Eine der grössten Herausforderungen von Spitex-Organisationen ist, für Kundinnen und Kunden das geeignete Personal zu finden. Es müssen für die jeweilige Situation stets alle notwendigen beruflichen Anforderungen erfüllt sein. Doch gerade in der Langzeitpflege zählen weitere Faktoren: Idealerweise stimmen Werte, Lebensstile und das soziokulturelle Umfeld von Kundinnen und Kunden und den Betreuenden weitgehend überein. «Wir haben eine Art „Tinder“ für die Langzeitpflege entwickelt», sagt Juan Garrote, Managing Director, vom Spitex-Softwareentwickler Medical Link Services. «Unsere Software hilft, Kundinnen und Kunden und die passenden Spitex-Mitarbeitenden zusammenzubringen.»


Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen bei der Langzeitpflege und -betreuung?
Analytisch betrachtet, stand oder steht bei grösseren Institutionen oder Organisationen die Logistik im Mittelpunkt. Pflege- und Betreuungspersonen müssen gefunden und eingeplant werden. Unsere Beobachtung zeigt, dass damit längst nicht immer alle Kundinnen und Kunden zufrieden sind. Es kommt zu Konflikten. Häufig sind die Institutionen und Organisationen dann gefordert oder sogar gezwungen, die Planung anzupassen. Der Planungsprozess beginnt von vorne. Das kostet Geld. Gerade in der Langzeitpflege und vor allem bei privaten Anbietern hat sich inzwischen der Gedanke durchgesetzt, dass Kundinnen und Kunden im Mittelpunkt stehen müssen. Die Gewichte verschieben sich von der unpersönlichen Logistik zu mehr Servicequalität. Dabei ist die Betrachtung umfassend, was eine Kundin oder ein Kunde braucht. Es geht nicht mehr nur darum, dass die Fachperson bestens ausgebildet ist, um alle medizinischen Bedürfnisse sicher abdecken zu können. Das nächste Level ist, dass sich Betreuungspersonen sowie Kundinnen und Kunden gut verstehen, ja sogar mögen.


Juan Garrote

Betreuungspersonen müssen Kundinnen und Kunden gut verstehen, ja sogar mögen.

Juan Garrote, Managing Director Medical Link Services


Lebensstil und soziokulturelles Umfeld sind wichtig

Warum ist es wichtig, dass sich zwei Menschen bei der Langzeitpflege oder Betreuung «mögen»?
Wenn Sie verheiratet sind, sollten Sie in der Lage sein, den Anfang einer Antwort zu finden… Im Ernst: «Einander mögen» ist ein grosses Wort. Doch bei der Langzeitpflege ist es wichtig, den Lebensstil und das soziokulturelle Umfeld aller Kundinnen und Kunden zu berücksichtigen. Oder anders formuliert: Es macht wenig Sinn, einem Kunden, der einen Hund besitzt, Fleisch liebt und raucht, eine betreuende Person anzubieten, die keine Haustiere mag, auf das Rauchen allergisch reagiert ist und Vegetarierin ist. Sollen Kundinnen und Kunden langfristig erfolgreich betreut werden, bekommen Hintergründe, Denkweisen und Werte eine entscheidende Bedeutung. Mein Vater zum Beispiel ist Spanier. Er ist 97 Jahre alt, ein Intellektueller, raucht, liebt Tartar und mag Fussball. Ein Liga-Spiel ohne Bier, das geht nicht. Er steht spät auf, macht nach dem Mittagessen, also um 17 Uhr, ein Nickerchen, wacht um 19.30 Uhr auf. Das Abendbrot isst er um 23 Uhr, morgens gegen 1 Uhr geht er zu Bett. Stellen Sie sich vor, er muss betreut werden. Stellen wir uns vor: die betreuende Person verträgt keinen Rauch, hasst Bücher und Fussball und will normalerweise um 22 Uhr ins Bett gehen. Da braucht es wenig Fantasie: Bei diesen beiden Menschen harmoniert vieles nicht – und bei einer Betreuung könnte es kompliziert werden.

Markt wächst, Organisationen wachsen und Komplexität nimmt zu

Warum braucht es eine Software, die beim Matching hilft? Das können Menschen doch auch oder sogar noch besser.
Eine Organisation, die wenig Kundinnen und Kunden hat und auch kaum wächst, braucht bestimmt keine Software, die beim Matching hilft. Planungsspezialistinnen machen hier einen tollen Job, kennen Kundinnen und Kunden sowie die Mitarbeitenden – so weit, so gut. Es gibt auch Organisationen, wo dezentral in den Teams geplant wird. Doch je nach Grösse des Kundenstamms ist es hier schon anspruchsvoller, den Überblick zu behalten. Der Markt wächst und mit ihm viele Organisationen. Das bedeutet zunehmende Komplexität. Hier kann eine moderne Spitex-Software helfen. Die Software schlägt vor, welche Menschen gut zusammenpassen, die matchen. Etwas provokativ könnte man von einer Art «Tinder» in der Langzeitpflege sprechen. Ganz wichtig: Am Ende entscheidet immer noch die Person, die plant, wer welche Kundinnen und Kunden betreut und pflegt.

Kundinnen und Kunden richtig verstehen

Was gibt es für sinnvolle Kriterien, damit das Matching wirklich funktioniert?
Da ich Soziologie studiert habe, liebe ich diese Frage! Wir alle hätten gerne standardisierte Kriterien. Es gibt einige objektive Kriterien wie Rauchen, Haustiere und so weiter. Doch das reicht nicht. Wir müssen unsere Kundinnen und Kunden richtig verstehen und gleichzeitig auch unsere Mitarbeitenden gut kennen. Die «richtigen» Kriterien gibt es nicht; es gibt nur solche, die für eine bestimmte Organisation besser passen. Lebensgewohnheiten sind in der Regel gut dokumentiert. Also müssen wir uns um die soziokulturellen Kriterien kümmern und sie kategorisieren. Aus Sicht der Organisation sollen weiterhin auch die logistischen Kriterien einfliessen wie Verfügbarkeit der Betreuungsperson, Distanz zu den Kundinnen und Kunden und so weiter. Langfristig gesehen ist es eine gute Nachricht für alle Organisationen, wenn ein Standard von Kriterien im Bereich der Pflege geschaffen wird.

Wie wirkt sich die Einführung eines digital unterstützten Matchings aus auf die Kundinnen und Kunden sowie auf den Betrieb?
Kundinnen und Kunden sowie die Angehörige bekommen die Gewissheit, dass die Organisation wichtige Kriterien berücksichtigt. Sie schätzen den Service, denn er nimmt Stress aus dem System. Auch die Organisation profitiert: Mehrfache und oft komplexe Interaktionen der Planungsperson mit den Teamleitenden sowie Ressourcenmanagern entfällt. Das Management kann die Qualität definieren, welche den Kundinnen und Kunden tatsächlich geboten wird. Zudem werden unproduktive Verwaltungskosten reduziert. Für die Spitex-Mitarbeitenden ist
die Tatsache attraktiv, dass sich die Organisation um die Abstimmung von Fähigkeiten, Lebensstil, soziokulturellen und logistischen Kriterien kümmert.

Es gibt zunehmend Spitex-Organisationen, die delegieren die Planung in die selbstorganisierten Teams. Was kann digitales Matching in diesem Fall leisten?
Es ist eine Sache, kleine Teams zu haben, die ihre eigenen Zeitpläne organisieren. Wenn Kundinnen und Kunden aber regelmässig Leute sehen, die sie nicht mögen, wirkt sich das negativ auf die Qualität aus.

Kundinnen und Kunden gehören ins Zentrum der Überlegungen

Welcher Entwicklungsschritt ist als nächstes von einer modernen Spitex-Software zu erwarten?
Die IT ist darauf ausgelegt, die Unternehmensabläufe einzuhalten und den Arbeitsaufwand mit geringer Wertschöpfung zu reduzieren. Im Gesundheitswesen sind die Verfahren, Standards und Vorschriften gut etabliert. Doch Kundinnen und Kunden gehören in den Mittelpunkt vieler Überlegungen. Wer das erkennt und konsequent umsetzt, wird die Nase vorn haben bezüglich Nachhaltigkeit, Wachstum und Reputation. Automatisierung macht nur innerhalb einer IT-Umgebung Sinn, die Echtzeit, Mobilität und Schnelligkeit bei Entscheidungen ermöglicht. Und die es dem Management erlaubt, jederzeit die Verbesserung der Rentabilität des Unternehmens und der Qualität seiner Dienstleistungen zu kontrollieren.


Juan Garrote

Ist Managing Director bei Medical Link Services Die Digitalisierung zur Förderung der beruflichen Entwicklung von Mitarbeitern ist seine Leidenschaft. Mit einem Master in Soziologie begann er seine IT-Erfahrung in der Software-Distribution, gefolgt von einer langen Erfahrung als Integrator und Dienstleister für führende Organisationen. Er verfügt über eine solide Erfolgsbilanz als Managing Director und Key Account Director mit nachgewiesener Expertise in der Integration von IT-Lösungen in verschiedenen Branchen wie Gesundheitswesen, Finanzen und Logistik. Er spricht insgesamt fünf Sprachen und kann komplexe Anforderungen managen.
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