Eine Studie zeigt, dass der Schweiz bis 2030 rund 65’000 Pflegefachkräfte zusätzlich fehlen. Damit setzen sich Spitex-Organisationen intensiv auseinander, denn der Pflegebedarf und damit auch die Nachfrage nach Personal steigt kontinuierlich. «Eine verstärkt digitalisierte Ausbildung kann die Situation punktuell entschärfen», ist Juan Garrote, Direktor von Medical Link Services MLS überzeugt. MLS bietet Spitex-Software an und hat während der Pandemie die Schulung mit grossem Erfolg umgestellt. Weitere Schritte folgen.

Wie kann die Nachfrage nach Pflegefachkräften gedeckt werden?
Es gibt viele Antworten auf diese Frage. Einige laufen darauf hinaus, dass Maschinen das Personal ersetzen sollen. Das ist kaum realistisch. Natürlich wird es in Zukunft einige digitale Helfer mehr geben und die Hausautomatisierung wird weitere Fortschritte machen. Doch Maschinen können in absehbarer Zeit bestimmt nicht die Arbeit von qualifizierten Mitarbeitenden erledigen. Auch gäbe es enorme rechtliche und logistische Herausforderungen. Wir müssen also darüber nachdenken, wie wir bestehende Prozesse effizienter gestalten. Hier gibt es noch viel Potenzial. Ich denke beispielsweise an eine verstärkte Digitalisierung der Schulung, ja sogar Aus- und Weiterbildung.


Juan Garrote

«Das Super-User-Modell hat ausgedient!»

Juan Garrote, Direktor von Medical Link Services MLS


Schulung nur noch digital

Ihr Unternehmen entwickelt Software, nicht Bildungsangebote. Wie kommen Sie auf die Idee?
Wir sind Spezialisten für Spitex-Software, das ist richtig. Und wir bleiben unserer Kompetenz treu. Doch, wie viele andere, haben auch wir während der Pandemie unser Angebot und unsere Prozesse anpassen müssen. Die Pandemie hat unter anderem gezeigt, dass Menschen aus der Ferne lernen können – vorausgesetzt, ein Unternehmen ermöglicht dies. Vor der Pandemie haben wir eintägige Präsenzschulungen für sechs bis zehn Personen für verschiedene Module angeboten. Wir wissen alle: Präsenzschulungen waren eine Zeitlang nicht mehr möglich. Wir haben darum Schulungsmodule umgestellt: Neu haben wir nur noch zwei Mitarbeitende für drei maximal vier Stunden geschult.

Was war der Erfolg dieser Umstellung?
Dank der weiten Verbreitung von Tools wie Teams, Zoom usw. war es kein Problem, die Teilnehmer aufzufordern, sich einzuloggen. Der gesamte Schulungsprozess verlief viel besser, als wir ursprünglich gedacht hatten. Die neue Methode war viel effektiver. Wer sich so schulen lässt, ist aufmerksamer, muss nicht reisen und es kann auf die Themen eingegangen werden, die im Alltag zu Fragen führen. Neu wollen wir nur noch so schulen. Ausser es wird ausdrücklich eine Schulung mit Präsenz verlangt. Dann machen wir das natürlich.

Neue Methode führt zu besseren Ergebnissen

Wie bleibt das Wissen mit der neuen Schulungsmethode haften?
Wissen ist dynamisch, gerade wenn es um die Anwendung von Spitex-Software geht. Wir entwickeln unsere Produkte laufend weiter. Etwa um neue gesetzliche Anforderungen abzubilden oder Kundenbedürfnisse zu stillen. Es gibt Spitex-Mitarbeitende, die haben keine Probleme mit kleineren Anpassungen. Es gibt aber auch solche, die brauchen hier mehr Support. Die neue Methode erlaubt, individuell zu schulen. Insgesamt führt das zu besseren Ergebnissen als das bisher häufig angewendete «Super-User-Modell».

Hat das «Super-User-Modell» ausgedient?
Ich kann die Frage nur für uns und unsere Situation beantworten. Und hier ist die Antwort: Ja, weitgehend. Bei allen Vorteilen birgt das «Super-User-Modell» zwei grosse Risiken: Bei diesem Modell wird Wissen auf ganz wenige Personen konzentriert. Fällt jemand aus, hat die Organisation mitunter ein grosses Problem. Zudem machen wir immer wieder die Erfahrung, dass «Super-User» ihr Wissen manchmal lückenhaft oder unvollständig weitergeben. Das hat gravierende Folgen. Denn eine Spitex-Software ist häufige das Herz oder die Wirbelsäule einer Spitex-Organisation. Gibt es hier systematische Fehler, wirkt sich das auf das ganze System aus: Etwa auf die Abrechnung mit den Krankenkassen, auf die Lohnzahlungen etc. Wir werden die Idee der digitalen Schulung weiterverfolgen und mit einem Projektpartner professionalisieren.

Bessere und kostengünstigere Schulung

Was heisst das?
Wir setzen zusammen mit einem Bildungsanbieter ein Projekt um. Der Bildungsanbieter hat sich auf die Inhaltsvermittlung im Fernunterricht spezialisiert und bildet Pflegefachkräfte aus. Er nimmt die praktische Nutzung eines Informationssystems, konkret unsere Spitex-Software, in seinen Lehrplan auf. «Das Know-how der Studierenden im Bereich Software-Nutzung ist mangelhaft», hat uns der Bildungsanbieter erklärt. Wir stellen nun unsere E-Learning-Tools zur Verfügung, die vom Bildungsanbieter überprüft und verbessert werden. Das nützt allen: Den Studierenden und den Spitex-Organisation – gleich doppelt: Sie können neu auf potenzielle Mitarbeitende zugreifen, die bereits Wissen, wie die Spitex-Software funktioniert. Gleichzeitig werden so die bestehenden Lernmodule optimiert, auf die alle Spitex-Mitarbeitenden jederzeit Zugriff haben. Schliesslich profitiert das ganze System: Die Schulung wird besser und kostengünstiger. Ich bin sicher, dass sich dieser Ansatz auch auf Pflegeinhalte übertragen lässt. Darum bin ich überzeugt: Eine digitalisierte Ausbildung kann die Situation vom Fachkräftemangel punktuell entschärfen.


Juan Garrote

ist Managing Director bei Medical Link Services Die Digitalisierung zur Förderung der beruflichen Entwicklung von Mitarbeitern ist seine Leidenschaft. Mit einem Master in Soziologie begann er seine IT-Erfahrung in der Software-Distribution, gefolgt von einer langen Erfahrung als Integrator und Dienstleister für führende Organisationen. Er verfügt über eine solide Erfolgsbilanz als Managing Director und Key Account Director mit nachgewiesener Expertise in der Integration von IT-Lösungen in verschiedenen Branchen wie Gesundheitswesen, Finanzen und Logistik. Er spricht insgesamt fünf Sprachen und kann komplexe Anforderungen managen.