Seit über zwanzig Jahren werden in der Schweiz APNs, Advanced Practice Nurses, ausgebildet. Diese Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten können mit ihrem Spezialwissen selbst für hoch komplexe Pflegesituationen Lösungen entwickeln. Auch Spitex-Organisationen setzen zunehmend auf APN. «Heute können im ambulanten Bereich zunehmend Leistungen angeboten werden, die früher nur stationär möglich waren», sagt Prof. Dr. Romy Mahrer-Imhof, Pflegewissenschaftlerin und CEO Nursing Science & Care GmbH. «Dieses Wissen wird immer mehr gebraucht. Die Entwicklung geht immer mehr in Richtung „hospital at home“.» Seit Frühling 2021 können APN die geschützte Bezeichnung „Pflegeexpertin / Pflegeexperte APN-CH“ beantragen und sich registrieren lassen.

Die APN-Ausbildung gibt es in der Schweiz seit dem Jahr 2000. Warum braucht es nun die geschützte Bezeichnung «Pflegeexpertin / Pflegeexperte APN-CH»?
Es hat sich international gezeigt, dass eine Reglementierung der Voraussetzungen und der Kompetenzen von APN massgeblich zu ihrer Implementierung beiträgt. Wenn jemand diese Voraussetzungen und Kompetenzen erfüllt, hilft der Titelschutz die Rollen zu klären. Dies ist wichtig für die Sicherheit der Patientinnen und Patienten. Letztlich wissen Patientinnen und Patienten und alle anderen Gesundheitsfachleute was sie erwarten dürfen, wenn jemand den Titel «Pflegeexpertin / Pflegeexperte APN-CH» trägt.


Spitex-Organisationen könnten sich zusammentun und gemeinsam eine APN-Stelle schaffen.

Prof. Dr. Romy Mahrer-Imhof, Pflegewissenschaftlerin und CEO Nursing Science & Care GmbH


Beruf tatsächlich ausüben

Was für Voraussetzungen muss jemand mitbringen, um sich registrieren zu lassen?
Drei Bedingungen müssen für die Registrierung erfüllt sein. Zunächst braucht es einen Master-of-Science-Abschluss mit einem Fokus auf APN. Der verlangte Master-Abschluss soll mindestens 90 ECTS und auf die erweiterte und vertiefte klinische Praxis vorbereitet haben. Bei einem Master ohne APN Fokus kann alternativ nachgewiesen werden, dass Kurse oder Module auf Masterniveau in klinischem Assessment, in erweiterten pharmakologisch und nicht-pharmakologischer Interventionen bei Patientinnen und Patienten vorbereitet haben. Zweitens muss die klinische berufliche Tätigkeit nachweislich mindestens zu 40 Prozent ausgeübt werden. Schliesslich muss nachgewiesen werden, dass jemand den Beruf tatsächlich state of the art ausübt.

Was meinen Sie in diesem Zusammenhang mit «state of the art»?
Darunter verstehen wir unter anderem direkte klinische Praxis, Coaching, Konsultationen, fachliche Führung, interprofessionelle Zusammenarbeit, Forschungsanwendung und ethische Entscheidungsfindung. Wir erwarten, dass sich Gesuchstellende in den verschiedenen Bereichen ihrer Tätigkeit von Ärztinnen, APN-Kollegen etc. im Sinne von shared governance beobachten lassen. Es wird ein Minimum von 50 Stunden supervidierter Praxis über den Zeitraum von 6 bis 24 Monaten verlangt. Die APN arbeiten ja immer mit anderen Berufsleuten zusammen und können sich also beobachten lassen und ein Feedback einholen. Es geht um die Bestätigung, dass jemand tatsächlich als APN arbeitet.

Mehrere Hundert erfüllen Voraussetzungen

Wie viele Personen sind bereits registriert?
Die Registrierung ist seit Ende März offen. Bis anhin haben 65 Personen ihre Dossiers eingereicht. Wir haben in der Schweiz keine genauen Zahlen, wie viele APN sich registrieren lassen können. Es dürften mehrere Hundert Pflegefachpersonen heute beruflich aktiv sein und die Voraussetzungen erfüllen.

Wie können Spitex-Organisationen Pflegeexpertinnen und -experten sinnvoll einsetzen?
Es gibt APN in einigen Spitex-Organisationen. Sie sind oft Fachexpertinnen oder -experten für wichtige Themen oder Klientengruppen. Sie leiten als „Clinical Nurse Specialist (CNS)“ Teams an, wie Pflege umfassender, effektiver und effizienter angeboten werden kann. Und sie übernehmen die Pflege und Betreuung von Patientinnen und Patienten und ihren Familien in sehr komplexen Situationen. Es gibt Versuche, die APN stärker an der Schnittstelle zwischen pflegerischer und medizinischer Versorgung zu positionieren. Diese sogenannten «Nurse Practitioner (NP)» optimieren Pflege und medizinische Behandlung und übernehmen neben «nurse expanded» – also erweiterter und vertiefter Pflege auch «doctor delegated» – also traditionell eher dem ärztlichen Beruf zugeschriebene Aufgaben. Dies passiert oft in enger Zusammenarbeit mit ärztlichen Kolleginnen und Kollegen. Hier stossen die APN öfters auf Widerstand und zum Teil auch an gesetzliche Grenzen. Zudem ist die finanzielle Abgeltung nicht abschliessend geregelt.

Klären, wie Pflegeteams profitieren

Kleinere Spitex-Organisationen können sich kaum eine Pflegeexpertin oder einen Pflegeexperten leisten. Wie kann dieses Problem gelöst werden?
Spitex-Organisationen der Region könnten sich zusammentun und gemeinsam eine APN Stelle schaffen. Hier gilt es zu überlegen, ob die APN als CNS oder NP arbeitet und wer von ihren Kompetenzen profitieren soll. Zu klären sind die Fragen, was die Pflegeteams davon haben und welche Klientengruppen am meisten durch dieses erweiterte und vertiefte Wissen und Können profitieren könnten.

Fester Platz für APNs in Spitex-Teams

Wo sehen Sie die Zukunft von Pflegeexpertinnen und -experten, die in Spitex-Organisationen arbeiten?
Die Anforderungen in der Spitex haben sich in den letzten Jahren stark verändert und werden sich in Zukunft weiter ändern. Die sogenannten Babyboomer kommen ins dritte und vierte Alter. Sie werden wohl vermehrt nach Leistungen der Spitex nachsuchen. Diese Gruppe von Menschen wollen selbständig bleiben und bestimmen, wie sie versorgt werden. Das wird neue Dienstleistungen und eine andere Art der Leistungserbringung bedingen. Zusätzlich wird die Aufenthaltsdauer in den Spitälern weiter sinken. Dadurch wird die Spitex zunehmend Menschen zu Hause versorgen müssen, die weitaus weniger gesund sind als heute. Leistungen werden verlangt, die früher nur in den Krankenhäusern angeboten wurden. Diese Entwicklung wird heute unter dem Begriff «hospital at home» diskutiert. Aufgrund dieser steigenden Anforderungen werden APN-qualifizierte Mitarbeiterinnen einen festen Platz in den Teams der Spitex einnehmen. Einerseits können sie massgeblich dazu beitragen, die Organisation fachlich weiterzuentwickeln und auf eine evidenz-basierte Praxis auszurichten. Andererseits entwickeln sie neue Versorgungsformen, in denen APN in komplexen Situationen Aufgaben übernehmen und Entscheide zu Behandlung und Therapie fällen, die früher den Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren. Da es dafür eine intensivere interprofessionelle Zusammenarbeit beispielsweise mit Hausarztpraxen braucht, werden Pflegeexpertinnen und -experten APN in ihrem Studium auch in diesem Gebiet speziell ausgebildet.

APNs nützen Patientinnen und Patienten

Was bedeutet es, wenn die APN-Rolle weiter geschärft wird?
Der Einsatz von APN verändert die Rollen aller Beteiligten. Die Möglichkeit einer Registrierung als APN-CH soll in den laufenden Diskussionen zur Rollenklärungen beitragen. Die Diskussion, wie die Kompetenzen einer APN ausgestaltet werden, damit ihre Fähigkeiten voll zum Tragen kommen und Patientinnen und Patienten profitieren können, wird intensiv mit den Hausärztinnen und Hausärzten geführt. Es wird erwartet, dass dies zu weiteren Klärungen der APN-Rollen in der Spitex oder in den Hausarztpraxen beitragen wird. Die Tätigkeit der APN hat ihren Nutzen für Patientinnen und Patienten längst bewiesen. Damit wird auch der Druck steigen, die finanzielle Abgeltung dieser Leistungen zu regeln. Hier sind ebenfalls Bestrebungen im Gange. Gute Lösungen zu finden, dürfte aber seine Zeit brauchen.


Prof Dr. Romy Mahrer-Imhof

ist Pflegewissenschaftlerin und CEO Nursing Science & Care GmbH. Als Präsidentin der Expertenkommission «Verein APN-CH: die Organisation der Reglementierung» ist sie treibende Kraft und massgeblich an der APN-Entwicklung, den Rollenbildern und Verankerung im Gesundheitswesen in der Schweiz beteiligt.
Von 2006 bis 2017 war sie Studiengangleiterin Master of Science in Pflege ZHAW.