«Mann liegt nach Sturz bewusstlos auf dem Boden – seine Apple Watch ruft die Rettungskräfte», titelt der Stern. «Apple Watch rettet Mann das Leben – gleich zwei Mal», schreibt Blogger Kägler in einem Beitrag. Solche und ähnliche Schlagzeilen häufen sich. Digitale Helfer unterstützen die Menschen und können vor Schäden bewahren. Auch im Pflegebereich nehmen digitalen Helfer Einzug und sind eines Tages vielleicht nicht mehr wegzudenken.

Der Begriff «Hospital at Home» ist in aller Munde. Dabei ist der Begriff nicht neu. Laut Spitex Schweiz diskutierte bereits vor 50 Jahren eine Studie, ob folgende Operationen nicht ambulant behandelt werden könnten; Hernienoperationen, Hysterektomien und Varizenstripping bei Krampfadern.


Jennifer Kummli

«Auch in der Spitex nehmen digitale Helfer Einzug und sind vielleicht bald nicht mehr wegzudenken.»

Jennifer Kummli, Pflegeexpertin MScN, Geschäftsführerin Better Nursing


Was ist Hospital at Home eigentlich?

Die Spitex kommt namentlich ja von der spitalexternen Hilfe und Pflege. Was ist denn der Unterschied zu Hospital at Home? «Hospital at Home stellt eine Erweiterung der gängigen Home Care dar: Patientinnen und Patienten mit einer Erkrankung, die üblicherweise eine Hospitalisation erfordert, werden im häuslichen Umfeld therapiert. Das dezentrale Konzept stellt den Patienten ins Zentrum und erfordert eine Zusammenarbeit von verschiedenen Akteuren wie Spitälern, Ärzten, Apotheken, Versicherungen und Spitex», zitiert nach Scherler et al.

Hospital at Home geht also in die gleiche Richtung wie das Konzept Spitex bereits tut. Es lässt sich vermuten, dass jedoch eine noch engere Zusammenarbeit gefordert und komplexere Fälle damit behandelt werden. (Vgl. Blog „Was ist schon komplex?)

Hospital at Home lässt sich in verschiedene Bereiche einteilen, wobei ein Zusammenspiel all deren genauso wichtig wäre. In allen Bereichen gibt es Innovationen. Diese kommunizieren jedoch wieder nicht miteinander und das verursacht, dass das Gesundheits- und Pflegepersonal unter Umständen zig Applikationen und Programme kennen und durchstöbern muss.

24/7 Überwachung

Auf dem Markt häufen sich Anbieter, welche die gesamte Wohnung mit Sensoren ausstatten, um in Echtzeit Daten zu messen, auszuwerten und gegebenenfalls an Gesundheitsfachpersonen weiterzusenden. Alarmuhren informieren die Angehörige oder das Pflegeteam bei Stürzen oder bei Weglaufgefahr. Mit GPS kann getrackt werden, ob die an Demenz erkrankte Mutter tatsächlich in der Migros zum Mittagessen war oder nicht.

Manchmal ist da ein feiner Grenzbereich zwischen Überwachen und Unterstützen. Denn wenn via Kamera der Haushalt gefilmt wird, um zu überprüfen, ob der alleinlebende Vater im Bett liegt oder womöglich gestürzt ist, kann den An- und Zugehörigen Sicherheit bieten. Dies kann jedoch für professionelle Pflegefachpersonen sowie für die zu überwachende Person eine Persönlichkeitsverletzung darstellen. Die Privatsphäre wird zudem eingeschränkt.

Viele Spitex-Organisationen handhaben dies so, dass während des Einsatzes die Kameras ausgeschaltet werden müssen. Für die Spitex-Organisationen sind die Sensoren und Wearables jedoch häufig keine Zeitersparnis. Sie haben keinen Zugriff auf die Daten, die Daten können aufgrund Schnittstellenmangel nicht verwendet werden oder kommunizieren nicht über die eigene Organisation hinaus. Meist führt der Einsatz dieser Devices für die Spitex gar zu längeren Einsätzen. Weil sie die Devices aufladen, deren Einsatzfähigkeit überprüfen, sie dem Kunden an- oder ausziehen und Alarme oder auch Fehlalarme managen.

Telemedizin meets Pflege

Innovative Projekte braucht es, um Erfahrungen zu sammeln, welche Modelle zukunftsträchtig sind. Beispielsweise setzt Spitex Zürich Pflegeexpertinnen APN im Home Tele Care Projekt ein. Sie führen eine weiterreichende Diagnostik vor Ort bei Kundinnen und Kunden durch, die in der telemedizinisch Beratung Symptome angegeben haben. So kann in Absprache mit dem Telemediziner vor Ort eine weiterführende Therapie eingeleitet werden.

Dazu nutzen die APNs das Gerät TytoHome. Es misst folgende Werte:

  • Messung der Körpertemperatur (integriertes Thermometer)
  • Untersuchung der Ohren (Otoskop)
  • Untersuchung von Rachen, Hals und Mund (Spatel und integrierte Kamerafunktion)
  • Fotoaufnahmen der Haut (integrierte Kamerafunktion)
  • Untersuchung der Herzfrequenz (Stethoskop)
  • Untersuchung des Herzens (Stethoskop)
  • Untersuchung der Lunge (Stethoskop)

Ob das Projekt die Kosten und den Aufwand der Spitex senkt, ist dabei fraglich. Es ist anzunehmen, dass die Spitex hierbei allerdings die Kosten im Gesundheitssystem senkt, indem unnötige Hospitalisationen und Notfallaufenthalte reduziert werden.

Gibt es denn Alternativen?

Da es bekanntlich künftig an Pflegepersonal mangeln wird, stellt sich die Frage, ob es denn Alternativen gibt. Mit Projekten im Bereich Hospital at Home versucht das Schweizer Gesundheitssystem nun herauszufinden, wie dies umgesetzt und finanziert werden könnte. Aktuell ist Hospital at Home laut Deloitte noch nicht wirtschaftlich durchführbar. Wenn Hospital at Home eine Unterstützung und Entlastung der Pflege bewirkt, wird sich dieses Modell längerfristig durchsetzen. Hoffentlich braucht es nicht noch weitere 50 Jahre.


Jennifer Kummli

ist Pflegeexpertin MScN und Geschäftsführerin bei Better Nursing. Sie hat in verschiedenen Spitex-Organisationen gearbeitet.

In loser Folge publiziert die Spitex-Drehscheibe ausgewählte Beiträge mit Bezug zur Spitex, die Jennifer Kummli für den Better-Nursing-Blog geschrieben hat und die dort bereits publiziert sind.