarbeitende hat. Hier machen grössere Einheiten sicher mehr Sinn. Gleiches gilt für IT und administrative Arbeiten: Überall braucht es heute spezifisches Wissen. Diese Schritte zu mehr Professionalisierung sind notwendig, doch kann sich dies eine kleine Organisation kaum mehr leisten.

Startschuss nach zeitgleichen Generalversammlungen

Wie viel Zeit blieb, vom Entscheid des Zusammenschlusses, bis zum operativen Start?
Am 16. September 2019 gab es zeitgleich eine ausserordentliche Generalversammlung der beiden Spitex Vereine Adliswil und Thalwil, an denen die Fusion beschlossen wurde. Am 1. Januar 2020 haben wir gestartet. Es war ein sportliches Unterfangen und dank dem grossen Einsatz aller Beteiligten in der Pflege und Administration konnten wir am Neujahrstag pünktlich um 7 Uhr als Spitex Zimmerberg starten.

Oh, sehr erholsam waren Ihre Festtage dann kaum…
(lacht) … nein, tatsächlich nicht – aber ich war ja nicht allein davon betroffen!

Welche Vorbereitungsarbeiten konnten Sie in dieser knappen Frist umsetzen?
Wir hatten rund dreieinhalb Monate Zeit für die wichtigsten Vorbereitungsarbeiten. Es galt in dieser Zeit ein neues Leistungserfassungs-System und ein neues Finanzbuchhaltungssystem einzuführen. Das hat im Vorfeld viel Arbeit bedeutet, die das Team neben dem Tagesgeschäft erbracht hat. Da haben sich die Mitarbeitenden mächtig ins Zeug gelegt, um die Kunden- und Mitarbeiterdaten sowie Pflegeplanungen ins neue System einzupflegen. Allen neunzig Mitarbeitenden musste auch rechtzeitig ein neuer Arbeitsvertrag ausgestellt werden. Abläufe und Prozesse mussten angepasst oder neu erarbeitet werden usw.

Nähe zu Kundinnen und Kunden ist ganz wichtig

Wie haben Sie sich organisatorisch aufgestellt?
Uns ist die Nähe zu den Kundinnen und Kunden ganz wichtig. Wir halten an den beiden Standorten Adliswil und Thalwil fest. Beide Standorte sind mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut erreichbar. Die Geschäftsleitung besteht aus der Leitung Pflege, der Leiterin Finanzen und mir als Vorsitzende. An beiden Standorten gibt es Teams mit Teamleitungen. Die Administration haben wir an einem Standort gebündelt

Wie haben Sie die Unternehmenskultur entwickelt?
Die Unternehmenskultur zu entwickeln braucht Zeit und ist noch nicht abgeschlossen. An gemeinsamen Anlässen und Schulungen hatten die Mitarbeitenden Gelegenheit sich kennenzulernen. Gemeinsame Prozesse und Standards wurden erarbeitet. Der Alltag bringt es mit sich, dass Mitarbeitende auch am jeweils anderen Standort eingesetzt werden. All das hat einen ersten Grundstein für eine gemeinsame Kultur gelegt – dann kam Corona. Das war einschneidend: Betriebssitzungen konnten nicht mehr so leicht und Teambildungsmassnahmen gar nicht mehr durchgeführt werden. Das bedaure ich. Zum Glück gab es im Sommer wieder etwas Entspannung: Da konnten wir unter freiem Himmel einen Mitarbeiteranlass organisieren.

Standortwechsel ist betrieblich heute notwendig

Sie sagen, dass Mitarbeitende einander am jeweils anderen Standort aushelfen. Das ist nicht selbstverständlich. Wie haben Sie das geschafft?
Die Mitarbeitenden werden bei den ersten Einsätzen durch erfahrene Fachpersonen begleitet und es haben Schulungen stattgefunden. Die Arbeitsplätze sind an beiden Standorten nach den gleichen Kriterien eingerichtet. Das erleichtert den Wechsel zwischen den Standorten enorm. Das ist betrieblich heute nötig, denn es kommt immer wieder zu Engpässen aufgrund eines Krankheitsausfalles oder in der Ferienzeit. Wer neu bei uns anfängt, ist aber von Anfang an darüber informiert, dass ein Einsatz an beiden Standorten erfolgen kann

Rückblickend: Was war die grösste Herausforderung?
Wahrscheinlich die Personalführung und -motivation. Wir dürfen nicht vergessen: Vor der Fusion waren es bereits zwei gut funktionierende Betriebe. Durch den Zusammenschluss gab es zunächst Unsicherheit und auch viel Neues. Gleichzeitig sollte die Pflege bei unseren Kundinnen und Kunden von diesem Prozess nicht beeinträchtigt werden. Nicht alle Menschen sind gleich belastbar. Wir haben wirklich viel von unseren Mitarbeitenden verlangt. Sie finden sich bei unseren Kunden immer wieder in unvorhersehbaren Situationen und müssen sofort darauf reagieren können. Corona ist jetzt noch erschwerend dazugekommen. Rahmenbedingungen für das Arbeiten unter diesen beeinträchtigten Bedingungen zu schaffen ist eine Herausforderung. Alle Mitarbeitenden leisten täglich grossartige Arbeit in dieser unsicheren Zeit und verdienen meinen grössten Respekt.

80 Prozent mehr Frischmahlzeiten wegen Corona

Gibt es einen Aspekt, der während Corona positiv war?
(denkt lange nach). Höchstens, dass die Nachfrage nach unseren Frischmahlzeiten innert kürzester Zeit um 70 bis 80 Prozent zugelegt hat.

Ging die Nachfrage nach dem Lockdown wieder zurück?
Nur schwach, wir konnten also Kundinnen und Kunden in diesem Bereich dazugewinnen.

Schauen wir nach vorne: Was wollen Sie noch bis Ende Jahr erreicht haben?
Wir sind ein gut aufgestelltes Unternehmen. Das Team der psychosozialen Dienstleistungen wollen wir weiter ausbauen, um die gestiegene Nachfrage zu bewältigen. Dann sind wir – wie viele andere Organisationen – dabei, das neue Finanzmanual umzusetzen. Uns alle möglichst unbeschadet durch die Corona-Zeit manövrieren wird sicher die wichtigste Aufgabe sein.

Kompetenter Dienstleister fürs gesamte Versorgungsgebiet

Wo stehen Sie im Jahr 2025?
Das Gesundheitswesen ist laufend in Bewegung und es gibt immer wieder Entwicklungen, die niemand voraussagen kann. 2025 werde ich einem Unternehmen vorstehen, das als kompetenter Dienstleister für die Einwohnerinnen und Einwohner des gesamten Versorgungsgebietes wahrgenommen und geschätzt wird. Spitex Zimmerberg schafft Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Region und als verlässliche Arbeitgeberin ermöglicht sie ihren Mitarbeitenden, sich fachlich und menschlich weiterzuentwickeln.


Marianne Anliker

ist seit Januar 2020 Vorsitzende der Geschäftsleitung der Spitex Zimmerberg AG, davor hat sie seit März 2019 die Spitex Adliswil geleitet. Die rund 90 Mitarbeitenden der Spitex Zimmerberg versorgen die rund 37‘000 Einwohnerinnen und Einwohner der Städte Adliswil und Thalwil mit Spitex-Leistungen. Es sind dies Kernleistungen sowie Spezialleistungen wie psychosoziale Pflege und Komfortleistungen wie Fusspflege und Mahlzeitendienst. Spezialdienstleistungen wie Palliative Care oder Kinderspitex werden durch Drittanbieter erbracht.

Vor ihrem Engagement bei der Spitex war Marianne Anliker Chief Finance Officer (CFO) der Spital Davos AG und stellvertretende CEO. Davor managte sie eine Klinik des Universitätsspitals Zürich.

Marianne Anliker hat sich nach ihrem Handelsdiplom und dem NDS in Betriebswirtschaft unter anderem an der Berner Fachhochschule sowie an der Universität St.Gallen weitergebildet.