SHIP standardisiert Daten im Gesundheitswesen. Heute werden immer auch noch Daten mit Fax, Telefon oder brieflich ausgetauscht. Neu sollen sich die Softwaresysteme von Spitex-Organisationen, Hausarztpraxen, Spitälern, Krankenversicherungen und Behörden rasch und zuverlässig digital unterhalten können. «Aktuell sind verschiedene Spitex-Software-Anbieter dabei, den Standard in ihrer Software zu integrieren. Ab Herbst 2022 erfolgt der Rollout», sagt Michael Stutz, Leiter SHIP bei der Sasis AG. «Dann können erste Spitex-Organisationen den Prozess nutzen und profitieren.»

Was heisst SHIP und was steckt hinter dieser Idee?
Michael Stutz: SHIP steht für Swiss Health Information Processing und standardisiert die administrativen Prozesse im Gesundheitswesen. Das Ziel von SHIP ist, administrative Daten zu vereinheitlichen und gleichzeitig ausgewählte Prozesse zu harmonisieren. Heute werden zum Teil noch Daten von Kundinnen und Kunden mit Fax, Telefon oder sogar noch brieflich ausgetauscht. Das ist sehr aufwändig und auch wegen des Datenschutzes problematisch. Neu werden sich die Softwaresysteme von Spitex-Organisationen, Krankenversicherungen, Hausarztpraxen, Spitälern und Behörden rasch, sicher und zuverlässig unterhalten und Informationen austauschen können.


«Im Herbst können erste Spitex-Organisationen den neuen Standard nutzen.»

Michael Stutz, Leiter SHIP bei der SASIS AG


Sie wollen einen digitalen Standard im Gesundheitswesen etablieren. Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Datenformat tatsächlich «der» Standard wird?
Wir arbeiten eng mit der Standardisierungsorganisation eCH zusammen. eCH fördert, entwickelt und verabschiedet Standards im Bereich E-Gouvernement.

Fachkonzepte mit dem Siegel «eCH-Standard»

Wie gehen Sie konkret vor?
Wir investieren viel Zeit und Energie in die Harmonisierung der Prozesse mit allen Beteiligten. In Arbeitsgruppen sitzen Leistungserbringer – also auch Vertreter der Spitex –, Krankenversicherungen und Kantone. Sie definieren zusammen zunächst die gemeinsame Sprache, in einem nächsten Schritt entstehen Fachkonzepte. Die Fachkonzepte reichen wir bei der eCH ein. Hier prüft sie das Expertengremium «Administration Gesundheitswesen». eCH gibt sie nach öffentlicher Konsultation durch den eCH-Expertenausschuss frei. Erst jetzt erhält das Fachkonzept das Siegel «eCH-Standard», der fortan für die ganze Schweiz gilt. Auch im Expertengremien bei eCH sitzen Vertreterinnen und Vertreter von Leistungserbringern, Versicherungen und Kantonen.

Sie wollen den «administrativen Datenaustausch» vereinfachen. Was heisst das konkret?
Wir konzentrieren uns auf die administrativen Abläufe zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern – also beispielsweise zwischen Spitex-Organisationen und Krankenkassen. Der medizinische Datenaustausch gehört nicht zu unserer Aufgabe. Bei uns geht es zum Beispiel um die Falleröffnung und die Sicherstellung des richtigen Kostenträgers, um die Kostengutsprache sowie die Überprüfung der Bedarfsmeldung. Konkret: Erhält eine Hausärztin von einer Spitex-Organisation eine Bedarfsmeldung, kann sie diese prüfen und digital freigeben. Dadurch werden automatisch die Spitex-Organisation und der entsprechende Krankenversicherer über diese Freigabe informiert. So ist sichergestellt, dass alle Beteiligten über alle relevanten Informationen verfügen. Wir harmonisieren und standardisieren nicht nur den Meldungsaustausch, sondern auch den ganzen administrativen Prozess.

Drastische Reduktion von Fehlern

Die Digitalisierung eines solchen Prozesses ist nur möglich, wenn die Spitex-Software-Anbieter mitmachen. Wie bringen Sie solche Unternehmen dazu, bei der Standardisierung mitzuwirken?
Auch die Anbieter von Spitex-Software haben ein Interesse, dass ihre Kunden – also die Spitex-Organisationen – ihre Prozesse einheitlich, effizient und sicher abwickeln können. Damit werden die Spitex-Organisationen von all den mühsamen Rückfragen per Telefon, per Fax, per Post oder via E-Mail befreit. Die Anzahl Fehler wird drastisch reduziert. Digitalisierung dient nicht dem Selbstzweck, sondern muss sich durch den Nutzen für alle Beteiligten legitimieren.

Wie verhält sich SHIP zu OPAN?
OPAN hilft, Patienten einer Spitex-Organisation zuzuweisen. Danach muss der Fall eröffnet werden. Hier kommt nun SHIP ins Spiel – so wie wir das vorhin besprochen haben. In ferner Zukunft wäre vielleicht sogar sinnvoll, die beiden Systeme miteinander zu verknüpfen. Wir stehen auch bereits in Kontakt mit OPAN.

Wir haben vorher vom ganzen administrativen Prozess gesprochen, den Sie harmonisieren wollen. Hausarztpraxen sind nicht dafür bekannt, dass sie digitale Vorreiter sind. Wie gehen Sie damit um?
Die Software von Hausarztpraxen ist noch nicht in unserem Prozess integriert. Im Moment ist es so, dass ein Hausarzt seine Freigabe per verschlüsselter E-Mail erteilt. Wir arbeiten ein Themenfeld nach dem anderen ab. Gestartet haben wir mit der Kostengutsprache im stationären Bereich, es folgte der Prozess «Bedarfsmeldung» Spitex. Dann kam «Spital ambulant» an die Reihe. Danach kommen weitere ambulante Leistungserbringergruppen dazu, beispielsweise die Physiotherapeuten, Hausarztpraxen, etc.

Pilotprojekt ist abgeschlossen

Wo steht Ihr Harmonisierungsprozess im Bereich Spitex aktuell?
Wir haben mit den Spitex-Organisationen Stadt Luzern, Zürich Limmat und Zürich Sihl ein Pilotprojekt durchgeführt. Der eCH-Prozessstandard Pflege für Spitex – er trägt die Nummer 0237 – ist freigegeben. Aktuell sind verschiedene Spitex-Software-Anbieter dabei, den Standard in ihrer Software zu integrieren. Ich gehe davon aus, dass ab Herbst 2022 der Rollout erfolgen kann. Das bedeutet, dass die ersten Spitex-Organisationen den standardisierten Prozess nutzen können. Die Krankenversicherungen sind ebenfalls dabei, den Pflegeprozess zu integrieren.

Was für einen Aufwand hat dann eine einzelne Spitex-Organisation, wenn sie von der Harmonisierung profitieren will?
Wenn die Spitex-Organisation mit einem Software-Anbieter arbeitet, der SHIP unterstützt, gibt es keinen zusätzlichen technischen Aufwand. Fachlich müssen die Personen aber für die Anwendung der neuen Prozesse geschult werden. Dann ist die Arbeit bereits gemacht – alle Systeme und Prozesse sind harmonisiert und alle können vom Nutzen profitieren.

Wie finanziert sich SHIP?
Wer künftig SHIP nutzt, bezahlt eine Lizenzgebühr. Diese ist dem Nutzen entsprechend tief, um möglichst viele Teilnehmende im Netzwerk zu haben. Es geht darum, einen wichtigen Schritt in der Digitalisierung des Gesundheitswesens zu machen und diesen laufend weiterzuentwickeln. Die Branche der Krankenversicherer, inklusive des Verbands santésuisse, leistet selber Investitionen, damit das Gesundheitswesen in der Schweiz puncto Digitalisierung endlich einen Schritt vorwärtskommt.


Spitex-Verbände unterstützen SHIP

Die beiden nationalen Spitex-Verbände unterstützen die Entwicklung von SHIP. «Spitex Schweiz setzt sich bei der Erarbeitung der Standards für die Bedürfnisse der Branche ein. SHIP wird die administrativen Prozesse bei der Bedarfsmeldung vereinfachen und beschleunigen», sagt Cornelis Kooijman, stv. Geschäftsführer bei Spitex Schweiz. «Der ASPS beobachtet die Digitalisierung im Gesundheitswesen genau und unterstützt zukunftsweisende Projekte. SHIP gehört dazu», sagt Marcel Durst, Geschäftsleiter Association Spitex privée Suisse ASPS.


Michael Stutz

ist seit 2020 Leiter SHIP bei der SASIS AG und dort Mitglied der Geschäftsleitung. Vor seinem Engagement für SHIP war er Head of IT Transformation bei der Zurich Insurance Company, davor im Universitätsspital Zürich als Projektleiter und bei Helsana in verschiedenen Funktionen.