Das Thema «Anstellung von pflegenden Angehörigen» lässt die Branche nicht mehr los. Im Rahmen der Interviewserie haben sich Dr. Hardy Landolt, Inhaber der care-solutions.ch, der Fridli-Spitex und Präsident des Verbandes VeSPA, sowie Jürg Kündig, Gemeindepräsident Gossau ZH, Vorsitzender des Verbandes Gemeindepräsidien Kanton Zürich und Politiker, in seiner Rolle als Restfinanzierer geäussert. Wie sieht es aber in der Praxis aus?

Marianne Hubschmid ist Geschäftsleiterin der Spitex Bürglen. Ihre Organisation hat schon Erfahrung mit dem Einsatz von pflegenden Angehörigen. Zusammen mit Sina Baumgartner, dipl. Pflegefachfrau Ressort Pflegende Angehörige, hat sie die Fragen des Spitex-Reports beantwortet.

Seit wann stellen Sie pflegende Angehörige ein?
Die SPITEX Bürglen hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Seit Juni 2021 stellen wir nun pflegende Angehörige ein.

Warum haben Sie sich für diese Art der ambulanten Versorgung entschieden?

  1. Pflegende Angehörige leisten gesellschaftspolitisch eine grosse Arbeit. Diese soll gewürdigt und finanziell entschädigt werden.
  2. Mit einer Anstellung bei der SPITEX Bürglen ist die Versorgung gesichert. Wenn der pflegende Angehörige Ferien machen will oder wenn er/sie aus anderen Gründen ausfällt, ist die Versorgung lückenlos gesichert.
  3. Oftmals reduzieren die pflegenden Angehörigen für ihr Engagement das Arbeitspensum. Das fehlende Einkommen führt im Pensionsalter zu Vorsorgelücken und Altersarmut. Mit einer Anstellung kann diese Versorgungslücke gemildert werden.

Pflegende Angehörige entschärfen Personalmangel

Was für Vorteile sehen Sie, wenn eine Spitex-Organisation pflegende Angehörige anstellt?
Das Gesundheitswesen leidet unter einem Personalmangel auf allen Stufen. Eine Anstellung von pflegenden Angehörigen kann diese Problematik etwas entschärfen.

Wo sehen Sie die Herausforderungen?
Die pflegenden Angehörigen müssen regelmässig angeleitet und begleitet werden. Auch müssen die Aufgaben und Kompetenzen klar geregelt sein. Die pflegenden Angehörigen befinden sich in einer Doppelrolle; einerseits Angehörige und andererseits Angestellte. Die Anstellungsbedingungen müssen von beiden Parteien klar formuliert und konsequent eingehalten werden.

Auf was müssen Spitex-Organisationen achten bei der Anstellung?

  • Wir stellen uns immer die Frage: Würden wir diese Person (pflegende Angehörige) auch als «normale» Mitarbeiterin anstellen? Ist sich die/der Bewerbende der Anstellungsbestimmungen bewusst? Lässt sie/er sich darauf ein? Akzeptiert er/sie die Bestimmungen?
  • Welche beruflichen Hintergründe bringt der/die Bewerbende mit?
  • Was sind die Verrichtungen, welche der/die Bewerbende erbringt? Welche Verrichtungen obliegen der Spitex?
  • Wie gestaltet sich die Anleitung/Begleitung?

Marianne Hubschmid

«Wir haben mit pflegenden Angehörigen gute Erfahrungen gemacht»

Marianne Hubschmid, Geschäftsleiterin SPITEX Bürglen


Müssen die von Ihnen angestellten Angehörigen den Rotkreuz-Kurs besuchen?
Nein. Wir stützen uns auf den Bundesgerichtentscheid (BGE 145 V 161) welcher besagt, dass für Leistungen gemäss Art. 7 Abs.2 lit c Ziff 1 KLV keine pflegerische Fachausbildung Voraussetzung ist.

Welchen Lohn bezahlen Sie den Angehörigen?
Da ist der berufliche Hintergrund und das Alter massgebend. Der Bruttolohn reicht von min. Fr. 26.15 bis max. Fr. 35.60.

Welche zusätzlichen Dienstleistungen kann SPITEX Bürglen pflegenden Angehörigen anbieten?
Die grösste Entlastung bietet die Tagesstätte. Die Klienten werden, wenn gewünscht, sogar von unserem Fahrdienst abgeholt und wieder nach Hause gefahren. Die Klienten können dort einen schönen Tag verbringen und die pflegenden Angehörigen haben Zeit für sich selber. So tanken sie frische Energie und verwöhnen sich mal selbst. Dies ist sehr wichtig! Haben die pflegenden Angehörigen keine Energie mehr ihre Liebsten zu pflegen, müssen diese meist in ein Heim. Unser Mahlzeitendienst kann auch Entlastung geben, damit man nicht jeden Tag kochen muss. So hat man dann Zeit für etwas Anderes. Die Spitex kann zusätzlich Entlastung in Haushaltarbeiten bieten. Solche Leistungen werden sogar von der Krankenkasse teilweise oder ganz übernommen.


Marianne Hubschmid-Zbinden

ist seit 1999 Geschäftsleiterin der SPITEX Bürglen. Mit ihrer Organisation ist sie zuständig für die ambulante Pflege und Betreuung in den Gemeinden Aegerten, Brügg, Jens, Merzligen, Schwadernau, Studen und Worben.