Die Spitex Wettingen-Neuenhof ist eine von vier Spitex-Organisationen, die im Kanton Aargau beim Pilotprojekt des elektronischen Patientendossiers EPD mitmacht. «Wir arbeiten eng mit dem Kantonsspital Baden zusammen, das bezüglich EPD eine Vorreiterrolle eingenommen hat. Für mich war sofort klar, dass wir das Pilotprojekt unterstützen», sagt Andreas Kaufmann, Geschäftsführer und Vorsitzender der Geschäftsleitung der Spitex Wettingen-Neuenhof. Er ist überzeugt, dass die Digitalisierung das Berufsbild der ambulanten Pflege nachhaltig – positiv! – verändert.

Was war die Motivation Ihrer Organisation, am Pilotprojekt mitzuwirken?
Über kurz oder lang wird auch die Spitex das elektronische Patientendossier EPD einführen müssen. Das ist die Zukunft. Dennoch hatte ich – und habe ich teilweise immer noch – eine gewisse Skepsis, was den Schutz der Daten angeht. Insbesondere bei Fragen der Datenhoheit. Wir sind hier in Diskussion mit den Verantwortlichen und im Moment gibt es eine gute Lösung. Wir arbeiten sehr eng mit dem Kantonsspital Baden zusammen. Es hat beim EPD eine Vorreiterrolle eingenommen. Da war es für mich klar, dass wir das Pilotprojekt unterstützen. Unser Engagement macht auch deutlich: Wir als Spitex sind eine verlässliche Partnerin. Und wir sind eine moderne Partnerin.


«Wir setzen auf das elektronische Patientendossier, weil wir Gesundheitsdaten rasch und zuverlässig für unsere Arbeit brauchen.»

Andreas Kaufmann, Geschäftsführer und Vorsitzender der Geschäftsleitung der Spitex Wettingen-Neuenhof


Patient bestimmt, was Spitex sieht

Wie genau funktioniert das Pilotprojekt?
Nehmen wir Sie als Beispiel und gehen davon aus, dass Sie ein elektronische Patientendossier haben und nun unser Kunde werden. Jetzt entscheiden Sie, welche Daten Ihrer Krankengeschichte wir als Spitex einsehen können. Sie bestimmen über jedes Dokument, das wir sehen dürfen. Sie können sogar den Zugriff zu Ihren Informationen auf bestimmte Personen einschränken. Mit dem EPD erhalten wir als Spitex im Wesentlichen Zugang zu jenen Informationen, die wir bei einem Spitalaustritt oder bei einer Überweisung durch eine Ärztin oder einen Arzt auch bekommen. Beispielsweise die Medikationsliste. Einfach alles elektronisch.

Was genau ist dann der Vorteil des EPD?
Dass wir die Daten sofort und ohne Fehler haben. Früher war es so, dass wir Ersteinsätze nach einem Spitalaustritt mit einer Vorlaufzeit von 48 Stunden geleistet haben. Die Frist wurde später auf 24 Stunden verkürzt, ausgenommen waren die Wochenenden. Inzwischen sind wir bei 2 Stunden Reaktionszeit – 7 Tage in der Woche. Solche kurzfristen Ersteinsätze kommen bei uns zwei- bis dreimal je Woche vor. Gerade in solchen Fällen sind wir darauf angewiesen, dass alles tadellos dokumentiert ist und rasch übergeben wird. Zum Beispiel eben die Medikationsliste.

Spitex nimmt sich digitalen Themen an

Als First-Mover gibt es immer auch Kinderkrankheiten. Wie gehen Sie als Organisation damit um?
Im Moment gibt es noch nicht viele Personen, die ein elektronisches Patientendossier haben. Noch weniger sind auf die Unterstützung der Spitex angewiesen. Das Risiko von Kinderkrankheiten ist überschaubar. Beim Ausmerzen werden wir zuvorkommend und kostenlos unterstützt. Unser Mitmachen hat auch Signalwirkung: Damit zeigen wir, dass wir als Spitex-Organisation auch digitale Themen aktiv an die Hand.

Wenn wir Ihre Organisation auf einer Skala von 1 bis 10 bezüglich Digitalisierung verorten wollen. Welche Note geben Sie sich? 10 bedeutet voll digitalisiert.
Ich gebe uns eine 8. Inzwischen sind wir sehr stark digitalisiert. Seit ich die Geschäftsführung 2019 übernommen haben, hat sich unsere Organisation bezüglich Digitalisierung zu einem hochmodernen Unternehmen gewandelt. Wir nutzen ein hochmodernes Warenlagersystem, das Bestellungen bei Bedarf automatisch auslöst. Unsere Telefonie ist auf dem neusten digitalen Stand, das Medikamentenbestellwesen ist digitalisiert, sämtliche Planungstools sind weitgehend papierlos und digital. Seit letztem Jahr sind wir an einem neuen Geschäftssitz. Den Umzug haben wir für einen kräftigen Modernisierungsschritt genutzt.

Wie haben die Mitarbeitenden auf die Ankündigung reagiert, beim Pilotprojekt mitzumachen?
Vor allem vor der Einführung unserer neuen Telefonie hatte ich gewisse Bedenken, dass unsere Mitarbeitenden überfordern könnte. Schnell habe ich gemerkt, dass sie dafür bereit sind – ja sogar eine gewisse Freude mitbringen, das Neue umzusetzen. Jetzt beim EPD war die Reaktion fast schon ein Schulterzucken. Es war allen klar, dass es kommt und dass kein Weg daran vorbeiführt. Es hat keinen Widerstand gegeben.

Pilotprojekt «Hospital at Home»

Sie haben schon ein paar Mal die neue Telefonie erwähnt. Was hat es damit auf sich?
Am alten Standort hatten wir noch eine Telefonzentrale an der Wand hängen. Jetzt ist alles digital. Alle Mitarbeitenden haben ein Smartphone, mit dem sie telefonieren, chatten und Videocalls machen können. Der Quantensprung besteht in der Nutzung dieser Tools im betrieblichen Alltag. Unter anderem das Videocalling werden wir beim Pilotprojekt «Hospital at Home» mit dem Kantonsspital Baden anwenden. Zum Einsatz kommt dann Telemedizin. Und wir übermitteln beispielsweise die akustischen Signale des Stethoskops übers Smartphone direkt ins Spital. Das entsprechende Pilotprojekt wird im September starten. Es dauert zwei Jahre.

Wie verändern digitale Projekte das Berufsbild in der Pflege?
Es ist vor allem für jüngere, hoch qualifizierte Mitarbeitende spannend, solche sehr komplexen Situationen mit modernsten technischen Möglichkeiten zu betreuen. Das fordert sie nochmals auf einem anderen Niveau. Entsprechend machen sie das gerne. Durch diese Entwicklung wird die Durchlässigkeit zwischen ambulanter und akuter Versorgung nochmals besser. Die Grenzen verschwinden zusehends. Das Berufsbild wird nochmals attraktiver.


Elektronisches Patientendossier für Spitex-Organisationen im Kanton Aargau

Vor der kantonsweiten Einführung des EPD wird die Umsetzung zunächst in 4 der insgesamt 36 Spitex-Organisationen getestet. Namentlich sind es die Spitex Regio Frick, die Spitex Wettingen-Neuenhof, die Spitex Fricktal sowie die Spitex Freiamt.


Andreas Kaufmann

leitet seit 2019 die Spitex Wettingen-Neuenhof als Geschäftsführer und Vorsitzender der Geschäftsleitung. Die rund 80 Mitarbeitenden versorgen die Gemeinden Wettingen und Neuenhof mit Spitex-Leistungen.
Vor seinem Spitex-Engagement war Andreas Kaufmann selbstständiger Berater für Change-Prozesse und in verschiedenen Bildungsinstitutionen in leitenden Funktionen tätig.