Das Thema «Anstellung von pflegenden Angehörigen» beschäftigt seit langem. So publizierten zwei Autorinnen unter dem Dach der Universität Basel schon 2013 das Buch mit dem Titel «Pflegende Angehörige als Angestellte in der Spitex: Eine Annäherung aus rechtlicher, qualifikatorischer und konzeptioneller Perspektive». 2020 wurde der Verband der Spitex-Organisationen für pflegende Angehörige gegründet mit heute drei Mitgliedorganisationen. 2022 wurde ein dreijähriges Forschungsprojekt von der Careum Hochschule Gesundheit, mit dem Titel «work & care integra – Anstellung von pflegenden Angehörigen bei der Spitex» abgeschlossen. Daraus entstand das Manual «Pflegende Angehörige bei der Spitex anstellen», welches die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Anstellung aufzeigt.

Einerseits brandaktuell, andererseits köchelt das Thema schon länger. Viele gute Gründe, um verschiedene Exponenten um ihre Meinung zu fragen. Die Interviewserie startet mit Dr. Hardy Landolt, Inhaber der care-solutions.ch, der Fridli-Spitex und Präsident des Verbandes VeSPA, sowie Jürg Kündig, Gemeindepräsident Gossau ZH, Vorsitzender des Verbandes Gemeindepräsidien Kanton Zürich und Politiker, in seiner Rolle als Restfinanzierer.

Was stört Sie an der nicht bezahlten Betreuungs- und Pflegearbeit von Angehörigen?
Dr. Hardy Landolt: Eigentlich nichts. Gratisarbeit ist Teil der gesellschaftlich und familiären Solidarität und gehört von uns allen gefördert und im Alltag gelebt. Was mich aber stört, ist, wenn pflegebedürftige Personen eine obligatorische Versicherungsprämie bezahlen, die versicherten Pflegeleistungen aber nicht entsprechend der Versicherungsdeckung, nämlich überall in der Schweiz während 24 Stunden, erhalten und auf Angehörige zurückgreifen müssen. Die „stellvertretende“ Angehörigenpflege ist deshalb dann und in dem Umfang zu vergüten, wie versicherte Pflegeleistungen erbracht werden. Angehörigenpflege wird übrigens auch durch andere Versicherungsleistungen teilweise vergütet, so z.B. im Rahmen der Hilflosenentschädigung oder des Assistenzbeitrages der IV oder des unlängst eingeführten Betreuungsurlaubs. Die Anstellung von pflegenden Angehörigen zu Lasten der Krankenversicherung ist deshalb nichts Besonderes, sondern ein Aspekt der sozialversicherungsrechtlichen Realität. 


Dr. Hardy Landolt

«VeSPA soll zusammen mit den Versicherern einen verbind-lichen Standard definieren»

Dr. Hardy Landolt, Inhaber Care-Solutions GmbH und Fridli-Spitex


Ihre Fridli-Spitex stellt pflegende Angehörige an. Geht es einfach ums Geld?
Nein, mir geht es nicht ums Geld. Ich verdiene als Anwalt, Notar und Professor genug. Ich beziehe auch keinen Lohn von meinem Spitex-Unternehmen, sondern arbeite als Geschäftsführer gratis. Für mich ist die Fridli-Spitex ein soziales Projekt. Ein Teil des Gewinns wird übrigens einer gemeinnützigen Stiftung zur Verfügung gestellt.

Soziales Engagement steht im Vordergrund

Warum einen Verband?
Die Spitex-Organisationen, die pflegende Angehörige anstellen, haben die Voraussetzungen zu erfüllen, die das Bundesgericht für die Anstellung vorgibt. Sie können den Spitex-Verbänden nicht beitreten, da die für diese geltenden Administrativverträge die Anstellung von Angehörigen bzw. Laien nur erlaubt, wenn diese über einen SRK-Fähigkeitsausweis verfügen, was gemäss Bundesgericht nicht erforderlich ist. Da eine Anstellung von Angehörigen nur für Grundpflege möglich ist und die Angehörigen diesbezüglich „Profis“ sind, weil sie den Klienten am Besten kennen und nicht andere Klienten pflegen, ist für die Anstellung von pflegenden Angehörigen ein eigener Standard  zu definieren. Wir haben den Verband VeSPA gegründet, um diesen Standard zusammen mit den Versicherern zu entwickeln.

VeSPA zählt heute drei Mitglieder. Etwas mager, um schweizweit die Anliegen der pflegenden Angehörigen zu vertreten.
Die Branche ist noch jung. Um eine klare Trennung zwischen „normaler“ Spitex und der Angehörigen-Spitex vorzunehmen, nehmen wir nur solche Mitglieder auf, die ausschliesslich pflegende Angehörige anstellen und das Assistenzmodell der Invalidenversicherung als Minimum anbieten, damit Angehörige – wie bei einer Anstellung im Rahmen des Assistenzbeitrages – fair entlöhnt werden. Die Mitglieder gehen individuell über das Assistenzmodell hinaus. Wir haben aber noch keinen „Goldstandard“ gefunden. Das Ziel von VeSPA besteht darin, nicht nur die Interessen der Spitex-Organisationen für pflegende Angehörige zu wahren, sondern auch Bedingungen zu definieren, die eine faire Anstellung und Entlöhnung der Angehörigen sicherstellt. Wer dazu seinen Beitrag leisten will, ist herzlich willkommen. Bis jetzt waren es noch nicht viele, da haben Sie recht, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden! 

Zu den Werten der Generation Z zählen Gesundheit, Freiheit, Familie und andere. 100 % arbeiten steht nicht mehr im Vordergrund. Also genügend Zeit für die Pflege der Angehörigen?
Die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern sich. Die Angehörigenpflege wird als dritter Versorgungspfeiler neben der Spitex und den Institutionen bleiben und sollte im Hinblick auf die demographischen Veränderungen und die Personalknappheit in der Pflege gefördert werden. Welche Beitrag Sie und die Angehörigen anderer Generationen dazu leisten, kann ich nicht beeinflussen. Ich kann nur meinen eigenen Beitrag leisten. Die Gründung der Fridli-Spitex war der Beginn. Die Reise geht weiter … 


«Beitrag zur Lösung des Fachkräftemangels»

Pflege- und Betreuungsarbeit von Angehörigen wurde bisher nicht entschädigt. Was halten Sie von der Anstellung der Angehörigen durch die Spitex?

Jörg Kündig: Die Pflege und Betreuung durch Angehörige hat eine hohe Bedeutung. Deren Entschädigung, sei es durch finanzielle Leistungen oder z.B. durch Steuergutschriften ist ein lang gehegtes Postulat. Hinzu kommt, dass der Mangel an Pflegepersonal eklatant und eine der grossen Herausforderung auch für die Spitex-Organisationen ist.

Die Anstellung der Angehörigen durch die Spitex-Organisationen könnte in beiden Problembereichen hilfreich sein. Allerdings führen fehlende Vorgaben bezüglich der familiären Situation und der Qualität sowie insbesondere fehlende Kontrollmöglichkeiten über die Dauer und die Sinnhaftigkeit dieses Pflege- und Betreuungs-Engagements zu massivem Überschiessen bei den eingesetzten Stunden. Es entstehen derzeit neue Firmen, losgelöst von öffentlichen und privaten Spitex-Organisationen, deren Dienstleistung sich darauf beschränkt, pflegende Angehörige einzustellen, deren Einsatz qualitativ und zeitmässig minimalst zu kontrollieren und dann mit den Krankenversicherern abzurechnen. Diese Entwicklung macht Sorge. Sie stellt eine grundsätzlich gute Idee in Frage.

Eindrückliche Leistung der Angehörigen

Studien sprechen von 64 Millionen Stunden oder 3.5 Milliarden Franken für häusliche Pflege und Betreuung durch Angehörige. Machen Ihnen diese Zahlen Angst?
Das sind tatsächlich enorme Zahlen. In diesem Zusammenhang stellen sich ja auch ganz grundsätzliche, gesellschaftliche Fragen. Eine isolierte Betrachtung ist zudem unvollständig, denn eine Stärkung der privaten Pflege und Betreuung muss zwangsläufig Auswirkungen auf die übrigen Strukturen haben. Sie hat ergänzenden Charakter, soll aber vor allem auch substituieren. Insbesondere die stationären Einrichtungen müssten dann entlastet werden. Wie bereits ausgeführt, braucht es aber klare Regeln und Kontrollmechanismen, die auch bei der Pflege und Betreuung durch Angehörige die Bedürfnisgerechtigkeit sicherstellen.

Zudem darf dieser Aspekt nicht vergessen werden: Die Entschädigung Privater im Rahmen einer Spitex-Anstellung führt zu Einkommen, welches steuerbar wäre – und dies ergäbe bei den Gemeinden zusätzlichen Ertrag.

Sie sind Gemeindepräsident in Gossau ZH. Haben Sie das Budget Ihrer Gemeinde für ambulante Pflege schon angepasst?
Gossau verfügt mit der Spitex Bachtel AG über eine sehr gut geführte und aufgestellte Leistungserbringerin. Wir waren bestrebt, im Budget 2023 die erwartete Kostenentwicklung abzubilden. Dabei stand aber der Gesamtrahmen und nicht die Entschädigung pflegender Angehöriger im Vordergrund.


Jürg Kündig

«Spitex Bachtel ist für meine Gemeinde der richtige Partner.»

Jörg Kündig, Gemeindepräsident Gossau ZH


Hat sich der Verband der Gemeindepräsidien mit dem Thema schon befasst?
Wir stehen als Organisation in regelmässigem Austausch mit dem Spitex-Verband Kanton Zürich und der Gesundheitsdirektion. Das Thema ist uns bekannt und die sich ergebenden Fragen bezüglich Qualitätskontrolle und Mengenausweitung sind uns bekannt. Wir halten unsere Mitglieder auf dem Laufenden, sind bestrebt, negative Auswüchse zu verhindern und die Vorteile für eine gute Grundversorgung in den Gemeinden zu nutzen.


Dr. Hardy Landolt

ist seit 2002 Privatdozent und Lehrbeauftragter und seit 2010 Titularprofessor an der Universität St. Gallen für Haftungs-, Privat- und Sozialversicherungsrecht. Zudem Inhaber der Care-Solutions GmbH und der Fridli-Spitex. Seit 2020 Initiant und erster Präsident des Verbandes der Spitex-Organisationen für pflegende Angehörige (VeSPA).


Jörg Kündig

ist Inhaber der UBITUS AG, Finanzberatung und Treuhand, und seit 2002 Gemeindepräsident von Gossau ZH. Zudem ist er Präsident des Verbandes Gemeindepräsidien Kanton Zürich und sitzt seit 2020 wieder im Zürcher Kantonsrat.