Eine andere Sicht auf pflegende Angehörige haben die Wissenschaft und auch die Krankenkassen. Nachdem sich in der Interviewserie der Präsident des Verbandes VeSPA sowie der Gemeindepräsident von Gossau ZH äusserten, geben wir jetzt PD Dr. Iren Bischofberger das Wort. Sie vertritt die Sicht der Wissenschaft. Leider wollte sich wegen grosser Arbeitsbelastung niemand von einem Krankenkassenverband äussern.

Damit schliessen wir die Interviewserie zum Thema „pflegende Angehörige“ ab.

Wo sehen Sie aus wissenschaftlicher Sicht den grössten Nutzen, wenn Spitex-Organisationen pflegende Angehörige anstellen?

Iren Bischofberger: Das Modell ist aus wissenschaftlicher Sicht sehr interessant, denn es gibt erst wenige Daten dazu. Das ist ein Eldorado für Forschende. Zudem sind ganz unterschiedliche Zusammenhänge wichtig, zum Beispiel zu folgenden Fragen: Wie ist die Qualität der geleisteten Arbeit der Angehörigen? Welche Bildungsanforderungen an Angehörige sind angemessen, um gute Qualität zu leisten? Welcher ökonomische Nutzen oder allenfalls Verlust zeigt sich durch das Modell für Privathaushalte und auch für den öffentlichen Haushalt? Wie sind die sozialethischen Auswirkungen, wenn Angehörige für gewisse Arbeiten einen Lohn erhalten und für andere nicht? Welche Genderfragen in der Pflege zuhause gehen mit dem Modell einher?

Was sind die grössten Herausforderungen?

Für einen Spitexbetrieb ist es anspruchsvoll zu entscheiden, ob eine Anstellung in der individuellen Situation die beste Lösung für die Angehörigen und ihre Nahestehenden ist. Deshalb ist die Abklärung der Arbeitsteilung zwischen den angestellten Angehörigen und anderen Spitex-Mitarbeitenden zentral. Das Modell rückt ganz zentrale Aufgaben eines Spitexbetriebs ins Scheinwerferlicht: Führungsqualität für die Mitarbeitenden, Pflegequalität für die Nahestehenden, Arbeitsqualität für die Angehörigen.


«Das Modell ist gekommen, um zu bleiben»

PD Dr. Iren Bischofberger


Welchen Beitrag können pflegende Angehörige beim Fachkräftemangel leisten?

Wenn die angestellten pflegenden Angehörigen keine Berufsausbildung im Gesundheitswesen haben, würde ich bei ihnen nicht von Fachkräften sprechen, denn sie haben ja im besten Fall einen Pflegehilfekurs, und das ist eben keine Fachausbildung. Der Kurs ist nicht Teil der Schweizer Bildungssystematik. Aber durch die Leistungen der angestellten Angehörigen können die Spitex-Mitarbeitenden mit einer Fachausbildung gezielter eingesetzt werden. Und sie müssen weniger Zeit für den Weg in Privathaushalte aufwenden. Insofern wirkt das Modell indirekt positiv auf den Fachkräftemangel.

Was raten Sie Spitex-Organisationen, die pflegende Angehörige anstellen wollen?

Sie sollten sich zu allen nötigen Punkten im Manual kundig machen, das wir erarbeitet haben. Danach können die Verantwortlichen eine informierte Entscheidung treffen, ob sie das Erwerbsmodell anbieten wollen oder nicht. Denn nur so ist die Qualität für alle Beteiligten vom ersten Tag an möglich. Die Spitex-Leitung könnte zum Schluss kommen, dass sie das Modell anbietet. Dann müssten u. a. die Managementprozesse (mehr kleine Anstellungspensen) und auch allenfalls bestehende Konzepte zu pflegenden Angehörigen überprüft werden. Denn die Angehörigen werden im Modell zu Teamkolleginnen, bleiben aber in ihrer Freizeit auch Leistungsempfänger. Die Spitex-Leitung könnte sich andererseits auch entscheiden, dass sie das Modell zwar unterstützt, aber es nicht selber anbietet, sondern eine dafür spezialisierte Spitex beizieht, die alle Prozesse bereits auf das Modell ausgerichtet hat.

Welche Entwicklung erwarten Sie im Umgang mit pflegenden Angehörigen?

Das Modell wird wegen der oben genannten Punkte in nächster Zukunft wohl noch einige interessante Diskussionen bringen – in der Fachwelt, bei Behörden und Politik und nicht zuletzt in den Familien von gesundheitsbeeinträchtigten Menschen. Denn das Modell zeigt wie unter einem Brennglas auf, wie eine Gesellschaft bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit bewertet. Aufgrund der stetig wachsenden Leistungsstunden in der Spitex und der fortlaufenden Verlagerung von Spitalbehandlungen in den Privathaushalt gehe ich davon aus, dass das Modell gekommen ist, um zu bleiben.


PD Dr. Iren Bischofberger

arbeitete nach der Pflegeausbildung viele Jahre in der klinischen Praxis und absolvierte parallel dazu ihre akademische Ausbildung bis zum Doktorat in der Schweiz und in Grossbritannien, gefolgt von der Habilitation in Pflegewissenschaft an der Universität Wien. Sie prägt seit 15 Jahren das Thema «work & care – Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege vereinbaren» in Wissenschaft und Praxis. Sie ist spezialisiert mit ihrer Firma auf Arbeitgebende und Arbeitnehmende im Gesundheitswesen. Sie ist zudem in strategischen Gremien in der Spitex, im Spitalwesen und in der Philanthropie engagiert.