Die RegioSpitex Limmattal geht gerne unkonventionelle Wege: Mal wird ein Defibrillator medienwirksam in der Öffentlichkeit platziert. Mal werden Corona-Gutscheine zu Weihnachten verschenkt, die nebenbei noch das lokale Kleingewerbe kräftig unterstützen. Natürlich sucht auch Geschäftsleiter Manfred S. Hertach nach Personal. Doch er versucht mit dieser Situation möglichst pragmatisch umzugehen. «Entweder man zerbricht sich den Kopf und macht sich krank – oder man lernt, mit der Situation zu leben. Letzteres ist meiner Meinung nach gesünder», sagt er.

Manfred S. Hertach: Die RegioSpitex Limmattal stellt der Bevölkerung einen Defibrillator zur Verfügung. Wie kam es dazu?
Die Idee kam kurz nach meinem Stellenantritt bei der RegioSpitex Limmattal. Damals ging es um die Koordination der regelmässig wiederkehrenden Refresher Kurse in erster Hilfe und Reanimation. In diesem Rahmen analysierte ich auch die Infrastruktur unserer Geschäftsstelle. Zuerst wollte ich nur einen Defibrillator in der Geschäftsstelle installieren, falls jemand intern ein medizinisches Problem haben sollte. Doch ich begann, in einem grösseren Kontext zu denken. Die meisten unserer rund hundert Mitarbeitenden haben eine pflegerische Ausbildung, alle sind in erster Hilfe und Reanimation geschult. Ein Blick auf die Karte, auf der alle öffentlich zugänglichen Defibrillatoren eingezeichnet sind, zeigte einen grösseren leeren Fleck im Raum Dietikon. Da war der Fall klar: Der Defibrillator soll auch der Bevölkerung ausserhalb der Geschäftsstelle zugutekommen, nicht nur uns. Im Notfall gibt es ein Gerät und ausgebildete Ersthelferinnen und Ersthelfer. Als ehemaliger Rettungssanitäter war mir dieses Thema aber auch eine Herzensangelegenheit. Den Defibrillator konnten wir aus dem Fonds finanzieren.


«Ich habe noch eine sehr lange Liste mit Ideen – und ein geniales Team, das sich einbringt.»

Manfred S. Hertach, Geschäftsleiter RegioSpitex Limmattal


Freude für Mitarbeitende, Unterstützung von Kleingewerbe

Sie haben auch mit 100-Franken-Gutscheinen für die Mitarbeitenden von sich reden gemacht. Wie kamen Sie auf die Idee?
Wir machen unseren Mitarbeitenden jedes Jahr ein Weihnachtsgeschenk. In der Geschäftsleitung wurden Ideen für mögliche Geschenke gesammelt. Das Geschenk sollte attraktiv sein und ihnen eine gewisse «Auswahl» ermöglichen. Wir sind Teil des regionalen Gesundheitsnetzwerks und ebenso Teil des regionalen Gewerbes. Unter dem Slogan «mitenand und fürenand i de Region» haben wir eine Liste von kleinen Gewerbebetrieben gemacht, die nachweislich vom Corona-Lockdown betroffen waren. Die Mitarbeitenden konnten als Weihnachtsgeschenk einen Gutschein aus dieser Liste auswählen. So konnten wir den Mitarbeitenden eine Freude machen und gleichzeitig das Kleingewerbe in der Region unterstützen. Die Feedbacks waren von allen Seiten durchwegs positiv. Wir konnten eine Win-Win-Situation schaffen. Dieser Prozess verdeutlicht unsere grundsätzliche Arbeitsweise: Wir haben eine Idee, entwickeln sie mit Inputs von verschiedenen Seiten weiter, wechseln die Perspektive, erweitern den Kontext und probieren einfach aus. Wir arbeiten in der RegioSpitex Limmattal sehr iterativ und inkrementell. Das ist eine Stärke von uns.  

Sie machen auch Werbung mit Plakaten. Was bewirbt ihre Organisation?
Bei der Plakatkampagne geht es um die positive Präsenz unserer Organisation. Wir müssen uns gegen verschiedene Mitbewerber durchsetzen, um unsere Marktanteile zu sichern. Die RegioSpitex Limmattal ist eine wichtige Partnerin im Gesundheitsnetzwerk Limmattal und arbeitet eng mit dem Spital Limmattal, den Hausärzten, anderen Zuweisenden und den Apotheken zusammen. Wir sind regional verankert und beschäftigen professionell ausgebildetes Personal. Zudem sind wir eine moderne und attraktive Arbeitgeberin. Es ist uns wichtig, dass man uns auch so wahrnimmt. Unseren Kundinnen und Kunden möchten wir mit der Kampagne vermitteln, dass sie bei uns in guten Händen sind und ihre Lebensqualität unser Auftrag ist. Zufriedene sowie optimal gepflegte und betreute Kundinnen und Kunden sind für uns das oberste Ziel.

Gutes, emotionales Bild abgeben

Neben der Plakatwerbung ist Ihre Organisation auf Social Media, auf Youtube und schreibt regelmässig einen Blogbeitrag. Welche Ziele wollen Sie mit dieser Präsenz erreichen? 
Mit der Präsenz in den sozialen Medien sprechen wir unterschiedliches Zielpublikum an. Dazu gehören auch potenzielle Mitarbeitende. Sie sollen sich vor und während der Rekrutierung ein möglichst gutes, emotionales Bild von uns machen können. Wir stellen uns als professionelle, moderne und attraktive Arbeitgeberin dar. Zudem nimmt der Anteil der «digital immigrants» auch bei unseren Kundinnen und Kunden rasant zu. Ältere Menschen werden durch Familienangehörige beeinflusst und entdecken so neue Kanäle. Die meisten Kundinnen und Kunden haben Kinder, Enkelkinder und Ur-Enkel. Diese «digital natives» entdecken uns als Organisation möglicherweise in den sozialen Medien und transportieren die Botschaften an unsere Kundinnen und Kunden weiter.

Wie finanzieren Sie alle diese Massnahmen? Was sagen die finanzierenden Gemeinden dazu?
Fast alle Massnahmen laufen aktuell noch über mich als Geschäftsleiter. Ich bin zwar weder Kommunikationsfachmann noch Socia-Media-Experte. Doch zwei meiner vier Kinder sind im Teenageralter. Am Küchentisch lerne ich viel von ihnen – sie sind absolute Experten! Ich probiere gerne neue Dinge aus! Funktioniert etwas, mache ich weiter und optimiere es laufend – falls nicht, probiere ich etwas anderes aus. Die Kosten für diese Massnahmen sind bescheiden. Zudem habe ich das Glück, dass uns die Gemeinden immer unterstützen, wenn eine Idee nachweislich Erfolg hat. Sie vertrauen uns und wissen, dass wir sehr sorgfältig mit dem Geld der öffentlichen Hand umgehen.

Nachtspitex kann weitergeführt werden

A propos Geld: Grosses Thema in Ihrer Region ist die neue Nachtspitex. Wie wird diese finanziert?
Die Nachtspitex Limmattal ist ein grosses und wichtiges Projekt für den Bezirk Dietikon und damit auch für die RegioSpitex Limmattal. Insgesamt vier Spitex-Organisationen und elf Gemeinden waren am Projekt beteiligt. Der operative Lead ist bei uns, die anderen Spitex-Organisationen haben auf strategischer Ebene mitgearbeitet. Die Krankenkassen zahlen den üblichen Tarif, die Gemeinden übernehmen die Mehrkosten, die in der Nacht entstehen. Es hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass ein Nachtspitex-Angebot Kosten reduzieren kann. Etwa wenn durch wenige Nachteinsätze eine Kundin oder ein Kunde länger zu Hause bleiben kann. Ein stationäres Setting wäre viel teurer. Während der dreijährigen Pilotphase haben wir aufgezeigt, dass der vereinbarte Tarif kostendeckend ist und der operative Betrieb funktioniert. Im Februar fiel nun der Entscheid, dass wir die Nachtspitex definitiv weiterführen können. Damit haben wir die letzte offene Lücke in der ambulanten Pflege und Betreuung bei den Kundinnen und Kunden zu Hause geschlossen.

Mit der Situation leben lernen

Wie gehen Sie mit dem konstanten Mangel an Personal um?
Ich bin nun seit über zwanzig Jahren im Gesundheitswesen. Der Fachkräftemangel ist nichts Neues, er verschärft sich aber spürbar. Es gibt kaum eine Gesundheitsinstitution, die kein Personal sucht. Natürlich suchen auch wir Personal. Aber: Entweder man zerbricht sich den Kopf und macht sich krank – oder man lernt, mit der Situation zu leben. Letzteres ist meiner Meinung nach gesünder. Das Problem ist vielschichtig. Es hilft wenig, ständig darüber zu debattieren und Schuldige zu suchen. In der RegioSpitex Limmattal stehen wir ein für eine gesunde Arbeitsumgebung, arbeiten am Zusammenhalt und versuchen, neue Mitarbeitende zu finden, die zu uns passen. Es ist ein ständiges Ausloten: Was können wir den Mitarbeitenden Gutes tun? Wo stossen wir als Organisation an unsere Grenzen? Dabei wollen und müssen wir alle Mitarbeitenden gleich behandeln. Wir setzen auf ein gutes Arbeitsklima, die Möglichkeit, sich langfristig entwickeln zu können, eine wertschätzende Unternehmenskultur, zeitgemässe Anstellungsbedingungen und so viel Ausbildung wie nur möglich. Wir arbeiten zudem intensiv an unseren Prozessen. Durch einwandfreie Prozesse haben wir zwar nicht mehr Personal – aber wir setzen es produktiver ein. Zudem wirken sich schlanke, intelligente Prozesse positiv auf die Zufriedenheit der Mitarbeitenden aus. Davon profitieren auch unsere Kundinnen und Kunden.      

Was dürfen wir in naher Zukunft noch von Ihrer Organisation erwarten?
Hahaha, da bin ich selbst gespannt! Wir arbeiten mit viel Freude und Engagement weiter. Die Pandemie hat uns gefordert und gleichzeitig gezeigt, wozu wir als Organisation fähig sind. Ich habe noch eine sehr lange Liste mit Ideen – und ein geniales Team, das sich einbringt. Mit den richtigen Leuten und guten Inputs kann auch aus einer mittelmässigen Idee eine Innovation entstehen, die uns vorwärtsbringt. Ich freue mich jedenfalls auf alles, was kommt.


Manfred S. Hertach

ist seit Mai 2020 Geschäftsleiter der RegioSpitex Limmattal. Die Organisation versorgt mit rund 100 Mitarbeitenden ein Gebiet mit etwa 58’000 Einwohnern in den Gemeinden Dietikon, Schlieren und Urdorf. Pro Jahr werden über 1100 Kundinnen und Kunden mit Spitexleistungen bedient.
Vor seinem Engagement bei der RegioSpitex Limmattal war Manfred S. Hertach in verschiedenen Spitälern in leitender Funktion tätig. Er hat nach seiner Ausbildung als Pflegefachmann DN2/HF Weiterbildungen in der Anästhesie, im Rettungsdienst, in Management und in Wirtschaftspsychologie absolviert.