Es existiert das Stereotyp, dass Spitex-Mitarbeitende nicht sonderlich technikaffin seien. Sie haben ihren Beruf gewählt, um mit Menschen und zu arbeiten, nicht mit Robotern. Die Branche gilt als «Nachzüglerin» der Digitalisierung. Sie hat den Ruf, der Digitalisierung gegenüber nicht aufgeschlossen zu sein. Doch eine Masterthesis widerlegt nun: Tatsächlich sind professionell Pflegende der Digitalisierung gegenüber aufgeschlossener als erwartet. «Die Wichtigkeit der Digitalisierung in ihrem Arbeitsbereich scheint ihnen bewusst zu sein», interpretiert Simon Lutz, Geschäftsleiter von reha@home seine Studienergebnisse.

Offene Haltung gegenüber der Digitalisierung

Was für Einstellungen und Erwartungen haben professionelle Pflegende der ambulanten Pflege gegenüber der Digitalisierung?
Simon Lutz: Die Ergebnisse widersprechen dem ihnen vorauseilenden Ruf und belegen, dass die Befragten dem Thema moderner Technologien gegenüber offen sind. Die Befragten haben keine verschlossene Haltung. Vielmehr haben sie eine offene Einstellung gegenüber der Digitalisierung in ihrem Arbeitsbereich. Die Wichtigkeit der Digitalisierung in ihrem Arbeitsbereich scheint ihnen bewusst zu sein. Die Mehrheit findet rasch Gefallen an technischen Neuentwicklungen. Etwa der Hälfte der Befragten bereitet der Umgang mit Technik keine Mühe. Nur ein kleiner Anteil bezeichnet sich als technisch wenig versiert oder hat Angst vor Fehlern. Wichtig ist die Erkenntnis der Befragten, dass durch vermehrten Einsatz von digitalen Anwendungen ihre Arbeit erleichtert werden kann. Auch werden die Chancen in der Versorgung der pflegebedürftigen Menschen erkannt. Angst um den Verlust ihres Arbeitsplatzes durch die Digitalisierung haben die Befragten keine. Sie sind jedoch skeptisch, ob der vermehrte Technikeinsatz tatsächlich dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann und haben Angst davor, dass der Einsatz von moderner Technik vermehrt zu mehr (Leistungs-)Kontrolle führen wird.


«Spitex-Mitarbeitende haben eine offene Haltung gegenüber der Digitalisierung.»

Simon Lutz, reha at home AG


Online-Datenerhebung bei 7 Spitex-Organisationen

Mit welcher Methode wurde das Ergebnis erarbeitet?
Die Studie ist eine empirische Querschnitts-Studie mit quantitativem Charakter. Die Zielgruppe der Untersuchung war Pflege- und Betreuungsfachpersonal aus vier öffentlich-rechtlichen Spitex-Organisationen sowie drei privaten Spitex-Organisationen. Die Datenerhebung erfolgte mittels elektronischer Online-Befragung. Als Grundlage für die Erhebung diente ein selbst entwickelter, vollstandardisierter, quantitativer Fragebogen mit zwanzig geschlossenen Fragen. Teilnahmeberechtig waren professionell Pflegende mit Tertiärem- oder Sekundärabschluss. Also diplomierte Pflegefachkräfte FH/HF, DNI und DNII sowie Fachangestellte Gesundheit FaGe EFZ. Ebenfalls berücksichtig wurden Hilfspflegekräfte SRK. Ausgeschlossen war sämtliches administratives Fachpersonal ohne pflegerischen Hintergrund.

Digitalisierung wird noch nicht als Innovation verstanden

Das Ergebnis ist positiver als erwartet. Worauf lässt sich das zurückführen?
Einerseits ist das Thema der Digitalisierung omnipräsent. Die Digitalisierung hat in einigen Spitex-Organisationen auch schon Einzug gehalten und in vielen Institutionen finden Dokumentation, Abrechnung und Tourenplanung schon digital statt. Das Thema kommt also immer näher und schärft dadurch automatisch auch das Bewusstsein und das Verständnis. Eine mögliche Erklärung für diese Offenheit ist, dass Digitalisierung als rein technische Unterstützung, also Anwendung und Ausbau bereits vorhandener technischer Hilfsmittel, wie Tablet, Smartphone etc., verstanden wird. Die Vielfalt der Möglichkeiten, welche die Digitalisierung bietet, wie Telecare, technische Assistenten, Robotik etc. ist oft noch nicht bewusst. Ich habe das Gefühl, dass die Digitalisierung noch nicht von allen Befragten als Innovation verstanden respektive wahrgenommen wird.

Pflegebedürftiger Mensch steht im Zentrum

Lässt die Studie den Schluss zu, dass die Spitex-Leitungen zu zurückhaltend sind? Die Spitex-Mitarbeitenden also durchaus bereit wären, stärker bei der Digitalisierung mitzumachen?
Das ist schwierig zu beantworten. Grundsätzlich trifft die Digitalisierung bei der Arbeit in der häuslichen Pflege natürlich auf ein Arbeitsfeld, das sich wesentlich von anderen Branchen unterscheidet. Im Zentrum der täglichen Arbeit steht kein Produkt, sondern ein pflegebedürftiger Mensch. Man arbeitet nicht nur am Menschen, sondern gemeinsam mit dem Menschen und der Arbeitsort unterscheidet sich bei jedem Einsatz. Dies hat zur Folge, dass die vor Ort stattfindende Interaktion nur im begrenzten Umfang digitalisierbar ist. Nichtsdestotrotz sind der soziodemografische Wandel, das explizites Bedürfnis nach Selbstbestimmung, nach gesellschaftlicher Teilhabe, Wahrung der Privatsphäre, Mangel an Auszubildende und qualifiziertem Personal sowie die schwindende Profitabilität Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Zu oft wird noch auf die Hoffnung gesetzt. Dies ist aus meiner Sicht sehr gefährlich und der falsche Weg. Der Digitalisierung wird grosses Potenzial zugeschrieben, den bevorstehenden Herausforderungen entgegenzuwirken. Es gibt unzählige Technologieanbieter, Start Ups mit tollen Ideen und Mitarbeitende aus der Pflege sind bereit, den nächsten Schritt zu gehen. Sie müssen nur mit auf «die Reise» genommen werden. Ich habe das Gefühl, dass dies noch zu wenig getan wird.

Pflegegeschäft Kundensicht neu überdenken

Wie kann eine Spitex-Organisation die Erkenntnisse der Studie nutzen?
Der Wandel sollte als Chance verstanden werden, das Pflegegeschäft aus der Perspektive des «Kunden» neu überdenkt und hinterfragt werden. Man sollte nicht an Althergebrachtem festhalten, sondern neue, innovative Wege gehen. Professionelle Pflegende müssen «mit auf die Reise» genommen werden. Es muss ihnen aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten die Digitalisierung bietet. Sie sollten vermehrt in künftige Digitalisierungsprozesse miteinbezogen werden. Durch den vermehrten Einsatz von technischen Hilfsmitteln in Kombination mit der Stärkung der Fachlichkeit im Umgang mit diesen technischen Hilfsmitteln, kann die Arbeit der professionell Pflegenden aufgewertet und das Kompetenzprofil erweitert werden. Das wiederum steigert die Attraktivität der Institution. Eines scheint aber ganz wichtig: Digitalisierung wird vor der häuslichen Pflege keinen Halt machen und professionelle Pflegenden haben eine wichtige Rolle im ganzen Digitalisierungsprozess. Auch wenn künftig noch so viele neue Produkte entwickelt und eingesetzt werden: Nur wenn professionelle Pflegende sie akzeptieren, haben sie eine Chance, nachhaltig genutzt zu werden.


Simon Lutz

ist Geschäftsführer bei reha@home. Das Unternehmen ist der erste Gesamtanbieter rund um die Themen Mobile Rehabilitation, Domiziltherapien, Spitex Pflege, Betreuung und Patiententransport zu Hause. reha@home ist in den beiden Kantonen Zürich und Aargau tätig. Die Dienstleistungen können als Rehabiliations-Setting im Ganzen oder aber auch unabhängig voneinander bezogen werden.

Simon Lutz hat einen Bachelor in Betriebswirtschaft und Master in Managed Health Care. Er war für verschiedene Organisationen im Sozial- und Gesundheitswesen und in der Privatwirtschaft als CFO tätig.


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