In einem ersten Artikel haben wir die Sicht der Geschäftsleiterin der Spitex Bürglen dargestellt.

Barbara Radtke ist Präsidentin der International Association for Healthy Aging. Die IAHA verbindet Generationen mit Wissen, Neugier, Können und dem Teilen einer gemeinsamen Vision eines selbstbestimmten Lebens. Sie beleuchtet Vor- und Nachteile einer Anstellung von pflegenden Angehörigen.

Seit wann stellen Sie pflegende Angehörige ein?
Wir stellen seit August 2021 pflegende Angehörige an.

Warum haben Sie sich für diese Art der ambulanten Versorgung entschieden?
Unsere Beweggründe liegen beim immer dringlich werdenden Personalengpass in der Pflege, bei Covid und bei zunehmenden Demenzerkrankungen; viele Demenzerkrankte nehmen v.a. in der Anfangsphase nur Hilfe aus der Familie an. Zudem zeigt sich immer mehr, dass pflegende Angehörige nach einer solchen längeren Versorgung ihrer Familienangehörigen finanzielle Einbussen haben (Lohnverzicht, keine Marktchancen mehr, tiefe Pensionskassenbeiträge) und oft zum Sozialfall werden können.

Was für Vorteile sehen Sie, wenn eine Spitex-Organisation pflegende Angehörige anstellt?
Eine Anstellung bietet pflegenden Angehörigen auch eine soziale Absicherung, indem Sozialversicherungs- (AHV, IV, EO, ALV) und allenfalls Pensionskassenbeiträge abgerechnet werden. Ab einer Anzahl von acht Stunden pro Woche sind sie zudem obligatorisch gegen Unfälle und Berufskrankheiten versichert. Im Unterschied zu AHV-Betreuungsgutschriften erhalten angestellte pflegende Angehörige reguläre Lohnzahlungen. Bei einer Anstellung entfällt auch der Aufwand, den jährlich einzureichende Anträge mit sich bringen.

Eine Anstellung bei der IAHA kann für pflegende Angehörige einen (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt bedeuten – vor allem, wenn sie wegen der Pflegesituation ihre Erwerbsarbeit reduziert oder aufgegeben hatten. Sie nehmen an Jahresabschlussgesprächen teil und erhalten Arbeitszeugnisse, die ihnen bei einer allfälligen Stellenbewerbung nach Stellenauflösung, etwa durch den Tod der zu pflegenden Person oder dem Eintritt ins Pflegeheim, nützlich sind. Auch besteht durch die Anstellung die Möglichkeit einer ununterbrochenen Tätigkeit innerhalb der Gesundheitsbranche. So lassen sich insbesondere Lücken im beruflichen Lebenslauf vermeiden.

Spannungen zwischen Spitex und pflegenden Angehörigen

Wo sehen Sie die Herausforderungen?
In der Zusammenarbeit von regulären Spitex-Mitarbeitenden und pflegenden Angehörigen kann es zu Spannungen kommen.

Weshalb?
Da sind einmal unterschiedliche Wissens- und Erfahrungshintergründe. Dann haben pflegende Angehörige mitunter eine Routine erlangt, die sich im Alltag und gegenüber den zu pflegenden Personen bewährt, die aber vielleicht nicht den professionellen Standards entspricht. Wichtig für eine optimale Prozessbegleitung und Qualitätskontrolle sind deshalb Austausch und Informationsfluss.

Angehörige müssen sich bewusst sein, dass sie während einer Anstellung nicht mehr gleich autonom in ihrem Handeln sind. Allerdings können sie von der Fachexpertise der IAHA profitieren. Eine Anstellung wird durch eine gute Integration ins Spitex-Team gefördert. Dazu ist es wichtig, dass angestellte pflegende Angehörige gleichberechtigt behandelt werden und ebenfalls an Teammeetings, Fachbegleitungen sowie an offiziellen Anlässen teilnehmen können. Sie haben so direkten Zugang zu fachlichem Rat bei Fragen und Unsicherheiten sowie Zugang zu Fortbildungen.

Profitiert auch die Spitex von der Zusammenarbeit mit pflegenden Angehörigen?
Selbstverständlich. Pflegende Angehörige können ihr spezifisches Wissen und Know-how dem Spitex-Team im Rahmen von internen Fortbildungen vermitteln, z. B. die Mobilisation von zu pflegenden Personen mit Kinästhetik. Die angestellten pflegenden Angehörigen sind die primären Bezugspersonen für die zu pflegenden Personen sowohl aus betrieblicher als auch familiärer Sicht. Je nach Pflegebedarf sind sie die einzigen Spitex-Mitarbeitenden in einem Haushalt oder sie sind die Ansprechpersonen für das weitere Spitex-Team. Dieser Umstand begünstigt den Informationsfluss und die pflegenden Angehörigen können somit auch während ihrer Abwesenheit optimal ersetzt werden. Eine Anstellung pflegender Angehöriger kann sich also positiv auf die Pflegekontinuität und somit auf die Pflegequalität auswirken.

Worauf achten Sie bei der IAHA bei der Anstellung von pflegenden Angehörigen?
Nebst vielen Chancen ergeben sich auch Spannungsfelder. Eine häusliche Pflegesituation baut auf einer persönlichen Beziehung auf. Eine Anstellung kann die Beziehungsdynamik beeinflussen. Eine Anstellung bedeutet eine neue Trennung zwischen Leistungen im Auftrag der Spitex einerseits und Leistungen der familiären Pflege andererseits. Pflegende Angehörige sind nun sowohl Angehörige als auch bezahlte Leistungserbringende. Dies kann die Beziehung innerhalb des Familiengefüges beeinflussen. Für Angehörige ist es also wichtig, sich bereits vor dem Arbeitsverhältnis Gedanken zu machen, welche Herausforderungen ihre neue Doppelfunktion mit sich bringen kann. Unter Umständen kann eine Probephase helfen.

Auch für die gepflegten Personen bedeutet eine Anstellung eine neue Rollenverteilung, veränderte Rahmenbedingungen und einen regelmässigen Wechsel zwischen Anstellungsverhältnis und familiärer Pflege im Alltag. Es ist deshalb wichtig, dass sich auch die zu pflegenden Personen, soweit möglich, für die Anstellung einbringen können. Durch eine Anstellung kann ein Abhängigkeitsverhältnis innerhalb der Partnerschaft oder Verwandtschaft entstehen oder verstärkt werden. Diese mögliche Entwicklung gilt es von beiden Seiten (Spitex-Betrieb und Angehörige) zu berücksichtigen.

Bei einer Anstellung ist es deshalb wichtig, Überarbeitung oder Überlastung frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Gerade die Kombination aus familiärer Verantwortung und professioneller Anstellungsverpflichtung kann pflegende Angehörigen zeitllich und emotional unter Druck setzen.

Eine Anstellung bietet hier die Chance, die häusliche Pflegesituation professionell begleiten zu lassen. Die fallführende Pflegefachperson kann auf die bestehende biographische Nähe in der Prozessbegleitung aufbauen und in der regelmässigen Qualitätsüberprüfung Krisensituationen entgegenwirken bzw. eingreifen.

Kann oder möchte eine angestellte pflegende Angehörige aufgrund ihrer biographischen Nähe gewisse Aufgaben nicht durchführen (zum Beispiel schmerzhafte Handlungen, wie etwa das Assistieren bei einem Wundverband), können diese von anderen Spitex-Mitarbeitenden übernommen werden.

Die Rechte und Pflichten aller Beteiligten in Bezug auf ein gesundheitsförderndes Arbeitsklima sind wichtig. Dazu gehört das Recht der pflegenden Angehörigen, ihr Arbeitsverhältnis (mit Einhaltung der Kündigungsfrist) jederzeit zu beenden, oder das Recht, professionelle Unterstützung (bspw. seitens der IAHA) einzufordern, sowie das Recht auf Ferien und Ruhetage.


Pflegende Angehörige in der Praxis zum 2.

«Die Anstellung von pflegenden Angehörigen bietet mehr Chancen als Risiken.»

Barbara Radtke, Präsidentin IAHA


Müssen die von Ihnen angestellten Angehörigen den Rotkreuz-Kurs besuchen?
Zum einen heisst es nicht mehr «Rotkreuz-Kurs», da es inzwischen mehrere Anbieter gibt, die diese Ausbildung anbieten dürfen. Die Ausbildung/der Abschluss heisst seit 2019 «Zertifizierte Pflegehelferin» (nicht mehr Pflegehelferin SRK» bzw. nur beim SRK heisst der Kursabschluss so). Im Administrativvertrag wird der Ausdruck «zertifizierte Pflegehelferin» verwendet.

Gemäss Gesetzesgrundlage müssen pflegende Angehörige in der ganzen Schweiz keinen Pflegehelferkurs absolvieren (ausser im Kanton Graubünden). Wir bieten jedoch allen pflegenden Angehörigen an, bei unserer Partnerfirma «Goldstück AG», welche diese Ausbildung anbieten darf, den Kurs kostenlos online zu absolvieren. Für die Praxisausbildung hat Goldstück und die IAHA einen eigenen «teacher@home». Diese Berufsschullehrerin geht zu den Familien und pflegenden Angehörigen nach Hause und schult sie ganz spezifisch individuell 1:1. Dies speziell aus der Situation, dass pflegende Angehörige meistens gar nicht aus dem Haus können, da sie keinen Ersatz haben, der dann für das Familienmitglied sorgt.

Welchen Lohn bezahlen Sie den Angehörigen?
CHF 36.60 CHF pro Stunde, plus gratis Pflegehelferkurs und interne Weiterbildungen. Ebenso ist der Zugang zu unserer Matching-Plattform kostenlos. Dort können pflegende Angehörige Entlastungspersonen finden.


Barbara Radtke

ist Präsidentin der IAHA. Sie hat an der HSG einen Executive Master abgeschlossen sowie weitere Ausbildungen absolviert. Zudem ist sie u.a. Verwaltungsrätin der Insel Spital Gruppe.