Referat an RVK-Tagung
Heinz M. Schwyter Event

Bleiben wir zu Hause? Folgen der Pandemie für die Langzeitpflege

Während der Bundesrat in seinem Sitzungszimmer über eine Verschärfung der Corona-Massnahmen beriet, begrüsste Patrick Kellenberger, Direktor RVK, über 100 Gäste im Zürcher Volkshaus. Nach der Tagung informierte der Bundesrat dann, dass vorläufig keine weiteren Massnahmen getroffen würden. Vielmehr setzen die Verantwortlichen auf den kantonalen Flickenteppich. Bleiben wir zu Hause? Vorläufig eher nicht.

In verschiedenen Formaten präsentierten und diskutierten die Fachleute das vom Organisator vorgegebene Thema. Klar wurde, dass die Pandemie enorme positive wie negative Kräfte losgelöst hat. Die Unterlagen zur Tagung können über diesen Link heruntergeladen werden

Pflege aus Sicht des Gesundheitsökonomen

Die Dynamik im Gesundheitsmarkt habe zugenommen, meinte Prof. Dr. oec. HSG Tilman Slembeck. So würden verschiedene neue Formate ausprobiert wie hospital@home oder Ambient Assisted Living AAL. Der Referent sieht einen weiter steigenden Trend zu mehr ambulanter Pflege. Die von ihm gezeigten Zahlen enden zwar 2016, aber die Zunahme der Spitexleistungen zwischen 2011 und 2016 von 46 % dürfte weiter anhalten. Laut Slembeck geht es bei der Pflege nicht um die Hardware, also die Digitalisierung und Automatisierung. Im Vordergrund stehe das Personal. Der Oekonom spricht sich für eine Professionalisierung der Angebote aus, um Skalenerträge zu realisieren. Deshalb fordert er grössere Einheiten und mehr care@home. Die Politik ist auf allen Stufen gefordert, die drängenden Probleme im Gesundheitswesen zu lösen. Slembeck sieht einen Ausweg in grösseren organisatorischen Einheiten oder Versorgungsnetzwerken. Die grösste Schwierigkeit sieht er bei der ungelösten Finanzierung. Zum Schluss forderte der Professor „more brain, more digital, less infrastructure“.

Institutionen im Stresstest. Wie verändert die Krise den Markt?

Neben Prof. Slembeck nahmen auf dem Podium Oliver Hofmann, senesuisse, Marianne Pfister, Spitex Schweiz, und Astrid Furrer, Stadt Wädenswil, Platz. Unter der Leitung von Hannes Blatter diskutierte die Runde die Frage, wie die Krise den Markt verändere.

Prof. Tilman Slembeck, Marianne Pfister, Spitex Schweiz, Moderator Hannes Blatter, Astrid Furrer, Stadt Wädenswil, Oliver Hofmann, senesuisse (v.l.).

Corona habe die Heimeintritte verzögert. Potenzielle Heimbewohner zogen das Leben zu Hause dem Heim vor, unterstützt von ambulanten Diensten wie Spitex. Heute gibt es Anbieter, welche durchlässige Konzepte anböten. Oliver Hofmann erwähnte sein eigenes Angebot der Casa Solaris. Die Gäste in seinen Häusern können wählen zwischen keiner, ambulanter oder stationärer Pflege. Damit würden sie auf die sich laufend verändernden Ansprüche reagieren können.

Die Forderung von Prof. Slembeck nach grösseren Einheiten fand nicht nur Zustimmung. Die Leistungen müssten nicht zwangsweise unter dem gleichen juristischen Dach angeboten werden. Netzwerke würden es auch richten. Die digitale Umfrage unter der Teilnehmenden der Tagung zeigte dann, dass ambulant und stationär zusammengelegt werden sollen/können. Allerdings würde dies noch einige Zeit brauchen. Einigkeit herrschte bei der Feststellung, dass die Grenzen sich immer mehr verwischen.

Aus dem Publikum kam der Hinweis, dass die ungleiche Finanzierung der Leistungen von öffentlicher und privater Spitex beispielsweise im Kanton Zürich aufgehoben werden müsse. Auf diese Forderung folgte der Hinweis, dass nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden sollten. Entscheidend seien nicht die Kosten pro Stunde, sondern pro Kunde. Und hier zeige sich, dass die höhere Abgeltung der öffentlichen Spitex gerechtfertigt sei.

Marianne Pfister wies darauf hin, dass die öffentliche Spitex gerade bei den jüngeren Kundinnen und Kunden wachse. Dies sei eine erfreuliche Entwicklung, offenbare aber neue Probleme. Die jüngere Kundschaft hätten andere Bedürfnisse als ältere Menschen. Um dieses Segment professionell betreuen zu können, müsste die Spitex Personal mit anderen Kompetenzen beschäftigen.

Perspektive der Betroffenen

Bea Heim vom Schweizerischen Seniorenrat SSR ging in ihrem Referat auf das Spannungsfeld ein zwischen Pflegebedarf, Schutz und Autonomie von älteren Menschen im Rahmen der Corona-Pandemie. Der SSR ist beratendes Organ für den Bundesrat, für Behörden und das Parlament und vertritt die Interessen von älteren Menschen. Der Slogan des SSR lautet: Verhindern, dass nicht nur über uns gesprochen wird, sondern mit uns!

Die ehemalige Nationalrätin des Kantons Solothurn spricht von den „Neuen Alten“. Diese seien aktiv und engagiert, wollen etwas verändern. Doch wer sind die „Neuen Alten“? Sind es die Baby Boomer oder noch jüngere Generationen? Oder geht es um die Menschen, die heute alt oder sehr alt sind? Heim bemängelt beispielsweise die Grenze von 65 Jahren im Zusammenhang mit Corona. Die Menschen ab dem Pensionierungsalter bilden keine heterogene Gruppe. Die Referentin sieht in der Digitalisierung grosse Chancen, in dem z.B. Sensoren für mehr Sicherheit zu Hause sorgen. Dies natürlich unter der Wahrung der Privatsphäre und des Datenschutzes. Bei aller Technologie darf gemäss Heim aber der Mensch nicht vergessen gehen. Den grössten Einfluss auf die Gesundheit habe die Einsamkeit. Deshalb sei ein umfassendes Betreuungsangebot wichtig. Schliesslich komme es nicht darauf an, wie alt man werde, sondern wie man alt werde.

Die Krise als Katalysator?

Hannes Blatter lud Ralph Bürge, Lindenhof Oftringen, Stefan Schütz, Spitex Basel, Marco Baumann, BDO, und Bea Heim auf die Bühne. Gemeinsam gingen sie der Frage nach, ob die Krise als Katalysator wirke. In der Diskussion wurde der Begriff der „Neuen Alten“ geschärft. Es sollen diese Menschen sein, die in 20 Jahren alt sein werden. Also die heutigen Baby Boomer. Und diese holen sich das Wissen zu Gesundheitsfragen im Internet. Sie sind generell digital unterwegs. Teleangebote werden Standard sein. Allerdings werden die „Neuen Alten“ eine grössere Erwartungshaltung haben an die Dienstleister.

Ralph Bürge, Lindenhof Oftringen, Bea Heim, Schweizerischer Seniorenrat, Moderator Hannes Blatter, Stefan Schütz, Spitex Basel, Marco Baumann, BDO (v.l.)

Bürge erwähnte seinen Conciergedienst, für den er kürzlich ausgezeichnet wurde. Aktuell nutzten 600 Personen diese Dienstleistungen. Auch die Spitex Basel ist auf diesen Zug aufgesprungen und bietet die Dienstleistungen sogar Dritten an, welche selber zu klein für ein solches Angebot sind. Der Leiter des Lindehofs hat schon verschiedene Tabus gebrochen. Sein Erfolg gibt ihm aber recht. So erstaunt Bürge’s Vision vom virtuellen Pflegeheim nicht. Dieses Pflegeheim wird nicht ohne Personal auskommen, es nutzt einfach alle technischen Hilfsmittel. Die Umfrage beim Publikum zeigte, dass die Mehrheit glaubt, dass die Pflegeheime der Zukunft zwar schon gebaut seien. Sie müssten aber bedarfsgerecht ausgerüstet werden.

„Dazwischen“ oder: Was wir aushalten müssen

Die Leiterin des Instituts Neumünster, Dr. Eliane Pfister Lipp, rundete den Anlass der RVK mit ihren Gedanken ab. Im Rahmen der Pandemie ging es zeitweise darum, Leben um jeden Preis zu retten. Dabei gehört das Sterben zum Leben. Aber wir sollten nicht einsam oder isoliert von dieser Welt gehen müssen. Laut Pfister Lipp ist die Devise „Bleiben wir zu Hause“ nicht für alle das Richtige. Vielmehr müssen wir individuell Entscheidungen treffen wie Eigenständigkeit oder soziale Integration.

Bleiben wir zu Hause?

Ob uns die nächsten Woche wieder mehr Home Office bringen werden, ist offen. Mindestens am 24. November 2022 sollten wir nicht zu Hause bleiben. An diesem Tag lädt die RVK zur nächsten Tagung.