RVK-Tagung Langzeitpflege
Martin Radtke Event

«Es braucht mehr Zeit für informelle Gespräche»

Die diesjährige RVK-Tagung Langzeitpflege beschäftigte sich mit dem Thema «Gesundheitsförderung und Prävention im Langzeitbereich – ungenutzte Potenziale?». Während die beiden Referenten Martin Hafen, Soziologe, und Jörg Kündig, Präsident des Verbands Gemeindepräsidien Kanton Zürich, eher einen theoretischen Überblick und Einstieg ins Thema präsentierten, besprachen Anna Jörger, stv. Geschäftsführerin Curaviva, und Markus Wittwer, Geschäftsführer Alter und Pflege der Stadt Winterthur, konkrete Beispiele.

Belastung reduzieren, Schutz stärken

«Jede Behandlung ist auch präventiv wirksam. Und jede Prävention hat behandelnde Aspekte», sagte der Soziologe Prof. Dr. Martin Hafen bei seinem Eintrittsreferat. «Ausgangspunkt jeder Prävention ist ein künftiges Problem», so der Soziologe. Wenn wir über Prävention in Langzeitpflege sprächen, müssten wir uns bei der Pflege überlegen, was für mögliche Folgeprobleme es gebe. Es gehe jeweils darum, Belastungsfaktoren zu reduzieren und Schutzfaktoren zu stärken. «Es ist empirisch belegt, dass Menschen, die regelmässig Kontakt haben, länger leben», sagte Martin Hafen. Denn Menschen seien soziale Wesen. Es sei daher von elementarer Bedeutung, dass es Zeit für informelle Gespräche gebe, gerade in der Langzeitpflege. «Es braucht mehr Zeit für informelle Gespräche», forderte Martin Hafen. Dann ging er auf die Früherkennung bei der Spitex Kriens ein. «Das Beispiel der Spitex Kriens zeigt, dass es Sinn macht, die Hauswirtschaft innerhalb der Spitex zu organisieren. Das Personal muss auf Früherkennung geschult werden. Eine Checkliste hilft, die Situation systematisch zu erfassen. Die Analyse hilft, richtig und frühzeitig zu intervenieren.»

Prävention lohnt sich – auch für Gemeinden

«Wir müssen aufhören, Spital, Alters- und Pflegeheime oder Spitex-Organisationen einzeln zu betrachten. Das Gebot der Stunde heisst Vernetzung», sagte Jörg Kündig, Präsident der Gemeindepräsidien des Kantons Zürich. «Das gilt auch für die Prävention.» In den Gemeinden müsse dafür noch mehr Bewusstsein geschaffen werden. «Es hilft, wenn auf Stufe Gemeinde die Ressorts Bau und Infrastruktur sowie Gesundheit eng zusammenarbeiten», so Jörg Kündig. Denn Prävention und Gesundheitsförderung lohne sich – auch für die öffentliche Hand. Das Leben in stationäre Einrichtungen sei teuer – und in der Regel unbeliebt; nicht nur, aber auch von der öffentlichen Hand. Doch es lohne sich für eine Gemeinde, in die Prävention zu investierten. «Ich will nicht verhehlen: Für manche Gemeinde ist Prävention teilweise ein ungeliebtes Kind. Denn sie kostet Geld», so Jörg Kündig. Mehr finanzieller Support sei erwünscht.

Vision «Wohnen im Alter»

Anna Jörger, stv. Geschäftsführerin Curaviva, präsentierte die Vision «Wohnen im Alter» von Curavivia. Sie geht von einem bedürfnisgerechten und bedarfsgerechten Wohnen im Alter aus. Das bedeute eine Differenzierung des Dienstleistungsspektrums. Es brauche mehr dezentrale Leistungserbringung und vermehrte Kooperation statt Konkurrenz. Die Übergänge zwischen stationärer, intermediärer und ambulanter Versorgung müssten flexibler gestaltet werden. Am Beispiel des Alterszentrums Lindenhof in Oftringen zeigte Anna Jörger auf, wie die Vision in den Alltag übertragen werden könnte. Es gibt zum Beispiel Angebote wie eine Bäckerei, Coiffeur, Hauswirtschafts- und Wäscheservice. Das Besondere: Die Leistungen würden nicht nur den Bewohnerinnen und Bewohnern angeboten, sondern auch den Mitarbeitenden und auch der Bevölkerung. Diesen Ansatz des sozialraumorientierten und integrierten Versorgungssettings verfolgen neben dem Alterszentrum Lindenhof auch die Fondation Saphir, das Gesundheitsnetz Sense sowie die Fondazione Parco San Rocco. In einem gemeinsamen Projekt der Gesundheitsförderung Schweiz werden aktuell Erfolgsfaktoren und Stolpersteine eruiert und Mitte 2023 in einem Online-Selbst-Assessment-Tools zur Verfügung gestellt.

Präventionsprojekte in Winterthur

Markus Wittwer, Geschäftsführer Alter und Pflege der Stadt Winterthur, stellte drei Präventionsprojekte vor:

Die Gesundheitsberatung Daheim sei ein Angebot der Spitex. Das Projektziel sei, Heimeintritte oder Wiedereintritte durch Früherkennung zu vermindern. Beim Beratungsangebot stehe die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund. Dabei würden die vorhandenen Ressourcen gezielt einbezogen.

Das Angebot Dividat Senso greife neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf und verknüpft Bewegungs- und Denkaufgaben miteinander. Eingesetzt werde ein Gerät, das rein körperlichen Trainings weit überlegen sei. «Ich habe keine Aktien an der Firma. Doch das Gerät leistet gute Dienste», so Wittwer. Die Programme trainierten jene Hirnregionen, die stark vom Altersprozess betroffen und dem Gehvermögen gekoppelt seien.

Das interprofessionelle und individuelle Angebot Alters Reha Alter und Pflege ermögliche Personen einen temporären Aufenthalt von maximal drei Monaten. Damit solle die Selbstständigkeit erhalten und verbessert werden. Ein weiteres Ziel sei eine mögliche die Rückkehr ins angestammte Wohnumfeld oder in ein nicht stationäres Angebot.

Noch ungenutze Potenziale

Das anschliessende Podium diskutierte weitere ungenutzte Potenziale. Für Verena Nold, santésuisse, spielen die Hausärzte eine entscheidende Rolle. «Sie können die Beratungsresidenz von älteren Menschen überwinden helfen.» Auch sie betonte die Bedeutung von niederschwelligen Angeboten, etwa hauswirtschaftliche Leistungen der Spitex.

Hannes Koch, CEO der Spitex Kriens, erläuterte das Konzept von Kriens. Danach gibt es die Drehscheibe-Senioren-Impuls; sie sei die erste Anlaufstelle für die Einwohnerinnen und Einwohner. Die Mitarbeitenden der Drehscheibe vermittelten die Menschen nach der Beratung an jene Institution, die das beste Angebot habe.

Zum Abschluss der Veranstaltung las Reeto von Gunten, Autor und Radiomoderator, aus seinem Tagebuch. Er schreibt dieses täglich, allerdings spielt die Handlung in der Zukunft. Entsprechend startet der erste Eintrag am Freitag, 1. April 2050.