Im Raum Aarau haben sich zwölf Gemeinden und sechs Spitex-Organisationen in einem intensiven Prozess mit der strukturellen Spitex-Zukunft auseinandergesetzt. Vertreterinnen und Vertreter der Politik gaben den Anstoss zum Projekt «Spitex-Organisation Region Aarau». Die einjährige Analysephase ist nun abgeschlossen. «Für die nächste Phase braucht es die Zustimmung der Gemeinden und der Spitex-Organisationen», sagt Irène Richner-Schellenberg, Projektleiterin des Projekts. «Die zweite Phase wird klären, mit welchen Inhalten die erarbeiteten Begriffe ‘Fusion’ und ‘Kooperation’ gefüllt werden können.»


Wie kam es zum Projekt «Spitex-Organisation Region Aarau»?
Die Initiative kam von den Ressortleiterinnen und -leiter Soziales der Gemeinden und der Stadt . Anstoss für die Diskussion waren insbesondere die steigenden Restkosten der Spitex für die Gemeinden. Man muss wissen, dass der Kanton Aargau bei der öffentlichen Spitex keine Normkosten kennt. Die Gemeinden müssen also Ende Jahr das Defizit decken. Bei den Gemeinden herrscht die Meinung vor, hier gar nicht steuern zu können. In der Folge haben zwölf Gemeinden und sechs Spitex-Organisationen aarau regio überzeugen können, das Projekt in der ersten Phase zu tragen. Nun ist die erste Phase, die Analysephase, abgeschlossen und alle Beteiligten entscheiden, ob sie sich an der nächsten Phase wiederum beteiligen.


«Die Entwicklung der Spitex-Fusionen wird sich fortsetzen.»

Irène Richner-Schellenberg, Projektleiterin, Sektion Organisation und Strategie, Stadt Aarau


Die Politik hat also das Projekt initiiert. Was genau umfasste die erste Phase?
Genau, der Anstoss kam von der Politik. Zunächst muss ich festhalten, dass das Projektziel ja sehr offen gefasst ist. Die Spitex-Landschaft soll so aufgestellt werden, damit bestehende und künftige Herausforderungen besser gemeistert werden können, um den Kundinnen und Kunden gute Leistungen anbieten zu können. Das ist eine sehr offene Formulierung. Sie hat aber auch die Möglichkeit geboten, die Analyse und damit die Ausgangslage sehr breit zu fassen.


aarau regio

aarau regio ist der ehemalige Planungsverbund im Raum Aarau. Die Plattform hat in der Vergangenheit vor allem raumplanerische Fragen und Verkehrsfragen behandelt. Mitglieder sind nicht nur Aargauer Gemeinden, sondern auch fünf Gemeinden des Kantons Solothurn. Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten bilden den Vorstand von Aarau Regio.


Was heisst das konkret?
Wir haben intensiv angeschaut, wie der Spitex-Markt sich derzeit präsentiert. Insbesondere hat uns da die Entwicklung der privaten Spitex-Organisationen interessiert. Weiter haben wir die Organisationen selber angeschaut: Was haben sie für eine Rechtsform, wie sind die Vorstände zusammengesetzt? Haben die Vorstandsmitglieder Pflichtenhefter? Wie sieht es mit der Pflegequalität aus? Die Basis dafür waren die Qualitätsreports, die alle Organisationen regelmässig dem Kanton einreichen müssen. Natürlich wurden auch die Kostenrechnungen der Spitex-Organisationen angeschaut. Wir konnten analysieren, wie sich die einzelnen Spitex-Organisationen über die letzten Jahre entwickelt haben, etwa bezüglich der verrechenbaren Stunden, Wegzeiten, Kosten für Aus- und Weiterbildung etc.

Kennzahlen nur beschränkt vergleichbar

Sind denn die Kennzahlen der verschiedenen Spitex-Organisationen miteinander vergleichbar?
Nur in gewissem Masse und das war ein grosser Knackpunkt bei der Analyse: Die Vergleichbarkeit der Zahlen. Zudem handelt es sich stets um eine Momentaufnahme.

Was hat die Erarbeitung der Analyse gebracht?
Es konnte viel Wissen und mit der Zeit auch Vertrauen aufgebaut werden. Mit Wissen meine ich nicht nur die Erkenntnisse aus unseren Untersuchungen, wie ich sie vorhin beschrieben habe. Sondern auch, beispielsweise auf Seiten der Gemeindevertreter, ein vertieftes Wissen, wie Spitex-Organisationen funktionieren, was der Auftrag einer Gemeinde ist, was jener der öffentlichen Spitex-Organisation. Zudem wurde auch deutlich, wie eine Gemeinde Einfluss aufs Wirken einer Spitex-Organisation nehmen kann. Es gab auch intensive Diskussionen über die verschiedenen Rollen. Hier wurde insbesondere die Frage diskutiert, wie sinnvoll es etwa ist, dass Gemeindevertreter in den Vorständen von Spitex-Organisationen sitzen.

Was haben Sie dann mit den Erkenntnissen der Ausgangslage gemacht?
In einem nächsten Schritt haben wir gemeinsam ein Zielbild definiert. In mehreren Workshops haben wir erarbeitet, was wir in der nächsten Phase weiter entwickeln wollen. Es haben sich dabei die beiden gleichwertigen Varianten «Fusion» und «Kooperation» herauskristallisiert. Im Moment sind beides Begriffe – noch ohne konkreten Inhalt. In der nächsten Phase wird geklärt werden müssen, was «Fusion» und was «Kooperation» bedeuten kann. Es ist nicht definiert, ob und wer fusioniert. Ebenfalls ist offen, ob und in welchen Bereichen kooperiert wird.

Zahlen legt nur offen, wer sich vertraut

Die erste Phase hat rund ein Jahr gedauert. Für eine Auslegeordnung mit vertiefter Analyse scheint mir das eine lange Zeit.
Das stimmt. Tatsächlich wäre das Ziel gewesen, die Zielbilder bereits konkreter ausgearbeitet zu haben. Einerseits verzögerten sich die Arbeiten aufgrund der Corona-Situation. Andererseits muss man sehen: Es waren viele Beteiligte, die sich in dieser Runde vorher noch gar nie gesehen, geschweige denn zusammengearbeitet hatten. Es brauchte einfach Zeit, beispielsweise auch um Zahlen offenzulegen. Das macht nur, wer einander vertraut. Am Tisch sassen achtzehn Personen, die unterschiedliche Interessen vertreten. Bei Spitex-Organisationen gab es zunächst gewisse Vorbehalte. Ich hatte den Eindruck, die Befürchtung war, dass es den Gemeinden bloss um die Kosten ginge. Seitens Gemeinden machte ich zu Beginn eine gewisse Skepsis aus, ob Spitex-Organisationen wirklich gut und effizient arbeiteten.

Wie konnten Sie diese Spannungen lösen?
Mit vielen Gesprächen. Über bestimmte Fragen, beispielsweise welchen Auftrag eine Spitex-Organisation hat, haben wir mehrfach diskutiert. Auch wie bestimmte Kennzahlen zu verstehen sind. Wir sind nicht ganz so weit gekommen, wie wir uns das ursprünglich vorgenommen hatten. Doch am Ende haben wir ein Ergebnis – und wir haben ein gemeinsames Verständnis. Das ist sehr wertvoll. Und das macht mich auch ein bisschen stolz, dass wir alle gemeinsam dieses Ziel erreicht haben und eine gute Basis für die weitere Projektphase geschaffen haben

Entscheid nach jeder Projektphase

Machen alle Spitex-Organisationen und Gemeinden mit bei der nächsten Phase?
Das ist noch offen. Das Projekt ist so angelegt, dass alle Beteiligten nach jeder Projektphase sagen können, ob sie bei der nächsten Phase wieder mit dabei sind. Es braucht also jeweils einen Gemeinderatsbeschluss oder einen Vorstandsbeschluss.

Wie sieht der Zeitplan aus?
Ich erwarte in diesen Tagen die Rückmeldungen der Beteiligten. Bis im Sommer sollen die Begriffe «Fusion» und «Kooperation» mit Inhalten gefüllt werden sowie deren Vor- und Nachteile ausgearbeitet werden. Es folgt eine weitere Entscheidungsrunde. In der übernächsten Phase geht es dann um die Ausarbeitung der Details. In Zukunft wird die Projektsteuerung nicht mehr bei aarau regio liegen. Zu Beginn war diese Trägerschaft sehr hilfreich, doch es gibt verschiedene Mitgliedgemeinden von aarau regio aus dem Kanton Solothurn, die nicht am Projekt beteiligt sind. Darum diese Entflechtung.

Wie viele Einwohnerinnen und Einwohner würden versorgt, wenn alle Spitex-Organisationen fusionieren würden?
Im Einzugsgebiet der zwölf Gemeinden leben rund 80’000 Menschen.

Gewisse Organisationsgrösse wichtig für Attraktivität

Wie wird sich die Spitex-Landschaft in den nächsten Jahren im Kanton Aargau entwickeln?
Ich erwarte, dass sich die Entwicklung der Fusionen fortsetzen wird. Es scheint mir sinnvoll, dass man beginnt, in grösseren geografischen Räumen zu denken. So kann man sich auch attraktiver machen als Organisation. Für gewisse Entwicklungen braucht es einfach eine bestimmte Grösse. Ich denke da an die veränderten Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden, an Spezialisierungen oder auch an neue Leistungen. Und natürlich auch an die Rolle als Arbeitgeberin seitens Spitex-Organisation. Eine gewisse Organisationsgrösse bietet andere Möglichkeiten als ein Kleinbetrieb. Die Folge wäre, dass die Zusammensetzung der strategischen Führung mancherorts professioneller wird. Ich wünsche mir, dass Spitex-Organisationen in Zukunft auch in Richtung integrierte Versorgung weiterdenken. Im Kanton Aargau gibt es erste Überlegungen zu integrierten Versorgungsregionen. Und auch die Einführung von Normkosten für die öffentliche Spitex sind ein Thema.

Was empfehlen Sie den Spitex-Organisationen?
Es ist weder meine Rolle noch meine Aufgabe, Empfehlungen auszusprechen. Ich kann nur wiederholen, was mir verschiedene Projektbeteiligten gesagt haben: Die erste Projektphase habe geholfen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und es konnte Vertrauen entstehen. Damit sind wichtige Grundlagen entstanden, die helfen, die Zukunft aktiv zu gestalten.


Beteiligte Spitex-Organisationen und Gemeinden (Klicken zum Vergrössern)

Irène Richner-Schellenberg

ist seit 2019 Projektleiterin in der Sektion Organisation und Strategie bei der Stadt Aarau und begleitet in dieser Funktion das Projekt «Spitex-Organisation Region Aarau». Von 2014 – 2019 leitete sie den Bereich «Geschäfte und Projekte» im Departement Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau und hatte die Funktion als stellvertretende Generalsekretärin inne.

Davor war Irène Richner-Schellenberg in verschiedenen Organisationen als Leiterin Kommunikation tätig, so bspw. beim Bildungsdepartement des Kantons Aargau, dem Branchenverband Swissnuclear oder der Sicherheitsdirektion des Kantons Zürich.