Cover Studie Spitex Region Birs
Martin Radtke Studie

Ambulante Versorgung ist für Gemeinden finanziell attraktiv

Die Spitex Region Birs hat durch die Fachhochschule Nordwestschweiz untersuchen lassen, wie sich die Strategie «ambulant vor stationär» für Gemeinden finanziell auswirkt. «Es ist für die Gemeinden finanziell interessanter, wenn eine Spitex-Organisation Hauswirtschafts- und Betreuungsleistungen erbringt und nicht ein Alters- und Pflegeheim», sagt Titus Natsch, Direktor der Spitex Region Birs. «Hauswirtschaft und Betreuung wird in Zukunft an Bedeutung zunehmen. Unsere Organisation ist bereit, sich jetzt und in Zukunft für diese Bereiche stärker einzubringen.» Denn mit den aktuellen Instrumenten und Ressourcen sei eine ambulante Versorgung bis ins Jahr 2040 nicht gewährleistet.

Sie haben eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Kosten der ambulanten und stationären Versorgung miteinander vergleicht. Warum diese Studie?
Titus Natsch: Die Strategie «ambulant vor stationär» wird immer mehr umgesetzt. Doch es gibt kaum eine Studie, welche die Kosten dieser Strategie aus Sicht der Gemeinden genauer analysiert. Mit der nun vorliegenden Studie wollen wir einen Beitrag zum besseren Verständnis für die Kommunalpolitikerinnen und -politiker leisten. Nun gibt es Datengrundlagen und die Diskussion kann auf Fakten basieren. Durch die Studie haben die Gemeinden ein Instrument zur Hand das ihnen aufzeigt, wie sie sparen können: Indem sie beispielsweise mehr auf die ambulante Versorgung setzen.


Titus Natsch

«Hauswirtschaft und Betreuung wird an Bedeutung zunehmen. Wir sind bereit, uns für diese Bereiche stärker einzubringen.»

Titus Natsch, Direktor Spitex Region Birs Gmbh


Verzerrte Sichtweise

Beide Versorgungsformen, ambulant wie stationär, haben ihre Eigenheiten. Werden in der Studie nicht Äpfel mit Birnen verglichen?
Die Studie vergleicht die effektiven Kosten, die der Gemeinde entstehen. Wenn Einwohnerinnen und Einwohner länger in den eigenen vier Wänden leben, haben die Gemeinden einen finanziellen Vorteil. Wir sprechen hier noch gar nicht über die Pflegequalität und auch nicht über den Wunsch vieler Menschen, zu Hause bleiben zu wollen. Viele Gemeinden sind finanziell an «ihrem» Alters- und Pflegeheim beteiligt, darum ist die Sichtweise oft verzerrt. Die höchsten Kosten aber sind die Ergänzungsleistungen, welche die Gemeinden bei jedem Aufenthalt bezahlen.

Was sind die drei wichtigsten Erkenntnisse der Studie?
Es sollten – erstens – Menschen nicht vor der BESA-Pflegestufe 4 bis 5in ein Alters- und Pflegeheim eintreten. Das bedeutet, Pflege und Unterstützung bis etwa eineinhalb Stunden am Tag sollte ambulant erbracht werden. Zweitens können Gemeinden viel Geld sparen, wenn sie mithelfen, dass Menschen möglichst lange zu Hause leben können, wenn sie die Hauswirtschaftsleistungen und die Betreuung zu Hause finanziell unterstützen. Die Studie zeigt drittens, dass die Menschen einen geringeren Vermögensverzehr haben, wenn sie länger zu Hause wohnen bleiben. Das ist für die Gemeinden finanziell interessant: Denn diese Vermögen müssen versteuert werden. Mir persönlich war dieser Aspekt nicht bewusst. Doch unsere Studie hat gezeigt, dass dies ein wichtiger Faktor ist.

Gemeinden bezahlen enorme Summen für Hotellerie

Wo ist die Spitex im Vergleich zu einer stationären Versorgung kostengünstiger?
Ich muss nochmals betonen: Wir sprechen von den Kosten für die Gemeinden. Da ist die Spitex im Bereich Hauswirtschaft und Betreuung günstiger. Den grössten Teil der Pflegekosten übernehmen ja die Krankenkassen. Die Gemeinden finanzieren die Restkosten; abzüglich dem Selbsthalt, den die Betroffenen selbst begleichen. Die Studie macht deutlich, dass die Gemeinden bei weniger vermögenden Menschen, über Ergänzungsleistungen für Hotellerie und Betreuung enorme Summen bezahlen, wenn sie im Alters- und Pflegeheim wohnen.

Nicht alle würden den Bereich «Hauswirtschaft und Betreuung» zur Kernaufgabe einer Spitex-Organisation zählen…
Die Studie «Kosten und Finanzierung für eine gute Betreuung im Alter in der Schweiz» der Paul Schiller Stiftung macht deutlich, dass dieser Bereich entscheidend dafür ist, ob jemand selbstständig zu Hause leben kann oder nicht. Es ist wichtig, dass solche Leistungen angeboten werden. Und dass Menschen solche Leistungen auch bezahlen können. Im Gegensatz zu den Pflegekosten sind Gemeinden nicht verpflichtet, Hauswirtschafts- und Betreuungsleistungen mitzufinanzieren. Doch unsere Studie zeigt nun, dass es aus finanzieller Sicht sinnvoll ist, wenn Gemeinden hier entsprechende Angebote unterstützen. Die Gemeinde Reinach denkt darüber nach, genau dies zu tun. Das scheint mir der richtige Weg: Der ausgewiesene Bedarf nach Hauswirtschafts- und Betreuungsleistungen erbringt die Spitex. Wenn sich das jemand nicht leisten kann, hilft die Gemeinde.

Spitex braucht mehr höher qualifiziertes Personal

Wo ist ein Alters- und Pflegeheim kostengünstiger für eine Gemeinde im Vergleich zur Spitex?
Erstaunlicherweise bei Pflegeleistungen. Das hat mich auf den ersten Blick überrascht. Doch wenn man die Aussage genauer analysiert, stellt man folgendes fest: Bei der ambulanten Versorgung ist ein grosser Teil der Leistungen nicht verrechenbar und entsprechend nicht durch die Krankenkassen finanziert. Das sind konkret die Wegkosten. Sie fallen bei der Spitex an – in einer Institution natürlich nicht. Wegkosten bezahlt die Gemeinde. Auch einen grossen Teil der administrativen Kosten, die leider immer weiter steigen, muss die Gemeinde berappen. Ein anderer Aspekt sind die Personalkosten. Wegen der Fallpauschalen entlassen die Spitäler ihre Patientinnen und Patienten früher. Die nachgelagerte medizinische Versorgung ist anspruchsvoll und braucht entsprechend hoch qualifiziertes Personal. Der Auftrag eines Alters- und Pflegeheims ist anders gelagert. Entsprechend braucht es in der Regel weniger hoch qualifiziertes Personal.

Stichwort Administration: Macht die Spitex zu gern Administration? Oder warum steigen die Kosten dafür?
Wahrscheinlich mag niemand Administration! Doch wir werden sehr engmaschig durch die Krankenkassen überwacht. Das finde ich grundsätzlich in Ordnung. Freilich müssen wir immer öfter ganze Dossiers einreichen, die akribisch bis ins letzte Detail kontrolliert werden. Bei der Spitex Region Birs arbeiten wir vollelektronisch. Dennoch nimmt der Aufwand stets zu. Denn jeder einzelne Handgriff muss in der Verlaufsdokumentation beschrieben sein. Diese Rapportierung ist sehr aufwändig und sehr teuer. Ich würde die Energie und Zeit lieber woanders investieren.

Gefragt sind innovative Ansätze

Wo denn?
Es gibt Menschen, die könnten gut noch selbstständig zu Hause leben. Doch das geht manchmal nicht, weil sie beispielsweise nicht mehr in der Lage sind, ihre Rechnungen zuverlässig zu bezahlen. Oder weil die Angehörigen sich uneins sind, wer welchen Unterstützungsaufwand auf die Dauer leisten kann und soll. Zusammen mit der Gemeinde Reinach sind wir dabei, bei der Spitex eine Stelle für eine Case-Managerin einzurichten. Sie wird den Auftrag haben, in den oben beschriebenen Fällen die Fäden in die Hand zu nehmen und Lösungen zu entwickeln. Es braucht noch viel mehr solche innovativen Ansätze. Machen wir uns nichts vor: Mit den aktuellen Instrumenten und Ressourcen ist die ambulante Versorgung bis ins Jahr 2040 nicht gewährleistet. Das soziale Engagement im weiteren Sinn wird an Bedeutung zunehmen.

Muss dies eine künftige Aufgabe einer Spitex-Organisation sein?
Müssen nicht. Doch es macht Sinn. Wir sind bereits vor Ort. Wir kennen die Leute und ihre Bedürfnisse. Wir sind Spezialistinnen und Spezialisten für die Unterstützung bei den Menschen zu Hause. Wir sind bereit, uns noch stärker in diese Richtung zu entwickeln.

Eine solche Entwicklung braucht nochmals mehr Personal. Was hat die Spitex Region Birs hier für ein Patentrezept?
Leider keines. Wir hoffen auf die Umsetzung der Pflegeinitiative. Ich bedaure, dass die Massnahmen zuerst bei der Ausbildung ansetzen und die Arbeitsbedingungen zurückstellen. Logischer wäre, wenn zuerst die Verbesserung der Arbeitsbedingungen an die Hand genommen würde. Ich sehe die Gefahr, dass wir mit viel Aufwand Menschen für eine Ausbildung in die Pflege begeistern können. Doch diese gleich wieder verlieren, weil die Arbeitsbedingungen immer noch zu wenig attraktiv sind. Bleiben wir positiv und freuen uns, dass es endlich vorwärts geht.


Wichtige Erkenntnisse der FNHW-Studie «Die Spitex – Gewinn für die Gemeinden auf allen Ebenen?»


Titus Natsch

leitet seit ihrer Gründung 2014 die Spitex Region Birs GmbH, die aus den Spitex-Organisationen Reinach, Birstal und Dornach hervorgegangen ist. Titus Natsch führte die Spitex Reinach bereits seit 2006. Die Spitex Region Birs GmbH versorgt mit 140 Mitarbeitenden sieben Basel-Land-Gemeinden und die Solothurner Gemeinden Dornach, Gempen und Hochwald. Im Einzugsgebiet leben rund 45’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Zudem führt Titus Natsch mit seinem Management-Team seit 2012 die Spitex Pratteln-Augst-Giebenach GmbH mit rund 60 Mitarbeitenden, die drei Gemeinden mit rund 18’000 Einwohnerinnen und Einwohner versorgt.
Vor seinem Spitex-Engagement war Titus Natsch Berater für Organisationsentwicklung. Zudem war er in der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege in führenden Positionen tätig. Er übernimmt auch heute noch vereinzelte Beratungsmandate im Gesundheitswesen, im ambulanten und stationären Bereich.